Teitur: Musik aus dem nordpolaren Nirgendwo

Carolin Buchheim

Die Färöer Inseln liegen mitten im Nirgendwo des Nordpolarmeers. Die Winterabende dort sind lang, stürmisch und dunkel, und man braucht nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, dass sich die Färöer in kleinen Dorfkneipen vor warmen Karminfeuern versammeln, um gemeinsam zu trinken und zu singen. Teitur kommt von den Färöer Inseln und macht Musik, die ein bißchen so ist, wie ein warmes Kaminfeuer. Sonntag Abend ist er im Jazzhaus zu Gast: fudder-Autorin Caro hat ihm einige Fragen zu seiner Musik und seine Heimat gestellt.



Gerade einmal 40 000 Menschen leben auf den zwischen Schottland und Island liegenden Färöer Inseln. Es gibt dort keine Bäume (zumindest keine, die nicht von einem Menschen gepflanzt wurden), einen einzigen Radiosender und die wichtigsten Wirtschaftfaktoren der Inselgruppe sind immer noch Schafzucht und der Export von Heilbutt.


Das färörische Wort 'teitur' bedeutet glücklich, lustig, munter, und Teitur Lassen macht Musik, die zwar manchmal lustig, beizeiten auch mal glücklich und ab und zu auch mal munter ist, aber vor allem etwas anderes ist: Eine von Herzen kommende Sache.

Dank des DJ des einzigen färörischen Radiosenders entdeckte der 1977 geborene Teitur die Songs Bob Dylans und Leonard Cohens sowie die Musik von Miles Davis und John Coltrane; Einflüsse, die man seinen auf leisen Sohlen daherkommenden Songs anhört.

Teitur singt vom Allein-aber-nicht-Einsam-Sein, von der Liebe und der Sehnsucht und davon, dass Louis Armstrong doch bitte zurück kommen solle, um die Welt besser zu machen. Das tut er warm und emotional, weder weinerlich noch pathetisch, begleitet von Akustikgitarre, zurückhaltenden Streichern oder einem kuscheligen Klavier.

Beim fudder-Telefon-Interview ist Teitur bester Laune; er steht im 'Rock-Club' in Salzburg, wo er am Abend in Begleitung seiner kleinen Band spielen wird. "And this Club is build into a rock," erzählt er. "It's the first real Rock Club that we're playing at!"  "So you're gonna play real rock'n'roll tonight then?" frage ich ihn. "I think we totally should."

Es gibt offensichtlich Folk-Popsänger mit Humor.

Rock on, Teitur.



Teitur, wie würdest Du Deiner Musik einer tauben Person beschreiben?

Oh, das ist schwer, egal ob jemand taub ist oder nicht. Musik ist etwas sehr persönliches, da ist es immer schwer, wenn nicht beinahe unmöglich, etwas allgemein verstädnlich zu beschreiben. Ich würde erklären, dass im Zentrum meiner Musik die akustische Gitarre steht. Und dann sollte jemand die Musik einfach fühlen.

Dein letztes Album ist im September erschienen und heißt ‘Stay under the Stars’? Worum geht es auf dem Album?

Ich habe die Songs fast alle in der ersten Person Singular geschrieben, aus dem Blickwinkel verschiedener Menschen, die alle allein sind. Da geht es um einen  'Thief about to break in’, um einen 'Hitchhiker', in 'Stay under the Stars' um einen Astronom und  in 'I run the Carousel' um einen Mann, der ein Karussell bedient. Ich wollte von diesen Leuten und ihren Geschichten erzählen um zu zeigen, dass alle Menschen einzigartig und in diesem Sinne auch allein sind. Wenn Du so bist, wie Dein Innerstes es Dir sagt, wenn Du wirklich Du selbst bist, dann wirst Du feststellen, dass niemand so ist wie Du, und Du deshalb allein bist. Das ist das Statement des Albums: Alle Leute sind einzigartig, und deswegen allein.

Es ist schon eine Weile her, dass Du diese Songs geschrieben hast. Verändern sich die Songs mit der Zeit? Ist es seltsam, sie jetzt noch zu singen?

Ich finde, Songs verändern sich, sobald man sie aufgenommen hat: Sie gehören Dir nicht mehr, sie bekommen ein eigenes Leben. Wenn man sie dann live spielt, ordnet man sich ihnen unter.

Also stellst Du Dich als Sänger in den Dienst des Songs?

Irgendwie schon. Deswegen ist es mir ganz wichtig, gute Songs zu schreiben. Wenn ich Songs schreibe, dann bin ich mir darüber im Klaren, dass ich sie wahrscheinlich eine lange Zeit singen muss. Ich nehme nur Songs auf, die das verkraften, Songs mit denen ich in den Krieg ziehen kann. (lacht). Normalerweise mache ich auch vor jedem Auftritt eine neue Setlist. Seit einiger Zeit mache ich aber etwas Neues: Ich spiele 'Stay under the Stars' von Anfang bis Ende, und das macht auch Spaß.

Das ist ziemlich ungewöhnlich: Wie reagiert das Publikum darauf?

Leute, die diese Shows gesehen haben und das Album auch kennen, haben mir erzählt, dass es viel mehr Sinn macht, es einmal durch zu spielen, als die Songs auseinander zu reissen. Ein paar haben auch gesagt, dass sie das Album live gespielt viel besser verstanden haben.

In Deinem Song ‚Louis, Louis’ bittest Du Louis Armstrong, zurück zu kommen und die Musik zu retten. Warum fühlst Du Dich ihm so verbunden?

Weißt Du, wie es ist, so mit 14, 15, wenn man anfängt wirklich Musik zu hören? Alles ist mysteriös und spannend und Du nimmst die Musik sehr wichtig; Du spielst Deinen Freunden die Musik vor, Du willst sie bekehren. Irgendwann habe ich genau diese Leidenschaft verloren; Musik war nicht mehr wichtig, sie hat mich nicht mehr wirklich gefangen genommen. Aber dann habe ich viel über Louis Armstrong gelesen, über die Freude, die er beim Musik machen hatte. Damals habe ich auch angefangen, seine Musik zu hören, und ich habe die Freude an der Musik und am Musik machen wieder gefunden. Für mich symbolisiert Louis Armstrong die Freude an der Musik, und die Moral und die Unschuld, die man dafür braucht. Moral und die Unschuld, das sind Dinge, die in der Musik von heute selten zu finden sind. Natürlich war er auch ein echter Entertainer, und hat Musik gemacht, weil er Spaß daran hatte, aber es ist die Unschuld, mit der er das getan hat, die reine Freude, die mich an ihm so inspiriert hat. Ich war sehr lange sehr besessen von Louis. (lacht) Ich hab' den Song geschrieben, weil ich wollte, dass auch andere Leute die Freude an der Musik wieder finden.

Meinst Du, dass es für Musiker schwer ist, sich in der Musikindustrie Unschuld und Moral zu bewahren?

Ja, das glaube ich schon, aber ich finde auch, dass es die Aufgabe eines Musikers ist, sich die Unschuld und Moral zu bewahren, sonst bist Du ein schlechter Künstler. Heutzutage benutzen zu viele Leute die Musik zu anderen Zwecken; um berühmt zu werden, zum Beispiel. Echte Musiker machen so was nicht.

Woher kam bei Dir das Bedürfnis Musik zu machen?

Mir hat es einfach Spaß gemacht zu singen und zu spielen; Ich wollte einfach nicht mehr damit aufhören. (lacht) Ich war auch eigentlich immer von Instrumenten umgeben. Ein anderer Antrieb hinter meiner Musik, neben dem Spaß, war aber auch das Songwriting, die Neugier am Schreiben und Komponieren von Songs.

Ich habe gelesen, dass Du Deine Songs so schreibst, dass Du sie sowohl alleine, als auch mit verschiedenen Besetzungen einer Band spielen kannst, und dass es Dir sehr wichtig ist, dass Du mit ihnen so flexibel sein kannst. Warum ist das so?

Ich glaube ich fange an, genau das nicht mehr so ganz wichtig zu nehmen, aber grundsätzlich ist es mir sehr wichtig, dass die Einzelteile einer Komposition genügend Substanz haben und stimmig sind. Es passiert viel zu leicht, dass ein Song von einer Aufnahme abhängig wird, oder von einer bestimmten Technik, einem bestimmten Klang, einem bestimmten Gitarren-Sound, einer bestimmten Art, ein Wort zu singen, und das will ich vermeiden. Ein Song muss so stark sein, dass er von so Kleinigkeiten nicht abhängig ist. Ich versuche immer, einem Song ein solides Fundament zu geben, Was sind das für Akkorde? Warum diese Töne? Was bedeutet der Text? Was bedeutet das alles zusammen? Sonst passiert es leicht, dass man Phantasie-Kram spielt und singt, und Alles keine tiefere Bedeutung hat.

Also verstehst Du Dich ein bisschen als ein Handwerker am Song?

Ja, auf jeden Fall. Es geht nur um das Handwerk, um Kontrolle. Du kannst ganz chaotische Musik machen, aber sie muss kontrolliert sein. Stravinsky ist total verrückt und schnell und außer Kontrolle, und trotzdem total kontrolliert. Das ist wichtig.

Du bist von den Färöer Inseln, und das wird in jedem Text über Dich und Deine Musik erwähnt. Wie wichtig ist Deine Herkunft für Deine Musik?

Dass ich von den Färöern bin, dass ist etwas sehr Wichtiges. Es hat mich zu dem Menschen gemacht, der ich bin. Ich glaube es wird so oft im Zusammenhang mit meiner Musik erwähnt, weil es etwas Außergewöhnliches ist, denn die Färöer sind ja sehr klein und es leben nicht so viele Menschen dort. Für die meisten Leute bin ich die erste Person von den Färöern, die sie kennen lernen. Für mich sind die Färöer sehr wichtig; es ist die Kultur, die ich am Besten verstehe, meine Kultur, und meine Band kommt auch von da. Natürlich ist es in mancher Hinsicht für die Musik auch total auch unwichtig, und für sich genommen auch gar nicht interessant, aber dann wieder doch. Es ist einfach ein Teil des Gepäcks, das ich mit mir mitschleppe.

Mehr dazu:

Teitur: Website& MySpace

Was: Teitur
Wann: Sonntag, 04. Februar 2007, 20 Uhr
Wo:
Jazzhaus, Freiburg
Eintritt: €12 (Vorverkauf), €14 (Abendkasse)

Teitur: Louis, Louis