Test: Wie kulant ist die VAG gegenüber Kindern?

David Weigend

Wie reagieren VAG-Fahrer, wenn Kinder einsteigen wollen, aber nur einen 50-Euroschein dabeihaben? Lassen sie junge Fahrgäste ohne Geld in der Tasche am Bahnsteig stehen, obwohl sie verletzt sind? Bei unseren Kulanz-Stichproben legten einige VAG-Fahrer ein fragwürdiges Verhalten an den Tag.



Die Fälle häufen sich, in denen Schulkinder aus öffentlichen Verkehrsmitteln herausgeschmissen werden, weil sie ein ungültiges Ticket lösten oder die Monatskarte zu Hause vergessen haben. Zwar schaffen es die Schaffner der Deutschen Bahn mit ihrer übertrieben harten Linie immer noch am zuverlässigsten in die Schlagzeilen, doch auch auf regionaler Ebene sind Nachrichten wie „Heulend auf dem U-Bahnhof“ nichts Besonderes mehr. Jungen Fahrgästen in Deutschland wird es nicht gerade leicht gemacht, sich an Bahn und Bus zu gewöhnen. Wie ist das in Freiburg?


„In der Regel gehen wir gegenüber Kindern mit dem entsprechenden und notwendigen Fingerspitzengefühl vor“, behauptet VAG-Sprecher Andreas Hildebrandt. Ist das wirklich so? Wir haben die Kulanz von Bus- und Straßenbahnfahrern der VAG auf die Probe gestellt. Danach haben wir die VAG mit den teils ernüchternden Ergebnissen konfrontiert.



Das ist unsere Testperson: Chantal Bachmann, 13 Jahre alt und aus Gottenheim. Sie geht in 7. Klasse der Wilhelm-August-Lay-Realschule in Bötzingen. Wir haben den Test vergangene Woche gemacht. Auch, wenn man sich das heute schwer vorstellen kann: Am Mittwoch, den 11. März hatte es mittags zwei Grad unter Null, es schneite und es war sehr glatt auf Straßen und Gehwegen. Nicht ganz unwichtig, um die Reaktionen der VAG-Fahrer zu beurteilen.

Zu wenig Kleingeld

Test 1: Haltestelle Stadttheater, Linie 1 nach Littenweiler, 15 Uhr; Chantal geht zum Fahrer und sagt, sie habe nur einen Euro. Ein Kinderfahrschein kostet 1,30 Euro. Darf sie trotzdem mitfahren? Antwort des Fahrers: „Von mir aus. Aber wenn ein Kontrolleur kommt, hast du ein Problem.“ Der Fahrer lässt sie mitfahren, verkauft Chantal aber weder den Fahrschein, noch verlangt er von ihr den Euro.

Ist das korrekt? VAG-Sprecher Hildebrandt sagt: „Ich finde es erstmal in Ordnung, dass der Fahrer das Mädchen mitgenommen hat. Er hat es auch über die Folgen aufgeklärt und dem Kind somit eine Entscheidungsmöglichkeit gegeben. Wie das Kontrollpersonal darauf reagiert hätte, wäre abzuwarten gewesen.“

Chantal wiederholt den 1-Euro-Test später am Bertoldsbrunnen in der Buslinie 28 Richtung Hornusstraße. Diesmal verweigert ihr der Fahrer die Beförderung: „Das kann ich nicht machen. Geht nicht.“ Mit 50 Cent in der Tasche wird sie bei einem weiteren Versuch ebenso abgewiesen.

Dazu sagt Andreas Hildebrandt: „Wenn ein Kind extra kommt und sich beim Fahrer meldet, weil es eben nicht schwarzfahren möchte, denke ich schon, dass das in irgendeiner Form vom Fahrpersonal honoriert wird. Aber, für ihr Verständnis: Der Fahrer muss in jedem Fall den fehlenden Betrag aus eigener Tasche dazuzahlen.“ Honorierung von Chantals Ehrlichkeit? Fehlanzeige.



50 Euro-Schein

Test 3: Haltestelle Bertoldsbrunnen, Buslinie 28 zur Hornusstraße, 15.15 Uhr; Chantal hält einen 50 Euro-Schein in der Hand. Der Fahrer weist sie ab: „Das geht nicht, ich kann dir den Schein nicht wechseln. Du musst zum Pluspunkt gehen und den Schein wechseln.“ Chantal wiederholt den Test mit dem 50 Euro-Schein später in einem Fahrzeug der Linie1. Wieder verweigert ihr der Fahrer die Mitnahme: „Soviel Geld kann ich nicht wechseln. Mach’ den Schein woanders klein.“

In beiden Fällen haben sich die Fahrer nicht korrekt verhalten, denn sie hätten Chantal anbieten müssen, ihr eine Quittung auszustellen. Das steht in den Beförderungsbestimmungen des Regio-Verkehrsverbundes vom 1.10.2009. Wir zitieren aus Paragraph 6.2: „Soweit das Personal Geldbeträge über 10 Euro nicht wechseln kann, ist dem Fahrgast eine Quittung über den zurückbehaltenen Betrag auszustellen. Das Wechselgeld kann unter Vorlage der Quittung bei den Ausgabestellen vom Verkehrsunternehmen abgeholt werden.“



Armverletzung

Test 4: Haltestelle Johanneskirche, Linie 2 Richtung Siegesdenkmal, 15.20 Uhr; Chantal hat kein Geld dabei und simuliert eine Armverletzung: „Ich bin grad gestürzt, der Gehweg ist spiegelglatt. Mein Arm schmerzt sehr. Ich glaube, er könnte gebrochen sein. Könnte ich bitte mitfahren bis zum Siegesdenkmal? Dort wohnt mein Vater, er bringt mich dann zum Krankenhaus.“ Sie wird abgewiesen. Der Bahnfahrer antwortet in unfreundlichem Tonfall: „Man kann ohne Fahrschein nicht mitfahren.“ Chantal wiederholt den Test eine Bahn später. Diesmal nimmt der Fahrer sie mit: „Du kannst dich hinsetzen.“

Zurückgewiesen ins Schneetreiben trotz Armverletzung – ist dies das Fingerspitzengefühl, das die VAG nach eigener Aussage gegenüber Kindern walten lässt? Andreas Hildebrandt nimmt die Fahrer generell in Schutz und sagt: „Das ist immer ein bisschen situationsabhängig. Wir haben 320 verschiedene Fahrer. Da wird die Reaktion bei jedem einzelnen unterschiedlich sein. Sie können nicht für jeden erdenklichen Fall eine Linie vorgeben. Das geht einfach nicht. Es wird sicher auch stark von der Uhrzeit und vom Wetter abhängen, wie der Fahrer reagiert.“

Ein Fahrer würde nie kontrollieren können, ob die Geschichte, die ihm da erzählt wird, der Wahrheit entspricht. „Deshalb ist es eben eine Ermessensentscheidung, die der Fahrer situationsbedingt fällen muss.“



Fazit

Sieben Mal hat Chantal die Kulanz der VAG auf die Probe gestellt, nur zwei Mal sind ihr die Fahrer entgegengekommen. Dass die 13-jährige Schülerin nicht mitfahren durfte, weil sie zu wenig Geld dabei hatte, ist zumindest nachvollziehbar. Wenn diese Beförderungsbeliebigkeit Schule machen würde, wären die Fahrer mit Verhandlungen und Nachzahlungen langfristig überfordert.

Fragwürdig hingegen ist, dass kein Fahrer Chantal anbot, ihr eine Quittung auszustellen, als sie mit 50 Euro ihren Fahrschein bezahlen wollte. Sie wurde nicht einmal über diese Möglichkeit aufgeklärt. Offenbar müssen sogar Kinder bereits bestens über ihre Fahrgastrechte informiert sein, um in Freiburger Öfis irgendwie weiterzukommen.

Ziemlich befremdlich fanden wir es, als Chantal mit dem verletzten Arm abgewiesen wurde. Zwar war das nur eine Simulation, aber die Reaktion des betreffenden Straßenbahnfahrers hätte deutlich mehr Sensibilität erfordert.

"Unsere Fahrer haben regelmäßige Schulungen, in denen sie mit den Verkehrsmeistern auch solche Fälle besprechen können", sagt VAG-Sprecher Hildebrandt. Dennoch: Eine einheitliche Verhaltenspolitik des VAG-Fahrpersonals war nicht erkennbar. Es scheint Glückssache zu sein, an welchen Fahrer man gerät und wie dieser gerade gelaunt ist. Chantals Laune war am Ende des Versuchs übrigens auch im Keller, aber das lag in erster Linie an der unangenehmen Kälte. Vielen Dank nochmal für deinen Einsatz, Chantal!

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