Tele und die Kunst des Halbplaybacks

Carolin Buchheim

Nächsten Freitag werden die Exil-Freiburger der Band Tele mit ihrer aktuellen Single 'Mario' bei Stefan Raabs 'Bundesvision Song Contest' Baden-Württemberg repräsentieren. Tele-Gitarrist Tobias Rodäbel erzählte im fudder-Gespräch vom neuen Album 'Wir brauchen nichts' und dem gleichnamigen Sex-Song, der bleibenden Verbindungen nach Freiburg und von der Kunst des Halbplaybacks.



Tobias, wie würdest Du den Sound von Tele einer tauben Person beschreiben?

Ich würde über das Visuelle gehen: Der Sound von Tele ist bunt, farbenfroh, manchmal ein bisschen chaotisch, dann aber wieder sehr geordnet. Es gibt wunderschöne Landschaften und auch enge Häuserschluchten; Spazierwege und Kanonenplätze, von denen aus man wunderschön über die ganze Stadt schauen und sich ausruhen kann, und dann schmeisst man sich wieder ins Getümmel.

Erzähl mal was zu Eurem neuen Album, 'Wir brauchen nichts'. Was ist daran das Besondere?

Na, dass es von uns ist, natürlich! Dieses Album ist ja quasi unser Zweieinhalbtes, nein, unser Dreieinvierteltes oder so, ich weiß es gar nicht genau. Das Prägnanteste daran ist natürlich, dass Jörg jetzt dabei ist, Jörg Holdinghausen, den wir in Berlin kennen gelernt haben, und der unser neuer und fester und Hoffentlich-für-immer-Bassist ist. Wir haben Jörg über Freunde kennen gelernt und er hat sich wirklich sehr viel eingebracht beim neuen Album, deswegen ist das so das Prägnanteste für uns. Ich glaub dass ihr da draußen das vielleicht nicht unbedingt so bemerkt, 'Ah, da ist ja ein neuer Bassist, wunderbar', aber wir haben es sehr gemerkt. Für uns war es auch besonders, dass wir uns dieses Mal sehr viel Zeit genommen haben zum Spielen. Man spielt ja, und macht die Songs zusammen, und dann geht es los, dass Du anfängst das irgendwie aufzunehmen und dann nimmst Du es richtig-richtig auf, so dass Du nicht mehr sagen kannst, so ich mach' das jetzt noch mal anders. Das sind eigentlich so drei Phasen. Die erste Phase, das Zusammen-als-Band-spielen, dass die Songs eben funktionieren wenn wir zusammen im Studio stehen, das war uns sehr wichtig und da haben wir uns im Januar 2006 für einen ganzen Monat in ein ehemaliges Rundfunk- und Hörspielstudio der ehemaligen DDR in Berlin-Köpenick eingemietet, so ein bisschen außerhalb der Stadt, und haben da von Morgens bis Abends gespielt. Ich glaube, das hat uns sehr gut getan.

Ich hab gelesen, dass Eure Songs im Studio entstehen und Francesco die Texte parallel zur Musik entwickelt. Hat Jörg wegen dieser Art Songs zu schreiben auch so einen großen Einfluss auf das neue Album gehabt?

Ja, genau. Es kommt bei uns fast nie vor, dass jemand mit einem fertigen Song ins Studio kommt und sagt 'Hier, das ist der Song, spielt das und das' und dann ist es geil. Eigentlich kommt jemand immer nur mit einer Idee, oder einem kleinen Ideechen, einer Gitarre, oder ein bestimmtes Klavier, wie bei 'Mario' da kam Patrick mit einer Klavieridee, die er selber gar nicht so stark fand und hat da so rumgedudelt und wir waren dann alle so 'Hey, bleib da mal drauf'. 'Mario' ist auch so ein gutes Beispiel für unser Songwriting, wir haben halt uns alle so musikalische Bälle zugeworfen und geguckt, was da so passiert, und Francesco ist da immer dann auch voll dabei und ich glaube eine der ersten Zeilen, die er dann so reingeschmettert hat war 'Mario, Mario, oh, oh, Mario, er war noch jung und seine Eltern waren reich, gleich geht die Bombe hoch'. Der letzte Teil ist jetzt aus dem Song 'raus, aber Francesco improvisiert immer; Seine Textfindung passiert immer sehr musikalisch. Die Worte, also der Klang der Worte, muss sofort was mit dem zu tun haben, was die Band gerade macht.

Die Stimme ist also ein bisschen wie ein extra Instrument?


Ja. Und für ihn liegt dann natürlich auch noch 'ne Schwierigkeit darin, dem Ganzen dann auch noch eine Bedeutung zu verleihen. Es passiert glücklicherweise ganz häufig, dass sich eine Bedeutung dann aufdrängt. Wenn Du so eine Figur hast wie Mario, die Du einfach nur durch einen Satz entwirfst, 'Mario, Mario, oh, oh, Mario, er war noch jung und seine Eltern waren reich' dann ist da eigentlich schon eine ganze Menge vorgegeben, in welche Richtung das gehen soll. Und das ist halt so eine Kunst von Francesco, dass das dann so raus fließt. Er war ja in Freiburg auch Poetry-Slammer. Mit Worten kann er schon ganz gut. (lacht)

Hat das Album für Dich ein übergeordnetes Thema?

Ich finde, es ist erzählerischer sowohl in den Texten als auch in der Musik, wobei man das an der Musik natürlich schwerer festmachen kann. Ich finde das die Welten und Bilder, die Francesco in seinen Texten erschafft, diesmal auf eine andere Art ineinander greifen. Damit will ich nicht sagen, dass die Texte auf dem letzten Album schlecht waren, aber es ist ein anderer Ansatz. Ich glaube er hat mehr zu sagen, nein, er ist im Moment einfach Erzähler.

Was hättest Du gern, was Leute machen, während sie das Album hören?

Das kommt natürlich sehr auf den Song an, aber wenn man das ganze Album so durchhört, dann könnte ich mir vorstellen, dass es sehr schön ist, wenn man Zug fährt. Zum Beispiel von Berlin nach Freiburg. Umgekehrt weiß ich nicht. Wir haben schon ein paar Songs mitgehabt in Afrika, und es hat mir Spaß gemacht, mir unsere Songs im Flugzeug anzuhören, und dann so auf Wolken und Meer und so herunterzugucken. Es ist auf jeden Fall Musik zum Zuhören.

Ein Track auf dem Album heißt 'Bye Bye Berlin'. Habt ihr etwa schon genug von der Hauptstadt?

Nee, es ist eine Art Momentaufnahme von Berlin. Da war es auch so, dass wir Musik machten und Francesco sich die Zeile 'Bye Bye Berlin' aufdrängte. Was er in den Strophen beschreibt sind Bilder und Momentaufnahmen von so typischen Sachen die einem in Berlin passieren und die Du da erlebst, die für einen, gerade dann, wenn man nicht aus Berlin kommt, irgendwie nicht so richtig zusammenpassen, so plakative Sachen von Berlin, die wir eigentlich nicht so toll finden Zum Beispiel dass Du Wohnungen beziehst, wo früher alte Menschen gewohnt haben und es dann plötzlich irgendwie cool ist, da Überbleibsel von zu lassen. Das kann auch mal ein Bild von Erich Honecker sein oder so was. 'Bye Bye Berlin' hat trotzdem etwas Versöhnliches, es ist nicht so, als würden wir uns schon von Berlin verabschieden, denn kurz bevor der Zug dann losfährt, stehen dann doch die Freunde am Bahnsteig und man bleibt dann doch. Wir sind halt in Berlin, und viele unserer Leute, und unsere Familien auch. Wir haben ja jetzt angefangen, selber alle unsere eigenen kleinen Familien zu gründen, und das passiert halt dort.



Tocotronic haben mal behauptet 'Über Sex kann man nur auf Englisch singen'. Letztes Jahr haben Kante mit 'Nichts geht verloren' das Gegenteil bewiesen, und jetzt legt ihr mit dem Song 'Wir brauchen nichts' nach. Ihr habt einen astreinen Sex-Song geschrieben! War das komisch so einen Song zu schreiben?

Nee, das macht große Freude! Ich muss mal eben die Band loben, obwohl ich selbst in der Band bin, aber Ich spiel' ja in dem Song mit der Gitarre nicht so eine Riesenrolle, deswegen geht das: Francesco und Jörg und Stefan, der Drummer, haben das super gemacht.

Stimmt, kannst ihnen gleich von mir auch noch mal sagen: saugeiler smoother Rhythmus!

Ich finde, das ist ein sexy Song geworden.

Und? Kann man über Sex also doch auf Deutsch singen?

Mag ja sein, dass das für den guten alten Dirk (Anm: Dirk von Lotzow, Sänger von Tocotronic) nicht geht, aber unser Francesco kann das. (lacht)

Erzähl mal, wie ist das passiert, dass ihr jetzt am Bundesvision Song Contest teilnehmt?

Ganz profan, eigentlich: Wir wurden angerufen und gefragt, ob wir nicht Lust hätten, mitzumachen. Die TV Total Redaktion hat sich uns ausgeguckt, und Stefan Raab kannte wohl unsere Platte davor und hat sich dann später aus vier Songs, die wir angeboten haben, ‚Mario’ ausgesucht.

Was sagst Du zu der Bandauswahl in diesem Jahr? Es ist im Vergleich zu den anderen Jahren schon irgendwie ziemlich gitarrig und 'Indie'.

Das ist eine interessante Frage, weil es schwer geworden ist zu definieren, was eine Indie-Band denn jetzt nun ist; Mir persönlich fällt das total schwer. Warum sind Franz Ferdinand Indie? Das check' ich nicht. Ich glaub' die Bandauswahl folgt insgesamt einfach einem gewissen Trend, und es fällt mir schwer so richtig zu sagen wie ich das finde. Ich finde die Bandauswahl ziemlich gemischt; Ein paar Sachen finde ich ganz gut, ein paar mag ich gar nicht. Ich glaub' es ist schon okay, es so zu machen. Stefan Raab macht das schon gut so.

Ist es komisch, Baden-Württemberg zu vertreten, obwohl ihr alle jetzt seit Jahren in Berlin wohnt?

Nein, gar nicht. Die Verbindungen zu Baden-Württemberg sind viel stärker als zu Berlin. Ich glaube keiner von uns würde selbst in 20 Jahren sagen, dass wir Berliner wären, oder geworden wären.

Also kriegst Du die Band aus Freiburg 'raus, aber Freiburg nicht aus der Band?

Ja, genau. Zumal wir auch oft unten sind, denn die Familien von Francesco, Martin, Stefan, die sind alle da. Wo wir herkommen, das ist halt schon stark drin, das geht nicht einfach weg. Für welches Bundesland sollten wir sonst auftreten?

In der Bundesvision-Show wird Halbplayback gespielt. Und? Wie ist das so?

Keine Ahnung, haben wir noch nie gemacht! (lacht)

Und, übt ihr schon?

Ja, wir haben das tatsächlich jetzt ein paar Mal geübt, und das ist eigentliche eine sehr lustige Sache: Einer steht am Ding wo man Drücken muss, damit es los geht, rennt dann ganz schnell zu den Jungs und die fangen dann schon an und dann muss man halt so tun als würde man spielen. Das ist dann komisch, weil Du Dich nicht so aufs Instrument konzentrieren musst, als wenn Du tatsächlich spielst, Du musst Dich irgendwie anders konzentrieren. Das ist eine sehr seltsame Sache und es ist vor allem sehr unmusikalisch. Musik lebt ja davon, dass sie live gespielt wird; Wir machen ja das Alles, um Konzerte zu spielen. Aber es gibt eben Situationen in denen das nicht geht, und dann nimmt man es hin, weil der Song ja trotzdem gut ist, oder man macht es eben nicht. Das war übrigens ein Punkt, der in der Band diskutiert worden ist, in Bezug auf den Bundesvision Song Contest. Wie findest Du das denn mit dem Halbplayback?

Ein paar Freunde von mir haben letztes Jahr beim Bundesvision Song Contest so getan, als würden sie Instrumente spielen, und die hatten einen Heidenspaß und ich fand' es lustig, sie dabei zu sehen. Insgesamt fände ich es aber besser, wenn der Contest live wäre, denn man sieht und hört ja nur dann, ob es jemand wirklich kann. Ich kann mir vorstellen, dass dann einige Bands total schlimm wären.

Kann schon sein, aber jemand wie Jan Delay wäre sicher großartig. Vielleicht wären andere dann schlechter, keine Ahnung. Ich finde halt schon, dass wir live gut sind, und das zu zeigen wäre besser, aber so ist es einfach eine andere Facette. Ich will das Halbplayback aber jetzt auch nicht schön reden, aber ich finde es schon nicht Scheiße.

Mehr dazu:

  • Bundesvision Song Contest: Website
Was: Tele beim Bundesvision Song Contest
Wann: Freitag, 09. Februar 2007, 20:15 Uhr
Wo: ProSieben