Supermarkt-Shoppen ohne Kassiererin

Nadja Röll

Früher war der Kunde König. Heute nimmt er den Unternehmen immer mehr Dienstleistungen ab: Er zieht Geld und Bahntickets am Automaten, macht Quick-Check-In am Flughafen und baut seine Ikea-Möbel selbst auf. Das Ganze nennt sich "Consumer Education" und funktioniert: Der Kunde arbeitet freiwillig, dankbar und obendrein kostenlos mit. Auf dieses Prinzip setzt auch das Warenhaus Real mit seinen Selbstbedienungs-Kassen. Der Real ist Freiburgs einziger Supermarkt, in dem die Kunden ihre Ware selbst abkassieren können. Nadja hat ausprobiert, wie das so ist: Shoppen ohne Kassiererin



Mit meinem voll beladenen Einkaufskorb trete ich an die Markierungslinie im Einkaufsmarkt Real im Gewerbegebiet auf der Haid. „Bitte warten sie hier, bis eine SB-Kasse frei wird.“ Hinter dem Aufkleber stehen die Kassen 19-22, Einscannautomaten mit Bildschirmen, auf denen eine schnittige Computerfrau im Lara-Croft-Style beim Kassiervorgang begleitet. „Nehmen Sie’s selbst in die Hand!“, wirbt Real für die Neuheit. Ja, das kann ich! Und das mach ich!


„Bitte - wählen - sie - eine - Sprache – aus,“ darum bittet eine Frauencomputerstimmestimme, die mich an mein Auto-Navigationssystem erinnert. Wer will, kann sich auch auf Türkisch bedienen lassen. Nun werden die Kunden weiter durch das Menü geleitet und können die Ware scannen. Ich stelle meinen Korb auf die Ablage (für Wagen gibt es einen piktographisch markierten Bodenplatz), nehme die Nudeln heraus und halte sie über den Scanner. „Piep. Neunundneunzig Cent“, bestätigt mir die wohlgeformte Brünette und macht mir vor, wie ich die gespeicherte Ware in Plastiktüten packen soll, die über einer Wiegefläche hängen. Hier wird die Ware bis auf ein Milligramm genau gewogen. So kann geprüft werden, ob das Gewicht des Tüteninhalts mit dem der gescannten Produkte übereinstimmt. Der Scanner liest den Strichcode der Produkte ein, der alle Informationen, und so auch das Gewicht, an den Computer weitergibt.

Legt man nicht das entsprechende Teil in die Tüten oder wirft es nur etwas ungeschickt zwischen zwei, geht ein rotes Alarmlicht an und ein Mitarbeiter kommt herbeigeeilt. „Die Waagen sind sehr sensibel“, erklärt der freundliche SB-Kassen-Platz-Wart (links). Von seiner Computerstation aus hat er alles im Blick, ihm wird das Geschehen an allen vier SB-Kassen angezeigt. „Es gibt immer wieder Probleme, wenn man das noch nicht so oft gemacht hat.“ Böse Absicht würde bei Fehlermeldung aber niemandem unterstellt, nicht jeder ungeübte Selbstkassierer sei zugleich ein Dieb.

Ich ziehe Sonnenblumenkerne über den Scanner, kein Problem. Aber was ist das für eine Meldung bei der Wasserflasche? „Erwerben sie einen kompletten Kasten?“ Nein! Gut! „Scannen sie das nächste Produkt ein.“ Die Tomaten habe ich schon in der Gemüseabteilung gewogen, jetzt erst Gemüse antippen (unten), dann die Sorte auswählen: Gescannt.



Auf dem Bildschirm wird mir die zu zahlende Summe angegeben. Aber was wäre, wenn ich nun bemerken würde, dass ich zu wenig Geld dabei habe? „Das wäre kein Problem. Genau wie an normalen Kassen kann man seinen Einkauf so weit reduzieren, wie man möchte.“, erklärt mir der „SB-Kassen-Platz-Wart“. Man müsse ihm dies einfach nur melden, dann würde er die entsprechenden Produkte aus dem Computer löschen. Aber ich habe Plastikgeld und wähle die Zahlungsart "Karte". Für Bargeld gibt es eine Einwurfschale für Münzen (rechts), Scheine werden durch ein gesondertes Fach eingezogen. An Pay-Back-Punkte ist auch gedacht, die sammel ich aber nicht.

Als ich alles ordnungsgemäß bezahlt habe, schaue mich nach dem „SB-Kassen-Platz-Wart“ um, um ihm zu signalisieren, dass er mir jetzt über seine kleine Fernsteuerung die Schranken am Ausgang öffnen kann. Neben ihm stehen drei älteren Herrschaften. Wie die solche Kassen wohl finden? „Wir kaufen nur noch an diesen Kassen ein. Die sind gut, es geht viel schneller.“ An den SB-Kassen stehen wirklich weniger Menschen an, aber ob das bei jedem Kunden auch wirklich schneller geht? Ich denke an die geübten Aldi-Verkäuferinnen und komme ins Grübeln. Auf jeden Fall ist der Kunde aktiv beschäftigt und verplempert seine Zeit nicht mit langweiliger Warterei.

Auf dem Weg Richtung Ausgang sehe ich, wie der „SB-Kassen-Platz-Wart“ mit einer weiteren Aufgabe beschäftigt ist: Er entfernt die elektronische Diebstahlsicherung von einer DVD. „Bei gesicherten Waren und bei Produkten, die wie Zigaretten, Computerspielen oder Zigaretten einer Altersbeschränkung unterliegen, bekomme ich ein Signal und muss mich um die Sache kümmern.“ Dafür ist also auch gesorgt. Gut!

Ein Angestellter, der „SB-Kassen-Platz-Wart“, ist also mit allerlei Dingen an vier SB-Kassen gleichzeitig beschäftigt. Sind dadurch drei Kassiererinnen arbeitslos geworden? „In keinem der mehr als 60 Real-Märkte mit SB-Kassen wurde Personal eingespart. Außerdem stehen die vier neuen Kassen auf dem Platz von nur zwei herkömmlichen Kassen.“, sagt Markus Jablonski, Pressesprecher von Real. Um Jobabbau müssten sich die Angestellten bei Real also in nächster Zeit keine Sorgen machen. Solange nicht komplett auf SB-Kassen umgestellt wird? „Das ist zur Zeit nicht geplant. Was in zehn Jahren ist, das kann ich noch nicht sagen“, so Jablonski.

Im Mai 2004 war der Real auf der Haid der erste Freiburger Supermarkt, der sein Geschäft mit den SB-Kassen, den so genannten „NCR-Fastlanes“ (National Cash Register), ausgestattet hat. Bis heute ist er der Einzige. Man habe positive Erfahrungen mit den neuen Kassen gemacht, sagt Geschäftsleiter Stephan Pesch (40, links). "Vor allem Kunden mit wenigen Teilen kassieren sehr gerne an diesen Kassen ab. Außerdem solche, die genau wissen wollen, was einzelne Artikel kosten." Die Metro-Tochter Real habe die SB-Kassen vornehmlich aus Imagegründen eingeführt, um dergestalt ihre Rolle als Technologieführer hervorzuheben.

Mehr Kassen für den Kunden, weniger Service - willkommen in der Selbstbedienungswelt! Der US-Soziologe George Ritzer nennt dieses Phänomen „Mc Donaldisierung der Gesellschaft“. Alles wird schneller und unpersönlicher. Der Plausch mit den Kassiererinnen fällt bei Real an den Selbstbedienungskassen weg. Aber: Wer plaudert schon tatsächlich an normalen Kassen in solch einem großen Supermarkt? Wer das sucht, der sollte in einen Tante-Emma-Laden gehen, die SB-Kassen Fans können hingegen auf die Einführung der neusten Modelle warten, an denen die Ware nicht einmal mehr ausgepackt werden muss und schon im Wagen eingelesen wird. Theoretisch ist das schon möglich und zwar über eine neue Technik, die sich Radiofrequenzidentifikation (kurz RFID-Identifikation) nennt. „Bislang sind nur sehr wenige Produkte mit RFID-Chips ausgestattet und die Anlagen sind noch in der Testphase“, sagt Jablonski. Mitte des Jahres würden die Testergebnisse der neusten Anlagen ausgewertet und dann erst darüber entschieden, ob der Kunde bald nur noch mit einem voll beladenen Plastikeinkaufswagen durch ein „Gate“ fahren muss, um seinen Einkauf abzukassieren. Aber das ist wie gesagt noch Zukunftsmusik und wurde im letzten Jahr erst auf der Cebit präsentiert.

Für den schnellen, kleinen Einkauf ist die SB-Kasse des Real jedenfalls eine gute Alternative zur gewohnten Kasse mit Kassierpersonal: Ware einladen, einscannen und einpacken und das alles auf der Überholspur.