Subtotaler Abriss des Ohres

David Weigend

Die Tysonsche Beißtechnik hält Einzug ins Spektrum der häuslichen Gewalt. Bei der heutigen Verhandlung im Amtsgericht ging es außerdem um die Frage, inwieweit sich jemand wehren darf, wenn ihn die Polizei nach einem angekündigten Suizidversuch festnehmen will.



Der Tathergang

Am Abend des 23. Dezember 2006 sitzen in einer Wohnung in der Freiburger Runzstraße zwei Personen zusammen, der 38-jährige Angeklagte Hans B. und seine 34-jährige Freundin Alexandra R. Zumindest Hans B. trinkt soviel Alkohol, dass die Polizei einige Stunden später einen Wert von 1,4 Promille feststellt. Dazu konsumiert er Cannabis.

Um 22.30 Uhr gerät Hans B. mit seiner Freundin in Streit und beißt ihr infolgedessen so stark ins rechte Ohr, dass das Ohrläppchen fast vollständig abgetrennt ist. "Subtotaler Abriss des Ohres", notiert der Arzt später in der HNO-Klinik. Die Nachbarn hören die laute Auseinandersetzung und rufen die Polizei. Als die vier Polizisten eintreffen, wurde Alexandra R. bereits vom Krankenwagen abgeholt und sie hat zu Protokoll gegeben, ein gewisser Yussuf habe sie attackiert. Die Polizisten klingeln nun in der Runzstraße, um zu prüfen, ob jener Yussuf in der Wohnung sei.

Stattdessen hören sie, wie hinter der Wohnungstür der in Panik geratene Hans B. herumbrüllt: "Polizei? Haut ab! Ich ramm' mir gleich ein Messer in den Arm! Dann bin ich so schnell tot, so schnell könnt ihr gar nicht gucken!" Die Polizisten wollen den angedrohten Suizid verhindern und treten die Tür ein. Sie springt nach rechts auf. Hinter der Tür steht Hans B. und gestikuliert aggressiv. Die Beamten bemühen sich, ihn zu beruhigen.

Doch Hans B. fühlt sich seiner Freiheit beraubt. Er schlägt und tritt wild um sich, als die Polizisten versuchen, ihn am Boden zu fixieren. Dabei trifft er eine Beamtin mit der flachen Hand im Gesicht und einen Beamten mit einem Tritt am Schienbein. Schließlich wird Hans B. festgenommen. Ein Messer hat er keines bei sich.



Die Ungereimtheiten

Der Ohrläppchenabbiss kann dem Angeklagten nicht nachgewiesen werden, da die gebissene Alexandra R. seit April mit Hans B. verlobt ist und gegen ihren Verlobten nichts aussagen will. Die ruppige Art, wie der Angeklagte nach Prozessende vor dem Amtsgerichtsgebäude mit seiner Verlobten umspringt, steht da übrigens im Widerspruch zum unschuldigen Eindruck, den Hans B. im Gerichtssaal zu erzielen bemüht gewesen ist.

Das Urteil

Der Richter verurteilt Hans B. zu einer viermonatigen Freiheitsstrafe auf Bewährung, wegen Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte.



Das schönste Zitat

Richter zur Polizeibeamtin, die als Zeugin auftritt: "Warum hat der Angeklagte so randaliert? Wenn da vier Polizisten in meine Wohnung kommen und mir gegenüberstehen, mach ich doch Männchen!"