Stuttgart 21: Der Untergang des Schwabenlandes

Florian Kech

Momentan setzt die Polizei im Stuttgarter Schlossgarten Wasserwerfer ein, um die Demonstranten zu vertreiben und den Weg freizumachen für die Holzfällarbeiten, die heute Nacht beginnen sollen. Eine Wendung, die Florian Kech in seiner S21-Satire glücklicherweise nicht vorhersah.



Sie haben das Automobil, den Hosenträger und die Maultasche erfunden, wurden weltweit bewundert und gefeiert für ihren Pioniergeist. Doch binnen weniger Wochen haben die Schwaben ihren guten Ruf auf dem Schlachtfeld des Stuttgarter Hauptbahnhofs geopfert und sind nun der Inbegriff für Technikfeindlichkeit und bürgerlich-dekadenten Vandalismus.


Sprachlos, nachgerade angewidert blickt der vernunftbegabte Rest der Republik auf den schwäbischen Patienten, der im Begriff ist, dem Standort Baden-Württemberg ein für alle Mal den Stecker zu ziehen, was uns freilich nicht weiter jucken müsste, stünde damit nicht zugleich die hehre Idee des Fortschritts per se auf dem Spiel. Und so behält jener unbekannte badische Dichter vielleicht doch Recht, der - kurz bevor er an seinen Kässpätzle erstickte - anno dunnemals mahnte: „An Schwabens Wesen wird die Welt verwesen.“

Erneut hat sich die Meute in Bewegung gesetzt. Es ist Montag und der Protestzug marschiert in Richtung Stuttgarter Hauptbahnhof. Immer mehr Menschen schließen sich dem Tross an. Die Organisatoren sprechen von vier Millionen Demonstranten, die Polizei von zwölf. Vor dem Absperrgitter haben sich mehrere schwangere Frauen platziert, feist grinsend, wissen sie doch, dass ein Ordnungshüter niemals auf Trächtige schießt. In ihren dicken Bäuchen reift neue Widerstandsbrut heran.

Die Bewegung gegen Stuttgart 21 wächst und wächst. Nichts scheint sie mehr aufzuhalten. An einem Laternenmast baumelt kopfüber jener Baggerfahrer, der sich mit seinem Schaufellader jüngst am Nordflügel vergangen hatte. Seine Gesichtsfarbe changiert ins Grünliche. Eine Demonstrantin hatte ihn kurz zuvor mit Schäufele und Sauerkraut gemästet. Das ist die gutbürgerliche Fratze des Terrorismus. Dann kommt er: Walter Sittler, den sie hier nur noch ehrfurchtsvoll den Imam nennen.



Seine silbermelierten Strähnen bewegen sich im Wind, als wollten sie sagen: „Sehet, wir bewegen uns silbermeliert im Wind.“ In seinem früheren Leben, also vor S21, war Sittler Volksschauspieler, jetzt ist er Volkstribun, und wer weiß, vielleicht bald schon ein Märtyrer. Von ihm stammt der Spruch: „Nach Stuttgart 21 in einer Vorabendserie mitzuspielen, ist barbarisch.“ Deshalb vermeidet er auch allzu selbstdarstellerische Elemente, wenn er droben auf der Bühne steht und zu den Leuten spricht. „Sehet die Schwalben“, sagt Sittler, „sie bewegen sich nicht unter der Erde, und doch haben sie freie Bahn!“.

Nur schwer widerlegbare Gleichnisse wie diese bringen selbst seine Kritiker ins Grübeln. Das macht Sittler aus Sicht des Verfassungsschutzes so gefährlich. Soeben noch mit dem milden Tonfall des entrückten Bergpredigers, reckt Sittler im nächsten Augenblick die geballte Faust gen Himmel, die blutunterlaufenen Augen weit aufgesperrt, den Mund zu einem Furcht einflößenden schwarzen Loch geöffnet, und stimmt mit „O-ben blei-ben! O-ben blei-ben!“ den berüchtigten Schlachtgesang an. Sie wollen keinen unterirdischen Hauptbahnhof. Sie wollen einen Bahnhof mit Tageslicht. Sie wollen eine Tali-Bahn. Deshalb nennen sich die fanatischen Schwaben auch Tali-Bähnle. „O-ben blei-ben! O-ben blei-ben!“, dröhnt es stundenlang durch die Nacht.



Stuttgart gleicht einem Vulkan. Und die Leute, die die Stadt zum Beben bringen, Zähne fletschend und mit einem Dialekt, der jeder zivilisatorischen Errungenschaft spottet, scheinen zum Äußersten bereit. Was treibt diese Menschen (?) bloß an? Diese Frage stellen sich auch die Architekten vom Planungsbüro „Speer & Partner“, die mit Deutschlands größtem Verkehrsprojekt seit dem Bau der Autobahnen beauftragt worden sind. Von den Demonstranten wird ihnen eine unsolide Kostenrechnung vorgeworfen, nur weil sie ursprünglich die eine oder andere Null vergessen hatten. Als ob so etwas nicht einmal vorkommen kann, wenn man es mit zehnstelligen Beträgen zu tun hat.

Im Übrigen haben „Speer & Partner“ längst Maßnahmen vorgestellt, wie sich bei Stuttgart 21 praktisch einsparen lässt. Die neue Trasse zwischen Stuttgart und Ulm soll nur noch in eine Richtung befahrbar sein; die Tunnelröhren auf der Strecke ließen sich aus preiswerter Wellpappe herstellen und bei der Stuttgarter Bahnhofsgrube könnte man problemlos auf den Überbau verzichten, so wäre zugleich der Streit um das Tageslicht aus der Welt geschafft. Doch die Protestbewegung schaltet auf stur. Längst geht es ihr nicht mehr nur ums Grundsätzliche, sondern ums Allgemeine.

Die Demonstranten um Imam Sittler ahnen, dass Stuttgart 21 nur der Anfang ist. Erst komme der Bahnhof unter die Erde und dann der Rest, wird geunkt. In der Tat deutet vieles auf solche Pläne hin. Vom „Stuttgarter Kessel“ sprechen die Einheimischen gnädig, doch in Wirklichkeit gemahnt die Landeshauptstadt viel eher an ein Plumpsklo in der Landschaft, deren Kreaturen Mutter Natur nicht zufällig hinter unwirtliche Hügel eingeschlossen hat. Hier auf den trostlosen Fildern mutiert selbst das Kraut zu hässlichen Spitzköpfen, an denen man auch die indigene Bevölkerung erkennt.



Die Bahngleise, welche die Stadt in zwei gleich triste Teile zerschneiden, wurden von den Stuttgartern bislang vorwiegend dazu genutzt, sich drauf zu legen. Auf dem Fernsehturm, wo sich einem das ganze Grauen auf einen Blick offenbart, wurde ein Warnschild angebracht, die Augen rechtzeitig wieder abzuwenden, weil andernfalls chronischer Trübsinn und/oder eitriger Augenherpes drohen. Vom amtierenden Oberbürgermeister Wolfgang Schuster wird erzählt, als er Stuttgart zum ersten Mal betrat, habe er sich spontan übergeben müssen. „Unter die Erde damit“, soll er damals gerufen haben und fürchterlich auf die Amis geschimpft, warum diese 1944 nicht bereits ganze Arbeit geleistet hätten.

Heute traut sich Schuster kaum mehr auf die Straße. Nur gelegentlich schleicht er sich im Dämmerlicht aus dem Rathaus und pinkelt im Schlossgarten gegen einen an eine Birke geketteten schlafenden Demonstranten. Grund zur Sorge hätte auch der Ministerpräsident. Stefan Mappus galt bei der CDU mal als Hoffnungsträger, brachte er doch alles mit, was einen anständigen Unionspolitiker auszeichnet: eine kindliche Begeisterung für die Atomkraft, einen krankhaften Wertekonservativismus und Wurstfinger. Solange er das schwarze Parteibuch besäße, sagte mal ein frustrierter Sozialdemokrat, könne man in Baden-Württemberg auch einen Besenstiel aufstellen – oder einen ehemaligen Nazi-Richter oder eben Mappus.



Doch Stuttgart 21 macht das bürgerliche Lager im Ländle wankelmütig. Unverhohlen schließen sich rechtschaffene Leutle, die seit vierzig Jahren beim Daimler schaffen oder bei Schwäbisch Hall Bausparverträge ausstellen, dem Protestmarsch an. Als Zeichen des zivilen Ungehorsams entfernen immer mehr Stuttgarter bei ihrem Mercedes die Klorolle von der Hutablage. Das schwäbische Bürgertum verliert seine Unschuld. Selbst die viel gerühmte schwäbische Hausfrau verfällt dem Wahn des Subversiven. Gerade eben noch von der Kanzlerin als Symbol für Fleiß und haushälterische Disziplin gefeiert, verkommt sie nun zum Terrorweib. Weil sie ihre politische Heimat verloren glauben, nennen sich die schwäbischen Hausfrauen jetzt Schwarze Witwen. Vermummt mit geblümten Kopftüchern ziehen sie gegen die Moderne und jede Form des technischen Fortschritts zu Felde, stets eine eigene Meinung suggerierend, als wäre der Jahrhunderte lange Kampf für ein traditionelles Familienbild in Baden-Württemberg völlig umsonst gewesen.

Im kommenden Frühjahr wählt das Ländle ein neues Landtägle. Zum ersten Mal in der Geschichte des Schwabenlandes droht der CDU der Machtverlust. Stuttgart 21 wird somit zur Schicksalsfrage der südwestlichen Zivilisation. Wo will sie hin? Nach unten und damit aufwärts? Oder oben bleiben und damit abwärts? Schwabens Mob scheint sich entschieden zu haben. Und trotzdem sitzt der Ministerpräsident seelenruhig auf seinem Thron und grinst zuversichtlich, denn Mappus hat noch ein Ass im Ärmel. Rechtzeitig vor den Wahlen wird er seine württembergischen Landsleutle darauf hinweisen, dass bei einem Scheitern von S21 all die schönen Milliarden in den Ausbau der Rheintalbahn flössen, also Baden gehen. Ein Totschlagargument für jeden Schwaben.

Dieser Text erscheint auch in der Oktober-Ausgabe der Satirezeitschrift Eulenspiegel.

[Fotos: dpa]

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