Take This Dance: Musikvideo trifft Web 2.0

Christoph Ries

Manche halten den ersten MTV-Clip "Video Killed The Radio Star" von 1981 für die größte Revolution der Musikgeschichte. Will man den Grafikdesigner Thorsten Konrad aus Bruchsal langweilen, zeigt man ihm am besten dieses Video, oder das letzte von Nelly Furtado oder das nächste von Justin Timberlake. Gerade hat Thorsten das erste Mash-Up-Musikvideo der Welt produziert.



„Die klassischen Musikvideos von MTV oder Youtube haben alle ein starres Format, das das Web 2.0 konsequent ignoriert,“ sagt Thorsten (Bild unten). „Dabei ist es technisch längst möglich, Video und Internet zu verbinden.“ Gerade hat er das erste 2.0-Musikvideo produziert, das ständig mit Google und Flickr in Kontakt steht: Take This Dance And Forget My Name.




Anfang 2007 suchte der gebürtige Bruchsaler, der in Salzburg und Bremen Multimedia-Art studiert hat, nach Themen für seine Diplomarbeit. „Ich habe zugesehen, wie MTV immer mehr Zuschauer ans Internet verlor. Die Videos aber blieben gleich.“ Thorsten wollte ein Video kreieren, das überall anders aussieht und nie alt wird. „Die Zuschauer sollten eine emotionale Beziehung zum Clip aufbauen, ihre Stadt darin erkennen.“ Ein Musikvideo im Sinne des Web 2.0 – ständig aktuell, von jedem beeinflussbar.

Zusammen mit der Bruchsaler Rockband All Joines mietete sich Thorsten zwei Tage eine Bluebox, drehte mit einem Dutzend Sounddesignern und Programmierern ein Musikvideo und jagte eine Horde Design-Softwares darüber. Ein Jahr lang arbeitete Thorsten am Video, schnitt die blauen Schnipsel aus und legte zusammen mit einem Freund die interaktiven Ebenen fest, am Ende über 1700.



Das erste Mash-up-Musikvideo der Welt

Während sich der User den Introfilm auf takethisdance.com anschaut, kratzt die Seite Informationen über den User zusammen. Aus welchem Land, welcher Stadt kommt er. Wie viele Menschen leben dort? Wie viele davon sind Single? Wie lautet die Vorwahl? Antworten liefern die Suchmaschine Geonames und der Lokalisierungsdienst Maxmind. Gleichzeitig werden Schlagzeilen von Google News gescannt, Stadtfotos von Flickr eingeholt und zwei weitere Quellen abgefragt. Alles wandert ins Video, das die Informationen im Hintergrund zusammensetzt.



„82 431 390 people live in your country."

Das Schlagzeug setzt ein. Ein Retro-Fernseher fliegt durchs Bild mit dem Namen der von Maxmind identifizierten Stadt. Das Bild grisselt kurz, dann erscheint eine Videotexttafel, in unserem Fall für Freiburg: „Wölfe verlieren, Städtepartnerschaft gescheitert, bald startet ein Filmfestival.“ Wieder Funkstörung, dann röhrt All Joines-Sänger Holger die ersten Takte in die Kamera: „Take your time in patience, don’t turn away completely.“

Der Song ist ein Liebeslied. Und hier kommt wefeelfine.com ins Spiel. Das Internetarchiv weiß, wie viele Single in jedem Land leben. Als Bassist Bruno zum Refrain einsetzt, verrät eine fiktive Werbetafel: „82 431 390 people live in your country. 14,8 million singles." Schaut man das Video in Salzburg, wirbt die Tafel für acht Millionen Österreicher und 1,1 Millionen Singles. „Wir hätten noch viel mehr interaktive Elemente einbauen können,“ sagt Thorsten. „Aber ich wollte, dass die Musik im Vordergrund steht.“



„Turn the other way, get up, get up“. Während Bruno, Andi, Philip und Holger durch den Refrain rocken, erscheint im Hintergrund das erste Foto, das Flickr mit dem von Maxmind identifizierten Städtenamen findet. Freiburg von oben, die Skyline von New York, eine Tür im Hauptbahnhof von Wanne-Eickel, je nachdem, wer gerade von wo zuschaut. Nach drei Minuten ist der Song zu Ende. Das fliegende Google-TV verrät noch mal, was um die Ecke passiert ist. Dann klingen die Gitarren aus.

„Die Umsetzung war nicht einfach,“ erzählt Thorsten bei der Premierenfeier in einem Bruchsaler Kino. „Wir konnten zum Beispiel nicht beeinflussen, welches Foto bei Flickr ganz oben steht. Deshalb haben wir diese Ebene relativ klein gehalten.“



Über 18.000 Zugriffe registrierte das Video in den ersten sechs Tagen, bei einem Datenverkehr in der Größe von 263 CD-Rohlingen. In Blogs rund um den Globus diskutieren User darüber, was man mit Thorstens Technik alles anstellen könnte: Digitale Werbeflächen, die jeden Menschen am Wlan-Port seines Handys erkennen und beim Vorbeilaufen mit Namen und Wohnort ansprechen, zum Beispiel. Oder Madonna durch den eigenen Vorgarten tanzen lassen. Die US-amerikanische Webseite Designcharts.com wählte Thorstens Diplomarbeit, die mit einem Budget von 2.000 Euro ausgestattet war, auf Platz zwei, vor den Imagekampagnen von Sony Ericsson und Microsoft Office.

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