Telefonzellen-Melancholie

Philipp Barth

Wer benutzt im Zeitalter des omnipräsenten Handys eigentlich noch ein öffentliches Telefon? Wir haben das mal beobachtet.



Sie war mehr als nur ein Ort der Kommunikation: die gute alte Telefonzelle. Eine Oase der Ruhe, in die man sich flüchten konnte, vor Regen und Wind, in der man die erste Freundin küsste oder heimlich eine Zigarette rauchte. Sie war ein Ort der Überraschung: Hatten pubertierende Jungs den Hörer ausgerissen? War das Telefonbuch zerfleddert? Manchmal roch es nach kaltem Rauch, manchmal ziemlich muffig, und nicht selten musste man zum Telefonieren anstehen.


Heute gibt es nur noch fünf Telefonzellen in Freiburg, die im gedeckten Gelb der Bundespost wie aus einer anderen Zeit wirken. Denn über die Jahre kam das Grau-Magenta der Telekom, aus der Telefonzelle wurde die „Telefonsäule“ und das Handy trat seinen Siegeszug an.

Gefühlt telefoniert niemand mehr am öffentlichen Telefon. An der Haltestelle Bertoldsbrunnen stehen gruppiert drei Telefonsäulen und eine sogenannte Multimediastation. Hier ist das Zentrum der Stadt, hier schlägt der Puls Freiburgs. Wenn jemand telefoniert, dann hier.

Ein Jugendlicher nähert sich zielstrebig, er scheint es eilig zu haben. Schnell versenkt er ein Geldstück im Apparat und wählt. Jemand aus der Handygeneration ohne Handy? Fehlanzeige.  Marius Hochstädter (Bild rechts) hat kein Guthaben mehr, nur deshalb greift er zum rosa Telefonhörer. „Ich habe keinen Vertrag und bin deshalb öfter mal an der Telefonzelle. Gerade habe ich einen Freund angerufen, der schon längst hier sein sollte“, sagt er und eilt davon.

Eine halbe Stunde vergeht, bis der nächste in seiner Tasche nach Kleingeld sucht. Lance Coul (Bild links) ist gebürtiger Algerier und wohnt in der Nähe von Lübeck. In Freiburg sucht er einen Job als Koch. „Ich habe seit neun Monaten nicht mehr an der Telefonzelle telefoniert. Jetzt habe ich gerade kein Guthaben mehr und will mich mit einem Freund verabreden“, sagt er.

Das öffentliche Telefon scheint zur Notlösung geworden zu sein. Auch die Zahlen sprechen dafür: 1999 registrierte die Telekom noch etwa eine Milliarde Gespräche, im letzten Jahr waren es nur noch gut ein Zehntel, nämlich 120 Millionen. Die Telefonzellen, Telefonhauben und Telefonsäulen, wie die verschiedenen Modelle im Telekom-Jargon genannt werden, verwaisen immer mehr.

Das Unternehmen reagiert und baut seit 2008 ab. Telefone, die weniger als zehn Euro Umsatz im Monat machen, rentieren sich nicht, denn der Unterhalt kostet im Durchschnitt das Zehnfache. Wenn eine Gemeinde trotzdem nicht auf das Telefon am Dorfplatz verzichten möchte, kann sie einen sogenannten Bedarf anmelden. Dann bleibt die Zelle, auch wenn sie keinen Gewinn abwirft. Trotzdem ist die Zahl der öffentlichen Telefone allein in den letzten drei Jahren von 110000 auf 80000 gesunken – Tendenz weiter fallend.

Neben den Telefonen in der Freiburger Fußgängerzone hat mittlerweile ein junger Mann mit Sonnenbrille und weißem Unterhemd seine Gitarre herausgeholt und singt verträumten Deutschrock. Straßenbahnen halten im Minutentakt und entlassen Menschenströme in den sonnigen Frühlingstag. Sie verteilen sich überall hin, nur nicht in Richtung öffentliche Telefone, so, als würden die gar nicht dazugehören zur Hektik des 21. Jahrhunderts.

Dann tut sich was. Ein Mann um die fünfzig, in Karohemd und mit Baseballkappe, schlendert vorbei und greift routiniert in die Münzrückgabefächer. Das sei ein Sport von ihm, sagt er, das gebe ein wenig Adrenalin. In den letzten zwei Jahren hat er so nach eigener Schätzung 20 Euro gefunden. „Aber es gibt mittlerweile immer mehr Leute, die das professionell betreiben. Da bleibt selten was übrig.“ Vielleicht finden die „Profis“ manchmal sogar alte Pfennigmünzen in der Rückgabe. Fast alle Apparate akzeptieren noch die D-Mark, zu einem Kurs von zwei zu eins.

Kleingeld hat Günter Walz (Bild rechts), der kurze Zeit später telefoniert, nicht nötig. Der Rentner aus dem Stühlinger hat eine Telefonkarte. „Die Auswirkungen der Handystrahlung sind noch nicht ganz erforscht, und ich möchte mich noch eine Weile halten mit meinen 66 Jahren. Deshalb greife ich gerne auf öffentliche Telefone zurück und meide mein Handy“, sagt er. Damit  gehört er  zu einer  Minderheit. Mit knapp 110 Millionen aktiven SIM-Karten in Deutschland, das sind  1,3 pro Bewohner, ist das Handy allgegenwärtig.

Die Zukunft liegt deshalb laut Telekom-Sprecher Udo Harbers in sogenannten Multimedia-Stationen, die vor allem an zentralen Plätzen in Großstädten Kunden locken sollen. Die Telekom bietet dort neben dem Internetzugang vor allem Tourismus-Informationen.

„Das ist ein Ergänzungsangebot zu Smartphones, deren Display doch ziemlich klein ist“, sagt Harbers. 1200 Multimediastationen sind deutschlandweit in Betrieb, in Freiburg sind es 16. Auf der Multimediastation am Bertoldsbrunnen läuft Werbung für einen Hotelvermittler. Einmal tippt ein Mann gelangweilt auf dem Touchscreen-Bildschirm herum. Hat der wirklich Interesse an Tourismusinformationen über Freiburg oder  der Wettervorhersage? Er überbrücke nur die Zeit, sagt er, in der seine weibliche Begleitung in einem Geschäft nach Schmuck schaut.

SMS verschicken aus der Telefonzelle

Am gegenüberliegenden Telefon hat mittlerweile Nadja Ashong (Bild links) eine Premiere hinter sich: „Ich habe meine Handyrechnung nicht gezahlt und deshalb ist meine SIM-Karte gesperrt. Und da habe ich gerade zum ersten Mal per Telefonzelle eine SMS versendet“, sagt die Barfrau aus dem Vauban. „Das war ein bisschen umständlich, weil es da keine T9-Eingabehilfe gibt.“

Wie viele Menschen wohl wissen, dass das SMS-Versenden aus der Telefonzelle überhaupt möglich ist? Einige müssen es sein, denn im letzten Jahr verschickten die Deutschen etwa 3,5 Millionen SMS von öffentlichen Telefonen aus. Aber auch hier liegt das mobile Telefon eindeutig vorn: mit 41 Milliarden Kurznachrichten im Jahr 2010. Doch damit scheint der Höhepunkt  erreicht. Erstmals seit Jahren ist die Anzahl im Vergleich zum Vorjahr stabil geblieben.

Am Bertoldsbrunnen spielt mittlerweile eine Band im Abendlicht Balkanmusik. Mit dem Eis in der einen Hand und dem Stadtplan in der anderen flanieren Touristen. Die öffentlichen Telefone scheint jetzt wirklich niemand mehr zu brauchen.

Oder doch? Zwei Mädchen in blumigen Sommerkleidern reißen sich von der Hand ihrer Mutter. Sie nehmen sich jeweils einen Hörer und spielen aufgeregt telefonieren.