Teach First: Uni-Absolventen helfen Jugendlichen in Problemschulen

Janina Schnoor

Die Organisation "Teach First Deutschland" will die Chancengleichheit an deutschen Schulen verbessern. Dafür schickt sie junge Männer und Frauen, die frisch von der Hochschule kommen, an Haupt- und Werkrealschulen. Dort arbeiten die sogenannten Fellows zwei Jahre lang für 1700 Euro brutto im Monat. Ihre Aufgabe: Den Schülern dabei helfen, ihre Ziele zu realisieren und die Lehrer im Unterricht unterstützen. Mit dabei: Elena Kohlbecher



Dienstagnachmittag in der Nordstadtschule in Pforzheim. Der Unterricht ist vorbei. Aber in einem Raum wird noch gequatscht. Der Duft von Waffeln zieht durch den Schulflur. Hier trifft sich die Mädchen AG von Elena Kohlbecher. Die Teilnehmerin von Teach First übernahm die AG vor einem Jahr, als ihr Einsatz an der Nordstadtschule begann. Sie will den Schülerinnen eine Abwechslung zum stressigen Schulalltag bieten: „In der AG können sich die Mädchen über ihren Tag austauschen. Wir machen dann nur Dinge, die Spaß machen, wie beispielsweise sich gegenseitig schminken oder gemeinsam ein Buch lesen. Der Austausch fördert die sozialen Kompetenzen, und gleichzeitig verbringen wir einen schönen Nachmittag.“


Elena ist bei ihrer Arbeit stets in engem Kontakt mit den Schülern – ob im Unterricht oder danach. So unterrichtet sie eine Teilgruppe in Englisch und hilft den Schülern der neunten Klasse, ihre Abschlussprüfung in Mathe und Deutsch vorzubereiten. Drei Schüler unterstützt sie zudem individuell. „Im letzten Jahr konnte ich durch die Übungen für die Abschlussprüfung deutliche Verbesserungen bei den Ergebnissen feststellen“, sagt Elena. Zu ihren Aufgaben gehört auch die Betreuung der Schüler nach dem Unterricht. Da kann sie zum Beispiel beim Verfassen einer Bewerbung zur Seite stehen oder bei Liebeskummer zuhören.

Die Nordstadtschule empfing Elena mit offenen Armen. „Für viele unser Schüler sind wir eine zweite Familie. Sie kommen oft aus schwierigen Verhältnissen, und die Ganztagsschule bietet ihnen einen geregelten Tagesablauf und ein offenes Ohr“, erklärt der Schulrektor Thomas Klotz.
An genau solchen Schulen setzt sich Teach First für mehr Bildungsgerechtigkeit in Deutschland ein.

Bei der Auswahl der Teilnehmer achtet die Organisation auf zwei Komponenten: „Die Bewerber müssen persönlich und fachlich herausragend sein. Dazu gehört zum einen, dass sie sich bereits sozial engagiert haben und zum anderen, dass sie einen besonders guten Hochschulabschluss vorweisen können. Die Studienrichtung ist aber nicht entscheidend“, sagt Kirsten Altenhoff, Pressesprecherin bei Teach First. Die Studenten, die sich bei Teach First bewerben, verschieben ihren eigenen Karrierestart um zwei Jahre nach hinten und arbeiten stattdessen im Durchschnitt 40 Stunden pro Woche an ihrer Einsatzschule. „Für mich war immer klar, dass ich etwas von meiner Bildung an andere weitergeben wollte“, begründet Elena ihre Entscheidung.


[Elena Kohlbecher]

Die Organisation Teach First entstand im Rahmen einer Masterarbeit von Kaja Landsberg und Michael Okrob. 2009 startete das Programm erstmalig an Schulen in Berlin, Nordrhein-Westfalen und Hamburg. Seit 2010 ist auch Baden-Württemberg mit dabei. Das Land bezahlt den Einsatz der Hochschulabsolventen, der bei allen teilnehmenden Schulen gut ankommt: „Frau Kohlbecher ist für die Schüler unser Schule wie eine große Schwester. Sie vergibt keine Noten, und der Altersunterschied zu den Jugendlichen ist noch relativ gering. Da öffnen sich die Schüler leichter“, erklärt Klotz die Beliebtheit des Programms.

Bevor die Teilnehmer an den Schulen eingesetzt werden, erarbeiten sie zunächst didaktische und pädagogische Grundlagen, die ihnen via Internet an einem sogenannten Onlinecampus von Teach First zur Verfügung gestellt werden. Danach sammeln sie Praxiserfahrung in einem Sommercamp mit Jugendlichen.

Erst einmal in der Realität ankommen.

„Die Vorbereitungen helfen einem sehr, aber man muss dann zunächst einmal in der Realität ankommen“, sagt Elena. Dazu gehören nicht nur herausfordernde Momente vor der Klasse. Richtig schwer findet Elena es, wenn sie merkt, dass sich ein Schüler bereits selbst aufgegeben hat. „Es ist nicht einfach, ihn dann aus seinem Loch wieder herauszuholen. In solchen Fällen arbeite ich eng mit den anderen Lehrern und den speziell dafür ausgebildeten Sozialarbeitern zusammen. Man muss herausfinden, wo der Jugendliche hin möchte, ein Ziel definieren und dieses große Ziel dann auf kleinere Teilziele herunterbrechen. Dadurch können wir ihm seine Erfolge vor Augen führen, aber ihm auch aufzeigen, wo er etwas hätte besser machen können.“

Über solche Momente, aber auch darüber wie sie sich weiterhin für die Chancengleichheit an deutschen Schulen einsetzen können, reden Elena und die anderen Programmteilnehmer der Region auf den alle zwei Wochen stattfindenden Treffen. Elena war immer sozial engagiert. Bereits nach ihrem Master in European Culture and Economy setzte sie sich für Straßenkinder in Peru ein.

Jetzt überlegt sie, wie sie sich auch in ihrem späteren Beruf für Bildungsgerechtigkeit stark machen wird: „Man kann sich zum Beispiel in seinem Unternehmen dafür einsetzen, Praktika auch an Hauptschüler zu vergeben.“

Elena ist froh, ihren Karriereeinstieg für Teach First zu verschieben: „Es ist großartig, mit den Kids zu arbeiten.  Ich freue mich über das viele Feedback der Jugendlichen und habe mich auch selbst enorm weiterentwickelt.“ Das geht über Führungsstil und Spontanität bis hin zu Zielmanagement. Eigenschaften, die sie sicherlich auch in ihrem Berufsleben weiterbringen werden.

Teilnehmen

Teach First sucht  nach weiteren Programmteilnehmern. Infos gibt es auf der Website von Teach First, wo man sich noch bis zum 1. März 2012 bewerben kann.

Termine:

Ein Stammtisch findet am 25. Januar 2012 im Café Capri (Gerberau 30) ab 19:30 Uhr in Freiburg statt.

Mehr dazu:


[Foto 1: Teach First; Foto 2: Privat]