Kartierungsprojekt

Studierende der Uni Freiburg erforschen den Lebensraum Streuobstwiese

Erik Kunz

Studierende der Uni Freiburg erheben in Denzlingen, Vörstetten und Reute Daten für einen Streuobstzensus. Ihr Ziel ist, alle Streuobstbäume zu erfassen und eine digitale Karte zu erstellen.

Wie steht es um die Bestände der Streuobstwiesen auf den Gemarkungen Denzlingen, Vörstetten und Reute? Dieser Frage gehen aktuell drei Studierende der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg aus den Fachbereichen Umweltwissenschaften, Forstwissenschaften und Geographie nach. Im Rahmen ihrer Bachelor-Abschlussarbeiten erheben sie gemeinsam einen sogenannten Streuobstzensus.


Ziel ist, alle Streuobstbäume im Außenbereich der drei Gemeinden zu erfassen, zu bewerten und schließlich auf einer digitalen Karte sichtbar zu machen. Betreut wird das Projekt von Patrick Pyttel und Thomas Weich von der Professur für Waldbau an der Uni Freiburg. Der Aufwand für den Zensus ist groß. "Wir gehen von schätzungsweise 10.000 Bäumen aus", sagt Pyttel. Bäume auf umzäunten Arealen oder bebauten Grundstücken sowie innerorts werden nicht einbezogen. Erwerbsobstbäume auf Obstplantagen werden ebenfalls nicht berücksichtigt. Fördermittel erhalten die Studierenden trotz des hohen Aufwands nicht.

Die Studierenden besichtigen jeden einzelnen Baum

"Es ist ein ambitioniertes Projekt", sagt Pyttel. Zuerst werden anhand von Luftaufnahmen Standorte von Streuobstbäumen ausfindig gemacht. Danach besichtigen die Studierenden jeden einzelnen Baum und nehmen ihn, falls er ein Streuobstbaum ist, samt Standort in die digitale Karte auf. Zusätzlich beurteilen sie das Nutzungspotenzial jedes Obstbaums und seinen ökologischen Wert. Dieser wird anhand von einem Katalog bewertet, der Kleinlebensräume für Tiere wie Baumhöhlen, tote Äste oder Astabbrüche auflistet. Außerdem wird bei jedem Baum die Obstart vermerkt.

"Ziel ist die Dokumentation des Jetzt-Zustands der Bäume", erklärt Pyttel. Die digitale Karte soll öffentlich zugänglich und vielfältig nutzbar gemacht werden, beispielsweise für weitere Forschungszwecke. Der Zensus ist kein Mittel, um Streuobstbaum-Besitzer auf irgendeine Art zu kontrollieren. Pyttel betont: "Wir nehmen dabei eine klar neutrale Position ein." Die Kartierung läuft seit März und erstreckt sich – je nach Gemarkung – bis Oktober.

"Die Gemeinden wissen, welchen Wert die Streuobstwiesen für sie haben." Patrick Pyttel
"Die Gemeinden sind sehr kooperativ", freut sich Pyttel. Auf den Gemarkungen von Denzlingen, Vörstetten und Reute finden sich laut Weich noch starke Streuobstbestände, weshalb sie sich für den Zensus besonders anbieten. Streuobstwiesen prägen das Landschaftsbild der Region. Hochstämmige Obstbäume stehen dort wild verstreut und in einigen Metern Abstand zueinander. Streuobstbäume können bei guter Pflege ein Alter von bis zu 100 Jahren erreichen und kommen meist nach zehn Jahren in den Vollertrag – anders als die kleineren Erwerbsobstbäume auf dicht gepflanzten Obstplantagen, die bereits nach wenigen Jahren eine gute Ernte bringen. Sie werden jedoch meist nach 15 Jahren schon wieder gerodet und neu gesetzt.

Streuobstwiesen sind überaus artenreich

Typisch für eine Streuobstwiese ist ihre doppelte Nutzung: Die Bäume produzieren Obst und das Grünland darunter dient als Viehweide oder zur Futtergewinnung. Außerdem sind Streuobstwiesen überaus artenreich.

In den 1920er bis 40er Jahren erreichte die Streuobstkultur ihren Höhepunkt. Ab den 1950er Jahren gingen die Streuobstwiesenbestände durch Flurbereinigung, Mechanisierung und Intensivierung der Landwirtschaft sowie die Umstellung auf wirtschaftlich optimierte Anbaumethoden, beispielsweise auf ertragreicheren Obstplantagen, dramatisch zurück.

Die Situation der Streuobstwiesenbestände ist heute vielerorts kritisch. Ein großes Problem ist die Vergreisung zahlreicher Streuobstbäume. Diese sind sehr pflegeintensiv. "Der Schnitt ist ganz wichtig", sagt Thomas Weich. "Mehr Pflege ist notwendig." Oft fehle dabei aber zunehmend das nötige Fachwissen und der Nachwuchs, der sich in Zukunft um die Bäume kümmern müsste.

Mit Ergebnissen wird für Ende Juli gerechnet

Hinzu kommt, so Weich, dass die Streuobsternte arbeitsintensiv ist und sich für viele kaum mehr lohnt. Doch gibt es lokal durchaus Nachpflanzungen, um Bestände zu erneuern und zu sichern. "Heute genießen regionale Erzeuger wieder mehr Interesse", sagt Pyttel. Eine Chance für die Obstwiesen ist daher die Regionalvermarktung von Streuobstprodukten. Für Pyttel und Weich gibt es verschiedene Gründe, warum Streuobstwiesen erhalten werden müssen: die Vielfalt der alten Regionalsorten und ihre einmaligen Geschmacksrichtungen sowie ihr Wert als Gen-Reservoirs bei der Zucht neuer Sorten, um auf Krankheiten oder Schädlinge reagieren zu können. Zudem böten Streuobstwiesen zahlreichen Tier- und Pflanzenarten Rückzugsorte und müssten auch als kulturelles Erbe geschützt werden.

Mit ersten Ergebnissen des Streuobstzensus kann Ende Juli gerechnet werden. Darauf basierend könnten dann Rückschlüsse gezogen werden, wo auf den Gemarkungen zum Beispiel mehr Baumpflege nötig oder Neupflanzungen sinnvoll wären. Dabei können und wollen Pyttel und Weich nur Empfehlungen geben. Der Fortbestand der Streuobstwiesen hänge auch am Wissen, sagt Weich: "Das Interesse bei der Bevölkerung muss wach gehalten werden." Pyttel ist sich sicher: "Die Gemeinden wissen, welchen Wert die Streuobstwiesen für sie haben."