Tausche Narrenkappe gegen Hasskappe

Lorenz Bockisch

Lärm in der Stadt, betäubte Leute überall, geschlossene Geschäfte, die öffentlichen Verkehrsmittel fahren nicht. Das ist nicht etwa eine Zustandsbeschreibung einer südamerikanischen Großstadt im Bürgerkrieg, sondern Realität in Freiburg, genannt Rosenmontag. Ein Kommentar mit Stammtisch-Argumenten zu einer völlig sinnfreien Tradition.



Die Tradition des Faschings, Karnevals oder der Fasnacht ist, egal wie oder wo man den Mummenschanz nennt, schon Jahrhunderte alt. Eigentlich ging es dabei – neben der Gelegenheit, sich am hellichten Tag die Kante zu geben – wahlweise um das Einläuten der Fastenzeit oder, etwas älter und heidnischer, um die Vertreibung der Wintergeister. Was dabei herauskommt, ist aber eindeutig: Die Belästigung normaler Bürger.


Denn beide ursprünglichen Begründungen fallen heutzutage im Wesentlichen weg: Wer hält sich denn eigentlich noch an die Fastenzeit? Wochenlang kein Döner, kein Burger, kein Schokoriegel, nur Wasser, Brot und vielleicht mal einen Salat? Ohne eine repräsentative Umfrage durchgeführt zu haben kann doch mit ausreichender Sicherheit behauptet werden, dass weder die Mehrzahl der Narren noch die meisten Zuschauer des Umzuges so asketisch-katholisch sind, dass sie bis Ostern einer solchen Selbstkasteiung anheimfallen. Und um den Winter zu vertreiben, ist in Zeiten des Klimawandels eine solche Festveranstaltung ebenso nicht mehr nötig. Um die dauerhafte Vermeidung dieser Jahreszeit herbeizuführen haben wir alle in der Vergangenheit genug geheizt – ob im heimischen Keller oder auf der Autobahn.



Doch trotzdem wird die Freiburger Innenstadt verriegelt und verrammelt, sodass man an einem eigentlich ganz normalen Montag nur noch mit einem etwa verachtfachten Zeitaufwand zu seinen Zielen in der Innenstadt kommt. Und ist man dort, hat die angestrebte Institution mit ziemlicher Sicherheit geschlossen: Fast jede universitäre Einrichtung (besonders ärgerlich für jeden fleißigen, Studiengebühren zahlenden Studierenden zur nun beginnenden Prüfungszeit: die UB!), jede Buchhandlung, jeder Waschsalon und jede Bäckerei hat die Rolläden runtergelassen.



Doch Halt: Bei letzteren gibt es gewisse Ausnahmen. Sofern es an der Strecke des Umzuges liegt, nutzt ein solches Geschäft die Gelegenheit, einerseits die Bäckereifachverkäuferinnen mit „lustigen“ Kostümen und noch „lustigeren“ Seitenzöpfen zu versorgen und andererseits die in der Nacht zuvor zu Tausenden in heißem Öl gebackenen Teigklumpen in verschiedensten Formen zu überteuerten Preisen loszuschlagen. Wichtig ist nur, dass diese nicht die Bezeichnungen tragen, unter denen man sonst „Berliner“, „Krapfen“ oder „Pfannkuchen“ kaufen kann. Hauptsache auf dem Schildchen vor den süßen Haufen in der Auslage steht irgendwas mit „Fasnet“  – schon kauft sie der unbescholtene Narr zu Dutzenden.

Zu einem Zweck wären diese gezuckerten Fetteilchen ja brauchbar: Um sie sich in die Ohren zu stopfen. Nicht gegen die handgemachte Guggemusik der Trachtengruppen – die ist in Maßen genossen sogar fast erträglich. Deutlich schlimmer sind die anliegenden Kneipen und Diskotheken, die ihre ohnehin schon tauben DJs an einen CD-Player mit riesigen Boxen stellen und mit den würgsamsten Mallorca- und Après-Ski-Hits der letzten zweieinhalb Jahrzehnte die umliegenden Straßenzüge beschallen – nein, zulärmen.



Was aber in noch größeren Mengen aus den letzten noch geöffneten Geschäften herausquillt, sind alkoholhaltige Getränke. Zu den unvermeidlichen bier- und sekthaltigen Plörren kommen noch dampfende Glühweintöpfe, deren Geruch eigentlich schon nach einer Woche Weihnachtsmarkt nicht mehr erträglich war. Wurde nicht erst vor kurzem beschlossen, dass in bestimmten Bereichen der Innenstadt kein Alkohol mehr auf offener Straße getrunken werden darf? Davon ist nichts mehr zu spüren, sobald sich die 11- bis 16-Jährigen eine Perücke aufsetzen und sinnlose Klamotten anziehen. Dann darf man unter Polizeiaufsicht grölend und mit der selbstgemixten „Fanta“ in der Hand tagsüber durch eben die Straßen ziehen, in denen das nachts unmöglich wäre.

Die überzeugtesten Eiferer unter den sich verkleidenden Volksteilen sind auch schon an den Tagen vor dem Rosenmontagsumzug unterwegs. In ihren handgeschneiderten Kostümen, die in etwa so viel kosten wie ein Mittelklassewagen (und nebenbei, da sie anscheinend schwerlich zu reinigen sind, bei so manchem Narren sehr nach Pumakäfig müffeln), quatschen sie mit der Penetranz eines Drogenverkäufers jeden Passanten an, doch einen Fasnetsumzugsanstecker zu erwerben. Mit den Einnahmen daraus finanzieren diese Narrenvereine wiederum ihre Kostüme, die Musik und wahrscheinlich auch das ein oder andere Schäppschen zwischendurch.



Eigentlich sollte man ja den Umstand unterstützen, dass sich wenigstens einige junge Menschen regelmäßig zum Musizieren treffen; nicht aber, dass dies einmal pro Jahr in einer unkontrollierten Trink- und Lärmorgie endet. Und um an diesen tollen Tagen noch mehr trinken zu können, braucht jeder Narr wieder eine feste Grundlage – womit wir wieder bei den Bäckereien wären: ein Teufelskreis. Und bei der immer adipöser werdenden Bevölkerung. Aber das würde an dieser Stelle zu weit führen.

Das einzig positive an dieser ganzen Veranstaltung: Spätestens heute, am Aschermittwoch, ist der Spuk vorbei, wenigstens für ein Jahr. Darauf ein kräftiges Alaaf, Helau, oder was auch immer man hierzulande grölt.