Taschentypologie

Sophia Spillmann

Männer, sofern sie überhaupt Taschenträger sind, haben nicht sehr viel Auswahl beim Taschenkauf; Frauen hingegen die Qual der Wahl. Soll sie groß oder klein sein, pflegeleicht oder elegant? Ein Einzelstück, Massenware, teuer, billig, aus Leder, Stoff, Stroh oder Krokodilhaut? Die Tasche zählt schon allein deshalb zu unseren liebsten Accessoires, weil sie wunderbar vielfältig und nützlich ist und aus jedem mausgrauen Outfit irgendwie was hermachen kann. Fudder-Praktikantin Sophia durchforstete Freiburg auf der Suche nach Eindrücken für unsere Taschentypologie.



Die Tussitasche



Todsichere Merkmale der Tussi-Tasche: Klein und unpraktisch. Farblich geht fast alles, von pink über gold über weiß. Diese Taschen werden meist nur als Accessoire gebraucht, denn mehr als Handy und Taschenspiegel kann man darin nicht unterbringen. Eine neue Wandlung in der Geschichte dieser Taschen gibt es, seit elf- bis 16jährige Orsaykundinnen sie zum ihrem 'must have' erkoren haben. Wichtig: sie müssen wasser- und säureresistent sein, denn getragen werden sie direkt unter den Schweißdrüsen in der Achsel.

  • Sieht man wo? Der teureren Variante begegnet man im Theater oder in der Oper, meist über der Schulter einer eleganten Dame hängend. In der Hand hält sie ein Sektglas. Weitaus häufiger aber muss man sich nur vor Billigboutiquen positionieren, um kleine Tussitaschen an den Schultern der weiter oben beschriebenen Zielgruppe zu beobachten.
 

Die Longchamps-Tasche



Eine Longchamp-Tasche ist ein Kapitel für sich. Mit ihr ist man nie fehl am Platz. Sie geht in der Disco, im Restaurant, zum Shoppen, zum Arbeiten und zu allen Schuhen. Sogar ein hässlicher Wintermantel sieht irgendwie stylish aus, solange man ihn nur mit der Longchamps-Tasche kombiniert. Weiterer Pluspunkt: Die Taschen gibt es in allen Farben des Regenbogens und in verschiedenen Größen. Ihre schlichte Eleganz könnte der Grund sein, warum sie zunächst vor allem unter Jurastudentinnen populär war. Heute ist die Longchampstasche etwas für die ganze Familie. Sowohl Oma, Mutter als auch Tochter kann man damit in der Stadt beobachten.

  • Sieht man wo? Inzwischen überall.
 

Die bunte Tasche



Neben ihrer knautschbeutelartigen Form ist an dieser Tasche vor allem ihre ungewöhnliche Vielfarbigkeit interessant. Bei der Feinabstimmung kann das zu stilistischen Problemen führen. Eine Moderegel besagt, dass man möglichst nicht mehr als drei Farben miteinander kombinieren sollte. Die dezenten Farben braun, grün und weiß der gezeigten Tasche stellen die Trägerin aber vor kein allzu großes Kombinationsproblem.

  • Sieht man wo? Tag Eins im Waldsee an einer relaxten Studentin in Jeans und uni-farbenem T-Shirt.
 

Die Tasche für Sonnenanbeter



Viele Frauen haben Strohtaschen. In der Regel werden diese aber über Winter im Schrank deponiert und erst im Frühjahr wieder entstaubt. Die Strohtasche ist ideal fürs Schwimmbad. Sie ist leicht, sieht irgendwie sommerlich aus und passt hervorragend zu blauem Himmel und den meisten Schuhen. Zum Strohhut sowieso. Wer diese Tasche auch im Winter benutzt, hat entweder keine große Auswahl oder sehnt sich schon sehr nach den ersten warmen Sonnenstrahlen. Zu Jacke und Stiefeln passt diese Tasche nämlich eigentlich nicht. Idealerweise ist die Strohtasche groß, denn Handtuch, Buch und Wasserflasche müssen darin Platz finden.

  • Sieht man wo? Im Strandbad, an liebreizenden Badenixen in luftigen Kleidern.
 

Das chice Krokoimitat



Wer sich früher mit einer Schlangen- oder Kroko-Tasche schmückte, sehnte sich nach Aufmerksamkeit und Exklusivität. Heute ist es verboten, Schlangen oder Krokodile zu Taschen zu verarbeiten. Trotzdem will die Damenwelt natürlich nicht auf dieses Accessoire verzichten, deshalb gibt es mittlerweile auch täuschend echte Imitate. Es ist ein weitverbreitetes Vorurteil, dass nur ältere Damen mit solchen Taschen gesellschaftsfähig sind. Ich finde Krokotaschen sind heiß und eine gute Anschaffung ;-)

  • Sieht man wo? Wer so eine Tasche besitzt, möchte auch, dass sie gesehen wird. In der Regel baumelt sie deshalb möglichst exponiert am Ellenbogen, der sie über die sonnige Kajo oder durch Szenecafés wie das Wiener spazierenträgt.
 

Die Lehrertasche



Fast alle meine Lehrer hatten solch eine Ledertasche. Grundsolide, etwas langweilig und ziemlich schwer, vor allem aber sehr praktisch. Sie ist wetterfest, langlebig, verzeiht dass die Sick-Trinkflasche innen ausläuft und transportiert Bücher und Vesperdosen. Derartig ausgerüstet eilt der Taschenträger von Seminar zu Seminar.

  • Sieht man wo? An der Uni oder im Lehrerzimmer
 

Die (un?)männliche Umhängetasche



Es gibt zwei Arten von Männern. Die einen tragen Umhängetaschen. Die anderen verachten sie. Dazwischen gibt es nichts. Stoff-Umhängetaschen an Männern bestechen oft durch schreiende Farben wie orange oder neongrün. Vielleicht finden die Träger, dass sie mit offensichtlicher Selbstironie zur Schau gestellt muss?
Sieht man wo?
An männlichen Alternativen (mit Buttons, Sprüchen etc), häufiges Vorkommen an Waldorfschulen und in künstlerischen Kreisen. Lederumhängetaschen werden gerne in dezenten Farben wie schwarz oder braun und mit einem schwarzen Mantel kombiniert getragen.

  • Sieht man wo? Beim Shoppen im Breuninger
Meine Meinung: Mal davon abgesehen, dass sie von 50 Prozent der Männer ohnehin abgelehnt wird, finde ich, dass Umhängetaschen an vielen Männern ziemlich deplatziert aussehen. Gott sei Dank haben Männer immer große Hosentaschen und wenig dabei. Als Mann von Welt kann man zum Mantel leider keinen Eastpak-Rucksack anziehen. Bisher gibt es da nur eine Lösung: alles schnell in der überdimensionalen Tasche der Freundin verstauen. Marktlücke!

Die alternative Tasche



Die alternative Tasche besteht aus Stoff oder Jute, in der Regel ist sie grün oder schmutzig braun (ob das die Farbe der Tasche ist, oder ob sie einfach zu lange nicht gewaschen wurde, ist nicht eindeutig zu klären). Oft sind diese Taschen mit Buttons verziert und mit Edding angemalt. Pazifistische Sprüche stehen hoch im Kurs. Sie transportiert Flyer für die nächste Demo und Gras sowie Utensilien, um sich lösende Dreadlocks wieder in Form zu bringen. Träger/innen lästern gerne über Frauen, die zu viel Schminke und zu hohe Absätze tragen und die sich außerdem nicht in Jutegewänder hüllen. Denn die alternative Lebensanschauung ist die einzig wahre!

  • Sieht man wo? An der Waldorfschule, nachts auf dem Schlossberg bei Orgien.
 

Der „Ich bin wer“-Aktenkoffer



Die Besitzer eines Aktenkoffers tragen ihn meist mit der Aura von Leuten, die Wichtiges zu tun haben. Oft stecken diese Personen in einem Anzug oder im schwarzen Mantel, eilen mit verschleiertem Blick durch die Straßen und scheinen in Gedanken schon ihre nächste Ansprache zu halten. Wenn ihr schon mal von jemandem einfach über den Haufen gerannt wurdet, der danach sofort verschwand, war es wahrscheinlich einer dieser Aktenkofferträger, die mit Highspeed durch die Gegend laufen.

  • Sieht man wo? Am Coffee-to-go Stand, an Bahnhöfen, vor Banken.

Mehr dazu:

  • Warum Taschen so toll sind: Eine ganz persönliche Ode an die Tasche und ihre diversen Erscheinungsformen, die es uns erlauben, eine passende zu jedem Outfit zu kaufen.
  • „Warum schleppst du immer eine Tasche mit dir rum?“ Diese von einem gereizten Blick meines Freundes begleitete Frage ist ebenso berechtigt wie sinnlos. Denn auch, wenn ich weiß, dass ich eigentlich keine Tasche brauche, fühle ich mich ohne kleineres oder größeres Anhängsel am Arm einfach unwohl. Nackt!
  • An einer Tasche kann man sich festhalten und braucht keine Gedanken daran zu verschwenden, was man mit den Händen beim Gehen anstellen soll. Schlenkern sie unweiblich oder wirkt es vielleicht verkrampft, wenn ich die Hände nicht mitschlenkern lasse? Sieht es komisch aus, wenn ich beide Hände in die Hosentaschen stecke? Wirkt es vielleicht zu gesetzt, wenn ich meine Hände hinter dem Rücken verschränke? Diese Probleme sind gelöst, wenn ich meine Hände mit einer Tasche beschäftigen kann. Und nicht nur dafür ist die Tasche gut.
  • Egal wohin ich gehe, ich brauche eine Lektüre für den Fall, dass ich mich langweile, eine Flasche Apfelsaftschorle für den Fall, dass ich Durst habe und genügend Schminkutensilien, sollte ich mich noch ins Nachtleben stürzen. Und so bin ich nie taschenlos anzutreffen, sogar dann nicht, wenn ich weiß, dass mich die Tasche im Laufe des Abends stören wird (Disco!). Vielleicht verstehe ich sogar, dass mein Freund sich manchmal ein genervtes Stöhnen nicht verkneifen kann, wenn ich mal wieder mit einer überdimensionalen Tasche auftauche. Aber das heißt noch lange nicht, dass ich darauf verzichten werde.