Test: Wie hilfsbereit sind Freiburger Radfahrer?

Till Neumann, Gina Kutkat & Minh Duc Nguyen

Wir haben an der Dreisam eine Fahrradpanne simuliert, um die Freiburger zu testen. Wer hält an, um zu helfen? Warum? Wird einer jungen Frau eher geholfen als einem jungen Mann? Runter die Kette, raus der Notizblock.



1. Versuch: Till braucht Hilfe

Till hat sich auf den Fahrradweg an der Dreisam gestellt. Er simuliert eine Panne: die Kette seines Fahrrads ist runtergegangen und hat sich verklemmt. Er wird jetzt, möglichst hilflos wirkend, an seiner Fahrradkette ziehen und drücken. Um Hilfe wird er niemanden bitten. Denn wir wollen herausfinden, ob die Freiburger Radler von sich aus Hilfe anbieten.



In den ersten fünf Minuten tut sich nichts. Die Fahrräder rauschen vorbei. Teilweise schauen die Radler fragend in Tills Richtung. Aber halten will keiner. Dann endlich, nach 25 teilnahmslosen Fahrradfahrern, hält Hannah. Sie steigt ab und bietet Hilfe an.



Hannah, ist es für dich normal, dass du jemandem hilfst?

Selbstverständlich. Ich habe jetzt zwar wenig Zeit, aber kurz helfen kann man doch immer.

Warst du schon einmal in einer Situation, in der du auf die Hilfsbereitschaft anderer angewiesen warst?

Ich hatte mal einen Platten im Wald. Die Leute waren sehr nett und haben mir geholfen, auch ohne Aufforderung.

Weiter geht's. Till wartet wieder auf Helfer. Die Zeit verstreicht, nichts passiert. Doch dann, nach zehn Minuten, hält der nächste Radler. Axel, 39 Jahre alt, ist mit dem Mountainbike unterwegs und will helfen.



Axel, findest du es selbsverständlich, anderen zu helfen?

Na klar! Ich habe jetzt eigentlich zu tun und kein Werkzeug dabei. Ich habe gedacht, ich könnte trotzdem mal schauen, was für ein Problem es gibt. Wie ist deine Erfahrung mit der Hilfsbereitschaft anderer? Ich war bis jetzt noch nie in einer Situation, in der ich richtig Hilfe gebraucht hätte. Ich konnte mir meist selbst helfen.

Strategiewechsel. Jetzt wird Till die vorbeifahrenden Leute ansprechen, statt einfach zu warten: "Entschuldigung, können Sie mir helfen?"

Und siehe da. So geht es schneller. Schon nach kurzer Zeit hält Elisa, 18 Jahre alt.



Elisa, ist das für dich normal, dass du jemandem hilfst?

Ja, klar.

Hättest du auch eingegriffen, wenn ich dich nicht gefragt hätte?

Ich habe es mir erst überlegt, als ich ihn mit dem Fahrrad gesehen habe. Aber ich denke, ja.

Warst du schon mal in einer Situation, in der du auf die Hilfe anderer angewiesen warst?

Nein, bis jetzt zum Glück noch nicht.

Nächster Versuch. Hop, wieder geht es schnell. Karsten, 31 Jahre alt, ist zur Stelle.



Karsten, ist das für dich normal, dass du jemandem hilfst?

Eigentlich schon.

Hättest du auch eingegriffen, wenn er dich nicht gefragt hätte?

Ich denke nicht. Das sieht nicht nach einer richtigen Panne aus. Und außerdem sieht er so aus, als müsste er damit fertig werden.

Wie sind deine Erfahrungen mit der Hilfsbereitschaft anderer?

Bis jetzt war ich noch nicht in einer solchen Situation.

Letzter Versuch. Wir fragen David, er ist 23.



David, ist es für dich selbstvertändlich, zu helfen?

Natürlich.

Hättest du auch eingegriffen, wenn ich dich nicht gefragt hätte?

Gute Frage. Er ist ein junger Mann und sieht nicht gerade hilfsbedürftig aus. Ich glaube, eher nicht. Wenn jemand blutend da liegen würde, würde ich auf jeden Fall helfen, das ist etwas anderes.

Warst du schon mal auf die Hilfe anderer angewiesen?

Nicht mit dem Fahrrad, aber bei einer Autopanne. Da haben mir die Leute sofort geholfen.

2. Versuch: Gina braucht Hilfe

Im zweiten Versuch testen wir, ob die Vorbeifahrenden einem Mädchen eher helfen als einem Jungen. Gina nimmt den Platz von Till ein. Bei ihrem schwarzen
Damenrad ist die Kette runtergegangen, genau wie bei Till. Auch sie wird vorerst nicht um Hilfe bitten. Schauen wir, was passiert.



Rschh, Rschh, Rschh. Die Radler fahren vorbei. Einige schauen fragend in Ginas Richtung, aber keiner hält. Dann, nach sechs Minuten, kommt Hilfe. Muneyuki, 21 Jahre alt, hält an.



Muneyuki, warum hast du angehalten?

Ich habe Ahnung von Fahrrädern. Ich dachte, ich kann hier vielleicht helfen. Wenn ich Zeit habe, helfe ich gern. Ich bin beim Rettungsdienst.

Welche Erfahrungen hast du mit der Hilfsbereitschaft anderer Leute gemacht?

Einmal hatte ich eine Panne. Ich konnte das selbst reparieren, aber mir wurde trotzdem Hilfe angeboten. Das war nett.

Weiter geht's. Gina bearbeitet ihre Kette. Die Radler schauen, bremsen leicht, bleiben aber nicht stehen. Doch. Nach zehn Minuten kommt Nicolai. Der 16-jährige ist zu Fuß unterwegs und will helfen.



Nicolai, warum hast du angehalten?

Weil sie gut aussieht!

Hättest du auch einem Jungen Hilfe angeboten?

Ja, ich denke schon. Ich bin ein hilfsbereiter Mensch.

Gina wartet erneut auf Hilfe. 1,2,3...12,13,14...die Radler zischen vorbei. Dann hält Benjamin, 25 Jahre alt.



Benjamin, warum hast du gehalten?

Für mich ist es normal, zu helfen. Gina sah so aus, als könnte sie meine Hilfe gebrauchen. Zivilcourage zu zeigen ist wichtig. Wir haben das Thema ja gerade auch in den Medien.

Welche Erfahrungen hast du gemacht mit der Hilfsbereitschaft anderer?

Ich war noch nicht in so einer Situation, aber ich finde schon, dass wir eine Ich-schau-lieber-mal-weg-Mentalität haben. Die Leute sind im Allgemeinen eher nicht hilfsbereit. Jeder kümmert sich vor allem um sich selbst.

Wir wollen noch mehr Hilfsbereite finden. Und siehe da. Gina hat Glück. Es dauert nur drei Minuten. Schon ist Jonas da, 17 Jahre alt und hilfsbereit.



Jonas, warum hast du angehalten?

Ich kenne mich gut aus mit Fahrrädern, da ich in der Fahrradwerkstatt bei der blauen Brücke arbeite. Ich dachte, ich könnte sicher helfen.

Würdest du auch anhalten, wenn du nicht helfen kannst? Zum Beispiel bei einer Autopanne?

In so einer Situation vielleicht eher nicht.

Wie ist dein Eindruck: sind die Freiburger hilfsbereit?

Bei uns auf der Fahrradbrücke wird bei Pannen selten geholfen. Ich würde sagen, die Freiburger sind eher weniger hilfsbereit.

Letzter Versuch. Gina bringt sich in Position. Wieder wartet sie einige Minuten. Dann kommt Heike, 24 Jahre alt.



Heike, warum hast du gehalten?

Ich dachte, Gina hätte einen Platten. Dann stand ich oben an der Ampel und habe nochmal zurückgeschaut. Es sah beim zweiten Hinschauen eher nach einer runtergesprungenen Kette aus. Da kann ich helfen, dachte ich mir, und bin nochmal zurückgefahren.

Wärst du auch zurückgefahren, wenn ein Junge an Ginas Stelle gewesen wäre?

Eher nicht. Einem Jungen traut man doch zu, sein Fahrrad selbst reparieren zu können.

Wie sind deine Erfahrungen mit der Hilfsbereitschaft anderer?

Ich fahre regelmäßig Zug und erlebe dort wenig Hilfsbereitschaft. Gerade ältere Leute und Blinde benötigen Hilfe beim Ein- oder Aussteigen. Oft hilft ihnen keiner.



Fazit

Im Schnitt mussten wir ungefähr fünf Minuten warten, bis jemand angehalten hat, um zu helfen. Haben wir nicht direkt um Hilfe gebeten, dauerte es etwas länger. Suchten wir direkt den Kontakt, haben wir sehr schnell Hilfe bekommen.

Viele Radler sind am Pannenort langsamer geworden und haben Blickkontakt gesucht. Das zeigt, dass grundsätzlich Hilfsbereitschaft da ist.

Man muss natürlich berücksichtigen, dass wir nur eine kleine Fahrradpanne simuliert haben. Eine runtergesprungene Kette ist nicht zu vergleichen mit einem schweren Unfall oder einer Schlägerei.

Die Antworten der Hilfsbereiten haben gezeigt, dass viele unangesprochen nicht halten, da sie davon ausgehen, dass keine Hilfe gebraucht wird. Dies war insbesondere der Fall, als Till die Panne simuliert hat. Einem jungen Mann traut man offensichtlich eher zu, ein Fahrrad zu reparieren, als einer jungen Frau.

Ein Passant hat zugegeben, bei Gina gehalten zu haben, da er sie hübsch findet. Bei Till haben mehr Mädchen gehalten als bei Gina. Der Geschlechterfaktor scheint also auch eine kleine Rolle zu spielen.

Unter den zehn Hilfsbereiten waren sieben Männer und drei Frauen. Der hohe Männeranteil ist wohl damit zu erklären, dass Männer tendentiell eher Räder reparieren können/wollen als Frauen.

Eine Weg-Schau-Mentalität konnten wir insgesamt nicht feststellen. Die Freiburger sind hilfreicher als gedacht. Danke!

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