Super-GAU am Bertoldsbrunnen - Endlager im Uni-Innenhof dennoch erreicht

Christian Deker

Am Abend kommt der Castortransport durch die Freiburger Innenstadt ins Rollen. Abgesichert durch ein knappes Dutzend Atomenergieexperten mit weißer Spezialkleidung und Schutzmasken bahnt sich die gefährliche Ladung ihren Weg durch die Fußgängerzone. Doch schon nach nur einigen hundert Metern geschieht am Bertoldsbrunnen das Unglück: Flüssigkeit tritt aus dem strahlenden Behälter aus und gelangt in die Bächle. Die Experten geben jedoch schnell Entwarnung: “Es bestand zu keinem Zeitpunkt Gefahr für die Freiburger Bevölkerung."



Diese Szenen spielen sich heute tatsächlich in Freiburg ab, allerdings in Form eines Straßentheaters. Eine Gruppe von Studenten transportiert anlässlich des 20. Jahrestags des Tschernobyl-Unglücks einen selbstgebauten Castorbehälter zu seinem Endlager, dem Innenhof der Universität. Der 21-jährige Jurastudent Malte sagt: “Es handelt sich bei unserem endgelagerten Castor um ein Leuchtturmprojekt, das weit in die Region und das Land ausstrahlen wird.“




Mit dem 70 Kilometer entfernten Atomkraftwerk Fessenheim befinde sich ganz Südbaden neben einer tickenden Zeitbombe. Deshalb verteilen die Studenten Flugblätter, "Atomkraft-Nein-Danke"-Buttons und sammeln Unterschriften. Nachdem der Castor in seinem Endlager angekommen ist, untersuchen sie die nahe gelegenen Uni-Hörsäle auf radioaktive Strahlung.

Warum sie gegen Atomkraft seien, könnten sie in einem Satz sagen: "Das Risiko ist unkalkulierbar und die Kosten sind zu hoch.” Zum Jahrestag des Tschernobyl-Unglücks sei es wichtig, den Leuten wieder einmal vor Augen zu führen, dass der Strom nicht einfach aus der Steckdose kommt. "Im Gegenteil: Der Atomstrom stellt ein tödliches Risiko dar" sagt Malte.



Empört berichtet er dann seinen Mitstreitern, dass ihn ein Student im Hörsaal gefragt habe, was denn die Alternative zu Atomstrom sei. Das löst bei den anderen nur Kopfschütteln aus. Grund zur Erheiterung gibt dagegen der Jura-Professor, dessen Vorlesung die “Atomexperten" stören. Er lässt das Spektakel über sich ergehen, warnt aber: "Sobald hier Parteipolitik betrieben wird, werfe ich Sie raus.”

Als alle Hörsäle (in denen am Abend noch Vorlesungen stattfinden) untersucht sind, ziehen die Atomexperten ihre Schutzkleidung aus und eine handvoll verschwitzter Studenten macht sich zufrieden auf den Heimweg. Der Castor strahlt derweil im Uni-Innenhof weiter vor sich hin.