Szenesprachenwiki: Alles ziemlich 'foo' hier

Christoph Müller-Stoffels

"Foo" bedeutet alles oder nichts. "Frackig" bedeutet, dass man wegen etwas sauer, böse, verärgert ist. "Yo Dawg" dagegen ist eine besonders lässige und coole Begrüßung eines Kumpels. Diese und andere Begriffe trägt das Szenesprachenwiki derzeit zusammen. Was das soll und wer dahinter steckt? Wir haben es uns angeschaut.

  Sprache verändert sich. Wer weiß zum Beispiel, dass das Wort „Friedhof“ sich keinesfalls daraus ableitet, dass es dort besonders friedlich ist. Es bezeichnete früher den eingefriedeten, also ummauerten oder eingezäunten Bereich um die Kirche. Von Friede keine Spur. Hätten Sprachwissenschaftler das nicht recherchiert, wir würden es heute wahrscheinlich nicht mehr wissen.


Um der Sprache auf der Spur zu bleiben, hat das Trendbüro zusammen mit dem Dudenverlag nun ein Szenesprachenwiki gestartet. Hier können Nutzer Begriffe oder Ausdrücke posten, die sie als Teil der Szenesprache sehen ("posten" gehört dazu). Dem ganzen wird eine mehr oder minder lange Begriffsdefinition beigefügt, die den Nichtkennern das Wort näher bringen soll. Gepostet werden kann anonym oder als registrierter Nutzer. Bislang ist allerdings noch eine redaktionelle Instanz zwischengeschaltet, die die Beiträge meist durch Googleabfrage überprüft, damit sich niemand einen Spaß erlaubt und versucht, irgendwelche Phantasiebegriffe einzuschmuggeln.

Derzeit sind 1700 Begriffe freigeschaltet, die unter anderem von 1000 registrierten Nutzern zusammen getragen wurden. „Mit der redaktionellen Zwischenstufe der Begriffsprüfung“, so Trendbüro-Geschäftsführer Dirk Bathen (Bild rechts), „wollen wir einfach eine bestimmte Qualität der Begriffe sicherstellen und vermeiden, dass, um es mal überspitzt zu formulieren, 20 verschiedene Begriffe für 'Analverkehr' oder 'kotzen' im Wiki stehen.“

Ist die Idee, eine Wiki für die Szenesprache zu gestalten, noch relativ einleuchtend und zeitgemäß, mutet ein anderer Schritt recht altmodisch an. Die Initiatoren haben pünktlich zur Buchmesse auch ein "Neues Wörterbuch der Szenesprachen", quasi einen Szenesprache-Duden herausgegeben. Die kommerziellen Aspekte spielten dabei sicherlich eine nicht unbedeutende Rolle. Aber Bathen begründet das damit, dass man „ein Stück Zeitgeschichte dokumentieren“ wolle. „Sprache ist dynamisch. Das Buch ist eine Zäsur, eine Momentaufnahme, das Wiki ist kontinuierlich.“

Zielgruppe seien Eltern und Lehrer, aber auch Jugendliche, die sich über von ihnen selbst vielleicht nicht verwendete Begriffe informieren wollen. Obschon das Buch erschienen sei, werde das Wiki weiterleben, es würden weiter Wörter gesammelt und in absehbarer Zeit zusammen mit dem Duden-Verlag beraten, in welcher Form die Plattform beibehalten werden solle.

Viele der aufgeführten Begriffe stammen aus dem Bereich des Internet und der neuen Medien und werden sicherlich bald ihren Platz im Duden finden. Aber auch ein paar Absurditäten sind versammelt, deren Gebrauch man allenfalls schwer alkoholisierten Jugendlichen zutraut.

Hier ein paar Beispiele, rein subjektiv kommentiert.

aperölen
"Es bedeutet, einen Apérol trinken gehen. Alleine oder mit andern zusammen."

Kennen Jugendliche Apérol? Klar, sie kennen Bier und Vodka-RedBull, aber Apérol?

auszuckern
"ausflippen, ausrasten"

Klingt eher nach Problemen eines Diabetikers.

chillaxen
"Mischung aus "chillen" und "relaxen"."

Was genau ist der Unterschied zwischen „chillen“ und „relaxen“? Und wenn es den nicht gibt, warum brauche ich dann ein Wort, das beides kombiniert?

dere
"Begrüßung unter Freunden"

Ähm, ja...

dissen
"An der Dissertation arbeiten."

Ich bin zwar auf dem Weg in diese Szene, aber wo ich herkomme, leitet sich dissen von diskreditieren ab. Und dafür bekommt man keinen Doktortitel.

drölf
"Drölf bezeichnet irgendetwas zwischen 11 und 14 bzw. zwischen 23 und 24."

Kleine Kinder verwenden es, weil sie sich nicht artikulieren können...

drutschen
"Mischung aus drücken und knutschen. Wird oft am Ende von Chats genutzt."

Klingt ein bisschen, wie das im studiVZ geforderte „grögeln“.

Dummbatz
"So nennt man jemanden, der nicht der Schlauste ist."

Kennt jemand einen Jugendlichen, der das verwendet? Einen ehemals Jugendlichen aus der Generation 60+, das ja, aber einen Jugendlichen?

eisbaden
Baden bei Temperaturen unter 0°C, möglichst im Eisloch.

Was genau ist daran neu?

evangolisch
"Spaßhafte Bezeichnung für die Kreuzung zwischen einem evangelischen und einen katholischen Menschen. Jemand, der sich für Luther interessiert, aber römisch-katholisch ist."

Abgesehen vom Event-Tourismus zum Weltjugendtag schienen die Kirchen eigentlich keine besonders große Rolle mehr bei den Jugendlichen zu spielen.

schmoofte
"cool, toll, super, entspannt, easy"

Bei Worten wie diesem wäre es interessant, die Aussprache zu kennen.

wichen
"Ein SandWICH zubereiten und essen, zugehöriges Substantiv: Wichung."

Müsste also eigentlich zu Deutsch „witschen“ geschrieben werden. sandwichen gibt es übrigens auch: "Wenn ein Spieler beim Handball oder Fußball von zwei Gegenspielern von deren Oberkörpern in die Zange genommen wird."

Travelator
"Umdeutung von Rolltreppe zu reisesüchtiger Person, die nicht stillstehen kann = ein vom Reisefieber befallener also ein "travel junkie" oder auch travel addict."

Das bin dann wohl ich. [Grüße aus Kolumbien nach Freiburg!]

Ist die Idee, Sprache in ihrer Entstehung zu beobachten, interessant und sicherlich gut, wird sich bald zeigen, dass der Jugend-Slang so wandelbar ist, dass viele Begriffe wahrscheinlich schon in einigen Monaten von niemandem mehr verwendet werden.

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