Südbadischer Künstler richtet Pistole auf Ratte - und jeder kann per Mausklick abdrücken

Daniel Laufer

Auf seiner Webseite werden Besucher am 25. März eine echte Ratte erschießen können, bis dahin läuft ein Countdown und man kann dem Tier im Livestream zusehen. Der Künstler Florian Mehnert will so gegen den Einsatz von Drohnen protestieren - und hat bereits eine Morddrohung erhalten. Ein Interview:



Auf Ihrer Webseite werden Besucher am 25. März eine Ratte erschießen können. Wie genau läuft das Experiment "11 Tage" ab?

Florian Mehnert: Am Samstag beginnt ein Countdown – von elf Tagen. Innerhalb dieser Zeit haben wir die Möglichkeit der Diskussion und Auseinandersetzung. Aktuell kann man die Ratte auf einem Livestream-Bild sehen, sich auch einloggen und eine Waffe bewegen, auf der eine Kamera positioniert ist. Noch ist sie nicht scharfgeschaltet, aber am 25. März um 19 Uhr endet der Countdown – dann ist die Waffe einsetzbar. Dann wird die Möglichkeit bestehen, sie über das Internet auszulösen.

Was bezwecken Sie damit?

Ich will auf eine extreme Folge der Überwachung aufmerksam machen: Mit den Daten, die man durch die Überwachung von Menschen anfertigt, kann man durch Drohnen gezielt töten. Das geschieht bereits. In Deutschland werden Drohnenpiloten trainiert, von deutschem Boden aus fliegen die Amerikaner Drohnen im Jemen, in Waziristan und in Syrien. Da sterben Zivilisten, denn man vertut sich auch mal – aber das finden die Leute dann in Ordnung. Bei der Ratte dagegen sind sie hochgradig empört! Die Differenzierung findet nicht statt.

Welche Reaktionen hat das Experiment bislang hervorgerufen?

Ich bin der Übeltäter, die Zuschriften sind empört und beleidigend. Auch eine Morddrohung ist darunter. Das Projekt richtet sich aber genau an diese Empörten: Sie reflektieren nicht, sie können nicht dahinter schauen. Sie schreiben, die Ratte zu töten sei doch keine Kunst. Das stimmt, das ist auch keine Kunst – aber darum geht es auch nicht! Nicht das Rattentöten ist die Kunst, nicht die technische Vorrichtung, nicht die weiße Kiste und auch nicht die Waffe. Die Kunst ist das Experiment – die Gedankenwelt, die sich dabei abspielt!

Glauben Sie, dass die Ratte am Ende sterben wird?

Das weiß ich nicht. Ich will ja nicht, dass jemand schießt – ich schieße nicht! Die Wahrheit ist aber: Die Wahrscheinlichkeit, dass Leute schießen, ist sehr groß. Ich habe eine Umfrage auf der Webseite, bei der man abstimmen kann, ob die Ratte am Leben bleiben soll. Man kann auswählen – zwischen "ja", "nein" und "egal". Da gibt es eine Menge Leute, die "nein" angeklickt haben – sie würden also schießen.



Warum sind es so viele?

Das liegt an der Natur des Menschen – so ist er, wenn er nicht reflektiert. Er traut sich gerade aus der Anonymität heraus viel. In seiner Grundhaltung ist er sehr tötungswillig und aggressionsbereit.

Wo haben Sie die Ratte denn her?

Das ist irrelevant. Es ist eine namenlose Laborratte.

Drohnenangriffe geschehen zumindest im Namen eines größeren Zieles. Wäre der Tod der Ratte aber nicht vollkommen sinnlos?

Krieg im Namen größerer Ziele zu führen ist immer vollkommen unsinnig, genauso gezielt Menschen zu töten – auch wenn sie vielleicht terroristische Ambitionen haben. Es ist immer unsinnig, auf Aggressivität mit weiterer Aggressivität zu antworten. Solange wir an diesem Punkt sind, ist jede Diskussion über Krieg an sich schon sinnlos.

Sie handelten sich schon in der Vergangenheit eine Anzeige ein, weil Sie für ein Kunstprojekt Mikrofone im Wald aufgehängt hatten, um Spaziergänger abzuhören. Was kann Ihnen diesmal passieren?

Ich habe natürlich juristischen Beistand, grundsätzlich ist es aber immer schwierig, auf rechtliche Hintergründe einzugehen – sie lenken vom eigentlichen Thema ab und das führt nirgendwohin. Das Ziel der Diskussion sollte sein: Wollen wir als mündige Bürger endlich mal aufstehen und sagen: "Nein, wir wollen keine Drohnen"? Aber das interessiert bei den ganzen Zuschriften jetzt offenbar die wenigsten. Diese Menschen interessiert, ob ein aggressiver Gamer in elf Tagen diese Ratte erschießt oder nicht.



Zur Person

Im Herbst 2013 sorgte der südbadische Künstler Florian Mehnert für Furore: Er hängte Mikrofone im Wald auf, manchmal auch nur winzige Wanzen, und zeichnete die Gespräche von Spaziergängern auf. Am Ende veröffentlichte Mehnert die Aufnahmen im Internet. Damit wollte er auf die Problematik der Überwachung aufmerksam machen – und die Reaktion der Öffentlichkeit darauf. Im vergangenen Jahr fertigte der 45-Jährige dann eine umstrittene Videoinstallation an: Er zeigte die Aufnahmen gehackter Smartphones.

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[Fotos: Florian Mehnert/privat]