Telekom-Callcenter: Die Folgen der Schließung

Nikolai Worms

Vergangene Woche informierte die Telekom ihre Freiburger Angestellten, dass das Callcenter an der Linnéstraße 2009 geschlossen wird. Die Arbeitsplätze sollen nach Rottweil verlegt werden. Telekom-Mitarbeiter Franz Birkle (51) ist von der Schließung betroffen und sagt im fudder-Interview: "Letztlich geht es um Personalabbau um jeden Preis."



Franz Birkle hat für das Gespräch seine Freizeit geopfert, "aber die ist es mir allemal wert". Aufgeräumt und entschlossen wirkt er, an einigen Stellen des Gesprächs merkt man ihm deutlich die Enttäuschung über die Entscheidung seines Arbeitgebers an. Der 51-Jährige hat sich vorbereitet und packt einen gut sortierten Stapel aus: Pressemeldungen, Ausdrucken von E-Mails und Fahrpläne. Mit denen wird er seine Antworten während des Interviews immer wieder veranschaulichen.


Herr Birkle, wie lange sind Sie schon bei der Telekom?

Ich habe eine Ausbildung als Fernmeldehandwerker gemacht und 1972 dort angefangen, bin also seit 36 Jahren dabei.

Wie und von wem haben Sie und die anderen Mitarbeiter von der Schließung erfahren?

Zuerst aus der Presse. Ich habe die Schlagzeile am Wochenende zufällig im Videotext gelesen. Bis Donnerstagnachmittag wusste man nichts genaues, dann kam auch an uns die Mail, dass der Standort Freiburg geschlossen wird. Alles war perfekt organisiert: Es standen schon drei Busse vor der Tür, die die Mitarbeiter ins Novotel brachten; dort informierte uns dann jemand von der Konzernleitung über die Schließung. Wir wurden vor vollendete Tatsachen gestellt.

Welche Alternative bietet Ihnen die Telekom an?

Es gibt für uns nur zwei Alternativen: In Rottweil weiterzuarbeiten oder zu kündigen. Ein Callcenter arbeitet angeblich ab 400 Mitarbeitern wirtschaftlich. Von den Standorten Freiburg und Konstanz müssten demnach sämtliche Angestellten mitgehen, um das Callcenter wirtschaftlich zu machen.

Dies ist also das Problem für die Freiburger Mitarbeiter.

Ich habe heute mit einem leitenden Angestellten aus Stuttgart gesprochen, dem habe ich die Frage gestellt: Würden Sie täglich von Stuttgart nach Rottweil fahren? Da hat er gesagt: Ja, denn da gibt’s eine Autobahn. Es ist in der Zentrale aber bekannt, dass es nicht leistbar ist, täglich zwischen Freiburg und Rottweil zu pendeln. Die Fahrtstrecke beträgt fast hundert Kilometer, was sich vielleicht erstmal machbar anhört. Allerdings geht die Strecke über Berg und Tal, ist sehr kurvenreich und man braucht selbst bei freier Fahrt beinahe zwei Stunden, bei Schneefall noch deutlich länger.

Wie sieht es mit den öffentlichen Verkehrsmitteln aus?

Wir haben Dienst von 7 Uhr bis 22 Uhr, mit den jetzigen Verbindungen kommen wir ab 21 Uhr auf keinen Fall mehr nach Hause. Die Fahrtzeit von meiner Haustür zum Arbeitsplatz in Rottweil beträgt für mich fast drei Stunden. Diese Fahrtzeiten sind von keinem leistbar, und auch das ist in der Zentrale bekannt.



Wenn das Problem offensichtlich bekannt ist: Welche Lösung schlägt die Leitung für die Pendler vor?

Es gibt bisher keine Lösung, das Konzept wird wie geplant durchgezogen. Man versucht anscheinend, irgendwelche Alternativen zu finden, aber was ist das für eine Vorgehensweise -  erst zuzumachen und danach zu überlegen, wie es weitergehen soll. Fakt ist, dass sehr viele von uns nicht mitgehen werden, weil sie es sich zeitlich und finanziell nicht leisten können.

Von welchen Gründen für die Schließung wissen Sie?

Unsere Zentrale findet immer schöne Worte. Das Motto lautet Modernisierung, Service und Arbeitsbedingungen für Kunden und Mitarbeiter sollen optimiert werden. Nun werden die Standorte Freiburg und Konstanz aufgegeben, obwohl sich unsere Callcenter mit ihrer Leistung und auch dem Absatz seit Jahren an der bundesweiten Spitze befinden.

Noch im Mai wurden unsere guten Leistungen honoriert, auch weil wir einen sehr niedrigen Krankenstand haben. Nur drei Monate später wird der Standort geschlossen. Dass Leistung sich lohnt, dass Qualität zählt, dass sich der Kundenservice verbessern soll: Für mich ist das nur noch hohles Managementgeschwätz. Letzendlich geht es um Personalabbau, und zwar um jeden Preis.



Die Konzernleitung bietet jedem Mitarbeiter aus Freiburg eine Stelle im neuen Rottweiler Callcenter.

Die Großzügigkeit der Geschäftsleitung, dass jeder Beschäftigte ein Arbeitsplatzangebot bekommt, ist mit Vorsicht zu genießen. Die eigentlichen Gründe, dass es sich nämlich einzig und allein um eine Personalabbaumaßnahme handelt, werden nicht beim Namen genannt. Die Geschäftsleitung rechnet meiner Meinung nach damit, dass der Leidensdruck für die Kolleginnen und Kollegen stark genug ansteigt und sie das Unternehmen freiwillig verlassen.

Die freien Stellen füllen dann junge und billigere Arbeitskräfte mit befristeten Verträgen auf. Das ist für mich absolut widersprüchlich, da man doch mit einer Verbesserung des Kundenservice argumentiert. Der enorme Verlust an Know-How wird aber das genaue Gegenteil bewirken: die Servicequalität geht noch mehr in den Keller. Dieser Verlust wird in Kauf genommen.

Die Rechnung der Konzernleitung scheint aufzugehen. Sie sagen, dass viele ihrer Kollegen die Stelle verständlicherweise nicht werden antreten können.

Genau. Ich habe in den letzten Tagen mit vielen Leuten geredet, kein einziger hat mir bisher gesagt, dass er oder sie nach Rottweil geht. Ich selbst habe zu Hause einen 82-jährigen Vater, den ich unterstützen muss, und eine 17-jährige Tochter. Da kann ich nicht einfach sagen: ich gehe, schaut, wie ihr klar kommt. Heute habe ich mit einer Teilzeitkraft gesprochen, sie ist alleinerziehend und hat zwei kleine Kinder. Sie könnte weder einen einzigen zusätzlichen Euro für die Fahrtkosten aufbringen, noch könnte sie es sich zeitlich leisten. Und so geht es den meisten.



Wie lange wird es das Freiburger Callcenter überhaupt noch geben?

Der Vorgesetzte aus Stuttgart teilte mir mit, dass der Standort in Freiburg voraussichtlich noch ein gutes Jahr gehalten wird.

In den vergangenen Jahren wurden bei großen Entlassungen oder Standortentscheidungen immer wieder Stimmen nach staatlicher Regulierung laut. Erhoffen Sie sich Unterstützung aus der Politik?

Ein Drittel der Telekom gehört noch dem Bund, allerdings hören wir von denen derzeit gar nichts. Dabei sind Familienfreundlichkeit und Arbeitnehmerorientierung doch erklärte politische Ziele! Enttäuscht bin ich auch von den Freiburger Politikern: Oberbürgermeister Salomon stellte auf Anfrage der BZ neulich nur lapidar fest, dass der Telekom-Konzern Standortentscheidungen eben aus wirtschaftlichen Erwägungen treffe. Dabei gehen doch auch der Stadt Steuereinnahmen verloren.

Was würden Sie sich von Herrn Salomon wünschen?

Er sollte ein Signal setzen, so wie der Bürgermeister in Neustadt an der Weinstraße nach der angekündigten Schließung dort: Er hat in einem Brief an René Obermann mit dem Wechsel aller städtischen Ämter und Behörden zu einem anderen Telefonanbieter gedroht.

Wie motiviert sind Sie noch?

Ich war schon immer ein Kämpfer und habe mich nie demotivieren lassen. Momentan fällt es mir allerdings schwer. Die jüngeren Leute werden mit einem Stellenwechsel kein großes Problem haben, die vielen älteren werden auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr unterkommen.