Suizidgerüchte

Lorenz Bockisch

Schon gewusst, dass Lemminge in Wirklichkeit keinen Selbstmord begehen? Diese Legende, die auch schon in Sprichwörtern Einzug gefunden und zu großartigen Computerspielideen geführt hat, ist nichts weiter als ein Gerücht, herbeigeführt durch eine gestellte Szene in einem Disney-Film namens "White Wilderness". Generationen von Kindern wuchsen mit dem vermeintlichen Wissen aus diesem Oscar-prämierten Hollywooddokumentarstreifen auf, in dem sich die wuscheligen Lemminge in Massen von einer Klippe stürzen.

Doch für diesen Film war alles nur gestellt: Die nur wenigen Dutzend Lemminge, die vorher Inuitkindern abgekauft wurden, wurden auf einen weißen Drehteller gestellt und von verschiedenen Seiten gefilmt, um sie vor der Schneekulisse als eine Masse erscheinen zu lassen. Danach trieb man sie auf eine Klippe zu, von der sie in ein tiefes Flusstal fielen. Die ganze Szene, zu der der Sprecher etwas von dem Massenselbstmord im Ozean erzählte, wurde in der kanadischen Provinz Alberta gedreht. Nur gibt es dort keine Lemminge, geschweige denn einen Ozean.


Die Realitätt sieht ganz anders aus: Tatsächlich gibt es bei dieser recht fortpflanzungsfreudigen Wühlmausunterart in regelmäßigen Abständen von fünf bis zehn Jahren einen Populationsschub, der viele der kleinen Tiere zu einer Wanderung veranlasst. Dabei suchen sie sich neue Lebensräume und schrecken teilweise auch nicht davor zurück, schwimmend Flüsse oder sogar Meeresteile zu überqueren. Dass sie sich dabei jedoch zu Tode stürzen, ist höchstens auf Unachtsamkeit oder Kurzsichtigkeit zurückzuführen. Außerdem ist Selbstmord keine evolutorisch vorteilhafte Strategie.

Die häufigste Todesursache der pelzigen Kleintiere sind wohl deren Fressfeinde, wie etwa Schneeeulen, Hermeline oder Schneefüchse, die sich die Lemminge natürlich umso öfter schmecken lassen, je mehr es davon gibt. Die Population der etwas weiter oben in der Nahrungskette Angesiedelten folgt dann über die Räuber-Beute-Beziehung den Schwankungen in der Anzahl der Lemminge.