Tele im Jazzhaus: Tierisch gut

Alexander Ochs

Mit ihrer neuen CD "Jedes Tier" ist die aus der Regio stammende Band Tele gestern Abend im Jazzhaus aufgetreten. Wir haben keine Mühe gescheut und unseren Ochsen hingeschickt, um das animalische Treiben gebührend zu würdigen. Prädikat: tierisch gut und tierfreundlich lang.



Einen mehrfachem Tapetenwechsel hat die ehemals Freiburger Band Tele hinter sich: Nein, nicht dass die Jungs nach Berlin gezogen sind, das ist ja schon Jahre her. Doch zuletzt haben sie ihr Label gewechselt und wurden vom großen Major Universal zurückempfohlen an Tapete Records, wo sie zuvor auch schon untergekommen waren. Die Verkaufszahlen haben nicht gestimmt, die Plattenbosse hatten sich da mehr erhofft. Und in der Band selbst ist zuletzt die Position eines Gitarristen vakant geworden.


Vom Verlassen handelt einer der Songs auf ihrer 2007 erschienenen CD „Wir brauchen nichts“. Dieser Song, Bye-bye, Berlin, Teles ironischer Abgesang auf ihre Wahlheimat, hätte die globale Hörerschar explosionsartig in die Höhe schießen lassen können.

Hier zeigen Tele Visionen: Den Song haben die fünf in Mandarin aufgenommen, was die potenziellen Tele-Hörer von derzeit rund 150 Millionen des Deutschen Mächtigen auf rund eine Milliarde anschwellen lässt. Soweit die Theorie. Doch so viele finden gar nicht Platz im Jazzhaus. Vielleicht 150 sind es, die die Band in ihrer alten Heimat am Weltkalauertag (O-Ton Francesco) aufspielen sehen wollen.



Igel-Tanreks, Zwergmäuse, Nashörner – sie alle flimmern verschwommen über die gekrümmte Wand im Jazzhaus. Zum Aufwärmen servieren Tele einen Ausschnitt aus Grzimeks Tierleben, passend zum Albumtitel Jedes Tier. Dann ist Cécile an der Reihe. Der Opener der CD eröffnet auch das Konzert. Martin Brombacher an der Gitarre spielt ein verführerisches, funkiges Riff, wohlig wabert der Bass, und das Publikum wünscht sich mehr. Als nächstes kommt Mehr, mehr, mehr.



Sänger, Texter und Frontmann Francesco Wilking steigt ins Ansagegeschäft ein, vertrautes, geliebtes Terrain, das er mit schlafwandlerischer Leichtigkeit bespielt. So leicht die Ansage, so schwer fällt ihm angeblich die Konzentration: „Ich bin aufgeregter als im Madison Square Garden von Rio de Janeiro“, gesteht er im Hinblick auf die merkwürdige Situation, als Ex-Freiburger wieder vor Ort aufzutreten, im Spagat zwischen Erinnerung und Gegenwart. „Den Blick von der Blauen Brücke haben Sie kaputtgemacht – den schönsten Blick der Welt!“, schimpft er voll Inbrunst, aber immer die Ironie in der Stimme. Mit den kleinen Hits „Falschrum“ und „Mario“ nimmt das Tele-Schiff richtig Fahrt auf.



Tele lustwandelt auf dem Grat zwischen Kitsch und Kunst, Kompromiss und Können, Mainstream-Pop und feinen Nuancen, Pathos und Ironie. Mit „Intergalaktische Missionen“ hüpft die Band bärenstark in die nächste Dimension, legt noch die Funk-Soul-Nummer „Waiting for your call“ nach, inszeniert ironisch einen halbsynchronen Hüftschwung, bringt „Die Zeiten ändern sich“ mit einem schönen Break: Aus Francesco sprudelt Italienisches hervor, bis der Song in einen Disco-Beat mündet, Wilking deliriert, wild auflacht und eine A Capella-Einlage zelebriert.



Spätestens mit der Uptempo-Nummer Fieber hat die Fieberkurve ihren Höhepunkt erreicht und jedes Tier erfasst. Eine satte halbe Stunde lang servieren die Musiker Zugabe um Zugabe, bis längst über zwei Stunden gespielt sind. Ein typisches Tele-Konzert, tierisch gut, dem man wie immer mehr Zuschauer gewünscht hätte. Auf Francescos T-Shirt grüßt zum Abschied ein Pudel.

  • fudder-Interview: Tele