Austausch

Studierende aus Isfahan und Freiburg erschaffen gemeinsam Tape-Art

Dominik Heißler

Im Frühjahr waren Grafikschüler aus Freiburg in Isfahan, jetzt sind iranische Studierende auf Gegenbesuch. Gemeinsam kreiren sie in der Getrud-Luckner-Gewerbeschule Kunst aus Klebestreifen.

Aus dem obersten Stock der Gertrud-Luckner-Gewerbeschule in der Kirchstraße erklingt am Mittwochabend Stimmengewirr: Eine Gruppe junger Künstlerinnen und Künstler ist dort kreativ. "Freiburg Isfahan Design Project" steht in schwarzen Tape-Steifen an der Wand gegenüber vom Eingang. Die angehenden Freiburger Graphikdesigner und -designerinnen der Gewerbeschule waren im Frühjahr in Freiburgs iranischer Partnerstadt Isfahan, nun sind die Kunststudenten der Isfahaner Fachhochschule eine Woche in Freiburg.


Die Atmosphäre ist gut, obwohl die Verständigung nicht leicht ist

Ein Student steht auf einer Leiter an der Wand, eine Rolle schwarzes Tape in der Hand, und überlegt, wo er den nächsten Streifen anbringen kann. Das Bild vor ihm: der Kopf eines Mannes, wandhoch, der einen Bollenhut trägt. Die Bollen sind rot, der Mann ist also nicht verheiratet. "Wir würden gerne auch die Lippen rot machen," erzählt Martin Schonhoff, Lehrer für Graphikdesign und einer der Betreuer des Projekts. "Aber da werden die Iraner vermutlich Einspruch einlegen." Die offiziellen Begleiter der Gruppe sind noch auf der Rückfahrt aus Stuttgart, als die Kunststudenten und -studentinnen der Fachhochschule von Isfahan und die angehenden Freiburger Graphikdesigner und -designerinnen am Mittwoch gemeinsam die Wände gestalten. Sie haben bereits Taschen mit Tape beklebt und zusammen Brezeln gebacken. "Das ist ein sehr spannender Austausch", findet Jonas Fehlinger, 26. Die Isfahaner seien sehr aufgeschlossen und immer gut gelaunt. Und prompt beginnt einer der Iraner laut zu singen. Einige schauen auf, lächeln.

Die Atmosphäre ist gut – obwohl die Verständigung nicht immer einfach ist. "Nur zwei, drei Iraner sprechen Englisch", sagt die Freiburger Studentin Anja Gutmann.

Sei die Übersetzerin nicht da, werde es manchmal schwierig: "Wir reden dann mit Händen und Füßen." Die 20-Jährige freut sich darüber, dass die Iranerinnen und Iraner einen anderen Blick als die Deutschen haben – schon allein, weil sie von rechts nach links schreiben. Und darüber, dass "wir zusammen ein Werk schaffen können".

Im Iran geht’s mehr um Details, in Deutschland ums Ganze

Der Mittwoch hat auch der 19-jährigen Kunststudentin Behnoush Abbasi und ihrer Lehrerin Reyhaneh Shiran, 35, bisher am besten gefallen: "Jeder Tag war gut. Aber heute ist besonders gut." Behnoush übersetzt die Fragen von Englisch in Farsi und Reyhanehs Antworten wiederum in Englisch. Ihre Kopftücher haben sie locker um das Haar gelegt. Ihnen gefallen die geraden Linien der Tape-Art gut, die Technik ist neu für sie: "Wir versuchen, das schnell zu lernen." Und was ist der Unterschied ihrer Ausbildung zur der in Deutschland? Im Iran würden sie mehr auf die Details schauen, die Deutschen dagegen eher auf das große Ganze. Kluge Köpfe gebe es hüben wie drüben, "aber wir sind schlechter ausgestattet".

Die angehenden Freiburger Designer haben noch anderes aus der Iran-Gruppe gehört. Die Iraner sollen zum Beispiel auch danach ausgewählt worden sein, ob sie verheiratet sind. "Damit sie auf jeden Fall wieder zurückgehen."

Auf mögliche Auswahlkriterien angesprochen, antworten die beiden Iranerinnen nur, dass sie in Deutschland eine gute Zeit hätten. Dass zwei der Studierenden aus der Partnerstadt Zuhause Bericht erstatten sollten, haben die Freiburger gehört – "wer, weiß aber niemand". Den Mittwochabend jedenfalls dokumentieren sowohl die Deutschen als auch die Iraner ausführlich, ständig machen sie Bilder oder filmen, wie ihr gemeinsames Werk entsteht.

"Hier haben sie die Möglichkeit, fernab von Politik mit anderen jungen Leuten zusammenzuarbeiten", hebt Martin Schonhoff die "verbindende Kraft der Kunst" hervor, denn es handle sich um einen neutralen Raum. Und der angehende Graphikdesigner Jan Knäble, 21, betont die Vorteile der Zusammenarbeit mit der Partnerstadt: "Das gibt allen Beteiligten die Möglichkeit, über Völker hinauszuwachsen und sich als Menschen zu sehen – und nicht als Deutsche oder als Iraner."