Syrer, 25 Jahre alt, Geflüchteter – und Theaterregisseur

Simon Langemann

Vor drei Jahren bangte er im Bürgerkriegsland Syrien um seine Zukunft. Nun hat Cezar Mohammed Gholam ein Theaterstück inszeniert, das am Freitag beim interkulturellen Festival "Cordiale" im E-Werk in Freiburg Premiere feiert.

Bleiben oder gehen? So benennt Cezar Mohammed Gholam den inneren Konflikt, der ihn umtrieb, bevor er 2015 seine Heimat Damaskus verließ. Drei Jahre später sitzt der 25-jährige Syrer am Platz der Alten Synagoge in Freiburg und erzählt von seinem nahenden Debüt als Theaterregisseur. Im Rahmen des interkulturellen Festivals "Cordiale" im E-Werk wird am 5. und 6. Oktober sein erstes selbst geschriebenes Stück aufgeführt. Es heißt "Augen zu und durch" und handelt von der Entscheidung für das Ungewisse – und von den damit verbundenen Ängsten.


Gefühlszustände, die nicht nur er als Geflüchteter durchlebt hat, denkt Gholam. "Das sind Konflikte, die bei jedem Menschen stattfinden, etwa bei der Studienauswahl." Und so verarbeitet er auf der Bühne nicht nur – wie ursprünglich angedacht – seinen Fluchthintergrund. Viel mehr kommen auch jene Freunde und Bekannte mit ihren Geschichten zu Wort, die er als Theaterkollektiv "Teamgeist" aus Freiburgern und Geflüchteten um sich geschart hat.

Das Boot erinnert an die gefährlichste Etappe

Als zentrales Element des Stücks dient dennoch ein Boot. In der Inszenierung symbolisiere es das Leben, sagt Gholam. Für ihn persönlich ist es zudem eine Referenz auf die gefährlichste Etappe auf seinem Weg nach Deutschland. Nachdem ihn ein Schlepper über die Grenze in die Türkei gebracht hat, will er Ende 2015 von Izmir weiter auf die griechische Insel Samos. Sechs Stunden dauert die nächtliche Überfahrt mit dem Schlauchboot. Der erste Versuch scheitert, weil sich das Boot vor lauter Überfüllung nur im Kreis dreht. Der zweite wird an der Küste von Sicherheitskräften unterbunden. Der dritte gelingt. Die Angst, so Gholam, überkomme einen vor allem beim Einsteigen. "Du weißt nicht, ob du stirbst oder lebendig ankommst", sagt er. Doch einmal auf offenem Meer angelangt, habe er vor lauter Adrenalin nur noch das Ziel vor Augen gehabt.

"Im Flugzeug angelangt, fühlte ich mich wie neu geboren", Cezar Mohammed Gholam

Von Griechenland aus versucht er mit dem Flieger nach Italien zu gelangen – und scheitert sechsmal an der Passkontrolle. "Ich habe immer versucht, mich als Europäer zu verkleiden", sagt Gholam. Ein Security erklärt ihm irgendwann, es sei nicht sein Aussehen, das ihn auffliegen lasse, sondern sein nervöses Verhalten. Beim siebten Versuch hat er bereits resigniert. Doch diesmal übersteht er die Kontrolle – und kommt davon, obwohl ihm dabei ein "Danke" auf arabisch herausrutscht. Dem letzten Sicherheitsmann habe er dann auf die Schulter getippt und sei auf der anderen Seite an ihm vorbei gerannt, erzählt Gholam. "Im Flugzeug angelangt, fühlte ich mich wie neu geboren." Auch Szenen wie diese lässt er in seinem Stück aufscheinen.

Von Izmir in den Schwarzwald war es ein langer Weg

Italien. Österreich. Deutschland. Schwarzwald. Feldberg. Ortsteil Falkau. Gholam kommt zunächst in einem alten, zur Flüchtlingsunterkunft umfunktionierten Hotel unter. Im Sommer 2016 findet er schließlich ein neues Zuhause – eine gemütliche Ein-Zimmer-Wohnung in Horben. "Seitdem habe ich ein sehr aktives Leben", sagt er. In der idyllischen Gemeinde mischt Gholam beim Tauziehen mit. Mitten im derzeitigen Probenstress arbeitet er in den letzten Zügen an seinem Autoführerschein. In Freiburg besucht er nach seiner Ankunft zunächst eine Realschule. Im Anschluss beweist er – wie so oft – auch bei der Berufswahl einen langen Atem: Dreimal bewirbt er sich auf eine Ausbildung als Physiotherapeut. In Kürze kann es endlich losgehen.

Die Entstehungsgeschichte seines ersten Theaterstücks handelt vor allem von Selbstermächtigung, vom Geist des Einfach-mal-Machens. In der Schule und im E-Werk geht Gholam in Theatergruppen erste Schritte in Sachen Schauspiel. Früh kommt ihm die Idee, die Erlebnisse während seiner Flucht auf die Bühne zu bringen. Er stellt sein Konzept im E-Werk vor, wo man ein städtisch gefördertes, interkulturelles Festival in Planung hat. Die Jury zeigt sich angetan. Gholam formiert besagtes Kollektiv "Teamgeist", findet einen Proberaum im Herderbau und macht sich autodidaktisch zum Regisseur. Zugleich wirkt er in "Augen zu und durch" als Darsteller mit.

Zur Premiere gibt es ein Konzert der Band Shkoon

Im zweiwöchigen Kulturprogramm der "Cordiale" im E-Werk findet sich sein Stück zwischen Literatur, Workshops, Diskussionsrunden, Musik und Tanz wieder. Nach der Premiere von "Augen zu und durch" am Freitag spielt die syrisch-deutsche Band Shkoon aus Hamburg ein Konzert im großen Saal. Auch diese Idee kam von Gholam. Es scheint so, als habe der junge Syrer bei den Verantwortlichen, die nicht nur ein Programm für, sondern vor allem von Migranten auf die Beine stellen wollten, offene Türen eingerannt.
Was: "Augen zu und durch"
Wo: Kammertheater im E-Werk
Wann: 5. und 6. Oktober, 18.30 Uhr
Eintritt: 10/7 Euro, für Geflüchtete frei
Cordiale: Programm läuft noch bis 7. Oktober



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