StudiVZ - wer sitzt in meinem Hörsaal?

Lucas von Bothmer

Lieblingsfrage auf Studentenpartys in den vergangenen Monaten: Bist du auch schon beim StudiVZ registriert? Das StudiVZ ist so etwas wie OpenBC für Studenten - ein großes Netzwerk, über das sich Studenten vernetzen und kennen lernen können. Lucas hat sich Deutschlands größtes Studentennetzwerk genauer angesehen.



Informationsgesellschaft. Spaßgesellschaft. Leistungsgesellschaft. Technologiegesellschaft. Transformationsgesellschaft. Globale Gesellschaft. Was nun eigentlich? Die Antwort lautet schlicht: Alles. Die Welt ist ein Salon geworden, die Konsumgesellschaft ihre Gäste. Und der Butler? Das Internet vielleicht. Auch in Deutschland erfahren soziale Netzwerke eine rasante Konjunktur, so auch die jüngste Netzwerk-Plattform Studiverzeichnis.de.


Mitte der neunziger Jahre gab es sie noch, die gute alte Partyvermittlung im Radio. Meistens waren es zwei Jungs um die dreißig, die schon leicht angeduselt und hochmotiviert bei Radio Brockenhexe anriefen, um dort kundzutun, dass, wer weiblich sei, sowie Bock auf coole Typen und ne angesagte Hausparty habe (gemeint war nicht der Musikstil), doch einfach bei ihnen vorbeischneien solle. Völlig Subjektiverweise soll nicht unerwähnt bleiben, dass diese Jungs häufig Burkhard und Andi hießen, Bacardi-Cola favorisierten und ihre richtig wilden Zeiten mit Depeche-Mode Musik verbanden - ein einfallsloser Popliterat würde sie wahrscheinlich als die “Generation Rip-Shirt” bezeichnen.

Die Zeiten haben sich geändert. Denn wie würde sich so etwas heute, im Jahr 2006 wohl abspielen? Vermutlich mit Hilfe von “social networking”. Immer mehr junge Menschen nutzen die unendlichen Möglichkeiten des Internets für ihre Kontakte und wie schon so oft sind die Amerikaner dabei schneller als die Europäer gewesen. So ist beispielsweise BlackPlanet.com ein Netzwerk für nicht weniger als 18 Millionen Afroamerikaner. Weltmarktführer ist die Plattform des Medienmoguls Rupert Murdoch myspace.com, die laut eigenen Angaben einhundert Millionen Nutzer hat. Für das Kontakthalten unter Schulfreunden klicken 25 Millionen Amerikaner regelmäßig auf Reunion.com

Die Berliner Studenten-Community Studiverzeichnis.de ist eine schnell wachsende Social-Network-Plattform im deutschsprachigen Raum. Es hat sich binnen weniger Monate bei hunderttausenden Studenten als täglich genutzte Kommunikationsform etabliert. Auf studiVZ.de (so lautet die Kurzform) können Studenten sich ein Profil anlegen und sich mit ihren real existierenden Freunden in einem Netzwerk verbinden, Informationen austauschen und ihre Kontakte zu anderen Studenten oder studentischen Organisationen pflegen. Im Grunde ist die Seite nichts anderes als ein deutsches Pendant zur amerikanischen Plattform facebook.com, mit einigen, kleineren Unterschieden. So bietet studiVZ mittlerweile Funktionen wie "Wer war auf meiner Seite?" oder das studiVZ-Blog an, die im amerikanischen Vorbild nicht existieren.

Ende Oktober 2005 gründeten die beiden Studenten Ehssan Dariani und Dennis Bemmann die Plattform. Seit dieser Zeit konnte das studiVZ bereits mehr als 400.000 Mitglieder (Stand August 2006) verzeichnen. Somit ist bereits etwa jeder fünfte deutschsprachige Student registriert. Nach Angaben der Betreiber sind bis zu zwei Drittel von ihnen täglich online.

Das System zählt wie z.B. auch friendster, openBC, facebook oder myspace zur sogenannten sozialen Software. Es ist nicht sonderlich anonym gestaltet, so ist beispielsweise das Kontaktnetz der einzelnen Mitglieder sichtbar, es ist jedermann erlaubt, die Freunde seiner Freunde anzusehen und zu “gruscheln”. Die genaue Bedeutung dieser Wortschöpfung kann nur gemutmaßt werden, Kontakt aufnehmen, kommt dem wohl am Nächsten.

Ähnlich wie beim populären, englischsprachigen Netzwerk facebook.com bemängeln Kritiker die einfache Möglichkeit für Unternehmen und andere Organisationen, sich der Userprofile zu bemächtigen, wie zwei Studenten vom MIT-College aus den USA dies kürzlich gelang.

Durch das Menü Privatsphäre versuchen die Betreiber von StudiVZ jedoch derartigen Befürchtungen entgegenzuwirken und bieten etwa als Funktion an, dass nur ein eingeschränkter Personenkreis das eigene Profil einsehen kann. Zudem werden Kontaktdaten ausschließlich vom Nutzer bestätigten Freunden angezeigt.

Praktisch ist auch die Such-Funktion. Ohne irgendwelche Zugangsbeschränkungen
kann nach anderen Studenten sowohl an der eigenen als auch an anderen deutschen (und vielen europäischen) Hochschulen gesucht werden. Viele der Daten, die im eigenen Profil angegeben wurden, (Studienrichtung, besuchte Lehrveranstaltungen, Beziehungsstatus etc.) lassen sich zudem anklicken. So kann der Student herausfinden, wer zusammen mit ihm eine bestimmte Vorlesung besucht.

Die exponentiell ansteigende Zahl von Mitgliedern lässt sich auch darauf zurückführen, dass die Nutzer der Plattform per Email ihren Freundeskreis dazuladen können. Die Seite ist so aufgemacht, dass alle Freunde des Users nebst Foto auf seiner Seite abgebildet sind. Dadurch steigert sich der Ehrgeiz des Einzelnen, was wiederum den Betreibern zu Gute kommt, die diesen Mechanismus als “virales Marketing” bezeichnen.

Interessant ist, dass das Führungsteam von Studiverzeichnis (Foto rechts), bestehend aus Ehssan Dariani (26), Dennis Bemmann (28) und Michael Brehm (26) beraten und unterstützt wird von Oliver Samwer. Dieser machte sich in den letzten Jahren gemeinsam mit seinen Brüdern Marc und Alexander durch die Gründungen und Verkäufe der höchst profitablen Internet-Unternehmen Alando (ein früherer Ebay-Klon) und die Klingeltonbude Jamba! einen beachtlichen Ruf als Jung-Unternehmer.

Nach Angaben der Betreiber wird bis zum Anfang des Wintersemesters 2006/2007 eine Gesamtnutzerzahl von mehr als einer Million Studenten erwartet. Damit zeichnet sich eine ähnliche Entwicklung wie in den USA ab, wo soziale Netzwerke bekanntlich schon sehr weit verbreitet sind

Zurück zur Kernfrage nun: Was ist bloß aus der guten, alten Partyvermittlung geworden? Rhetorische Frage - das Konzept war veraltet, als es erfunden wurde. Gerade in Deutschland, der vermutlich best-organisiertesten Nation auf der Welt, mutete der improvisiert-weltoffene Charakter der Feten schon beim bloßen Zuhören total befremdlich an. Zudem sprach aus der gute-Laune-Posaune der Anrufer nicht selten die pure Verzweiflung. Wenn man mal davon absieht, dass bei einer Radiosendung der Anrufende meist total aufgeregt ist, mangels Zeit kaum was von sich selber preisgeben kann, und man auch nicht anhand seiner Stimme erkennt, ob er ein Rip-Shirt oder Buffalo Stiefel trägt, blieb ein ganz wesentlicher Aspekt übrig, der die Partyvermittlung restlos in den Staub warf: Die personelle Eingrenzung.

Bei den meisten Netzwerken im Internet fällt auf, dass sie gewisse Zielgruppen ansprechen, wenn auch teilweise sehr weit verbreitete. Openbc wirbt um Geschäftsleute. Facebook. spricht amerikanische Studenten an. Und während ich diesen Satz hier fertig schreibe, tippt ein vielleicht 25 Jahre altes Mädchen am PC vor mir etwas in den Chatroom von lesarion.de ein. Das ist eine Domain für Lesben. Ich weiß nicht, was sie schreibt und im Grunde geht es keinen etwas an. Aber ins Radio möchte sie mit ihrem Text bestimmt nicht.