Terrorschutz in Bus und Bahn? ich melde mich freiwillig!

Christoph Müller-Stoffels

Grandioser Vorschlag! Nach den gescheiterten Bombenanschlägen auf zwei Regionalverkehrszüge will Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) Hartz-IV-Empfänger als unbewaffnete Zivilpatrouillen im Öffentlichen Personennahverkehr einsetzen. fudder-Autor Christoph hat sich beim Ministerium freiwillig für den Job gemeldet.

  Viermal tutet es in der Leitung, dann wird die Verbindung hergestellt.    

Bundesverkehrsministerium: “Bundesverkehrsministerium, guten Tag!”  

fudder: “Guten Tag, ich habe von dem Vorschlag von Herrn Minister Tiefensee gehört, dass jetzt Hartz-IV- Empfänger in Bussen und Bahnen patrouillieren sollen. Ich würde mich gerne freiwillig melden.”   Bundesverkehrsministerium: “Ähm... ja... also...”   fudder: “Oder bin ich da bei Ihnen gar nicht an der richtigen Adresse?”   Bundesverkehrsministerium: “Doch, schon. Aber im Augenblick kann ich Ihre Bewerbung noch nicht entgegen nehmen. Der Vorschlag vom Minister ist ja noch ganz frisch.”   fudder: “Aber das kommt doch, oder? Ich habe mich auch schon mit meinen Freunden ausgetauscht. Wir würden den Job echt gerne machen!”   Bundesverkehrsministerium: “Also, das verstehe ich ja...”   fudder: (etwas aufbrausend) “Ich bin doch nicht der einzige, der sich jetzt darauf gemeldet hat, oder?”   Bundesverkehrsministerium: (beruhigend) “Nein, nein, Sie sind nicht der einzige! Aber ich kann Ihnen da leider noch nichts Konkretes sagen. Wir müssen erst einmal die nächsten Tage abwarten, was aus dem Vorschlag wird.”   fudder: (traurig) “Schade. Da kann man wohl nichts machen.”   Bundesverkehrsministerium: “Melden Sie sich in ein paar Tagen noch einmal. Dann kann ich Ihnen vielleicht mehr sagen.”  

    Man darf das jetzt nicht falsch verstehen. Auch wenn Kollege Niebel von der FDP den Vorschlag gleich als “populistischen Quatsch” abtut, ist die Idee ja eigentlich grandios. Immer wieder wird vom Staat gefordert, endlich Arbeit für alle zu schaffen ? hier ist sie. “Das würde kaum zusätzliche Kosten verursachen”, begründet Tiefensee sein vorhaben.

Und, geben wir es doch zu, es wäre viel persönlicher, als das Vorhaben der Union, selbst die stillsten Örtchen mit Kameras auszustatten. Da wollen die Sozis nicht mitmachen. Sie haben die Zeichen der Zeit erkannt und machen den Slogan “Näher am Menschen” zum Programm. Überall, wo die Union auf kalte Technik setzt, wirbt die SPD für den direkten Kontakt von Mensch zu Mensch. Also keine videoüberwachten Toiletten, sondern einfach mal ein Hartz-IV-Empfänger, der höflich klopft und freundlich fragt, ob er sich ganz unaufdringlich dazugesellen darf, wegen der Terrorgefahr.     Als Nächstes versuche ich mein Glück beim Regio-Verkehrsverbund Freiburg (RVF).      
 

RVF: “RVF, guten Tag!”   fudder: “Guten Tag, ich habe von dem Vorschlag von Herrn Minister Tiefensee gehört, dass jetzt Hartz-IV-Empfänger in Bussen und Bahnen patrouillieren sollen. Ich würde mich gerne freiwillig melden. Bin ich da bei Ihnen richtig?”   RVF: “Oje, da kann ich Ihnen gar nichts zu sagen. Ich verbinde Sie mit meinem Kollegen.”   Die arme Frau klingt merklich irritiert. Mal sehen, wie der Kollege reagiert.   RVF: “Guten Tag, was kann ich für Sie tun?”   Ich wiederhole meinen Text. Am anderen Ende der Leitung höre ich nur ... Schweigen.   RVF: “Also... Ja, ich hab auch von dem Vorschlag gehört. Aber der ist doch ziemlich frisch, oder?”   fudder: “Ja, von Anfang der Woche, aber die ist doch toll. Wir Hartz-IV-Empfänger würden endlich wieder etwas zu tun bekommen.”   RVF: “Ja, das verstehe ich. Ich finde das auch gut, dass Sie so engagiert sind. Aber man müsste ja auch die rechtliche Seite überprüfen und das neue Personal müsste auch geschult werden. Ich weiß bisher nur von der Berliner Verkehrsgemeinschaft, dass sie da Studien anstellt.”   fudder: “Aber das wird für Freiburg schon kommen, oder?”   RVF: “Das kann ich Ihnen leider noch nicht sagen. Die Idee ist ja noch ziemlich unausgegoren. Aber ich finde es wirklich toll, dass Sie sich hier im ÖPNV so einsetzen wollen. Mir macht mein job hier auch sehr viel Spaß!”   Dann will er mir doch Hoffnung machen.   RVF: “Aber wenn es kommt, dann sicherlich auch in so Städten wie Freiburg...”   Das befürchte ich auch...  

      Natürlich erinnert Tiefensees Vorschlag an die Debatte, Arbeitslose als Erntehelfer einzusetzen. Spargelstechen sollten sie. Was haben die Polen aufgeatmet als sich herausstellte, dass der deutsche Arbeitslose für den Job nicht robust genug ist.

Diesmal fürchten sogar zwei Branchen um ihren Job. Einerseits sind da natürlich die traditionellen Wach- und Schließgesellschaften, die sich berechtigterweise für qualifizierter halten, als es ein fachfremder Hartz-IV-Wachmann wäre. Andererseits fürchten auch Comedians um ihren Job, denn, so mutmaßt ein Leser im Forum der FAZ an den Minister gewandt, “könnte es sein, dass Sie selbst durch Ihre heutige Äußerung einen Beitrag zur Terrorismusbekämpfung leisten wollen, indem Sie hoffen, dass sich die Terroristen totlachen werden, wenn sie von Ihrem Vorschlag hören?”      
Im Bundesverkehrsministerium ist an diesem Tag dauernd besetzt. Wahrscheinlich bin ich nicht der einzige, der auf die Idee gekommen ist, Osamas Terroristen suchen. Auch beim Freiburger Arbeitsamt komme ich nicht durch. “...wenn Sie Informationen zum Kindergeld haben möchten, drücken Sie die fünf, wenn Sie allgemeine Informationen haben möchten, drücken Sie die acht.” Besetzt. Schade! Ich hätte so gerne noch einmal nachgefragt, wann ich den Job antreten kann, und mit mir Millionen andere Arbeitslose. Gemeinsam gegen die Terroristen.  
     

Dabei bleibt zu vermuten, dass die Terroristen von den Politikern gar nicht als die große Bedrohung angesehen werden, sondern vielmehr die Hartz-IV-Empfänger. Man kann den Eindruck gewinnen, dass die vielen Arbeitslosen von der Politik nur noch als Angst einflößende, unüberschaubare Masse wahrgenommen werden, die für schlechte Wahlergebnisse sorgen.

Anders sind die Vorschläge für umfassende Lösungen nicht zu verstehen. Möglichst schnell sollen möglichst viele Arbeitslose aus den Statistiken verschwinden. In diesem Licht betrachtet ist Tiefensees Schnellschuß auch schon wieder ganz anders zu betrachten. Nicht nur wären plötzlich viele Menschen beschäftigt, sollte es zu einem Anschlag auf Bus und Bahn kommen, wären sie gar nicht mehr da. Von sozialverträglichem Frühableben zu reden ist natürlich viel zu makaber.

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