Studieren im virtuellen Seminarraum

Claudia Füssler

Eine Seminarstunde per Klick und der Dozent grüßt lächelnd vom Monitor im heimischen Wohnzimmer: An der Uni Freiburg wird Online-Lernen immer gefragter, Studierende aus ganz Deutschland machen auf diese Weise ihren Master. Einer davon – Physikalisch-Technische Medizin – hat den Deutschen Weiterbildungspreis 2011 bekommen. Kein Wunder, sagt Toni Bünemann, die Online-Master-Studiengänge sind praktisch und hochwertig. Claudia Füßler hat mit der Leiterin des Fachbereichs Wissenschaftliche Weiterbildung an der Uni Freiburg gesprochen.



Frau Bünemann, was genau heißt „online studieren“?


Toni Bünemann:
Unsere Online-Master-Studiengänge sind im sogenannten Blended Learning-Modus konzipiert, eine Mischform, die bei Online-Studiengängen sehr verbreitet ist. 80 Prozent des Studiums passieren online, 20 Prozent sind Präsenzphasen hier in Freiburg. Die sind meist auf Wochenenden gelegt, damit sich auch Berufstätige angesprochen fühlen. Online studieren heißt aber auch, dass man mit ganz unterschiedlichen Lernmedien arbeitet, also mit Lehrfilmen, PDFs, 3-D-Darstellungen, klassischen Übungsaufgaben und Online-Tutorien. Da sitzt dann der Tutor am anderen Ende der Mail.

Ich sitze also nicht alleine daheim vor meinem Rechner und arbeite mich einsam durch die Studienunterlagen?

Das könnten Sie so machen, ja. Aber die Studiengänge sind sehr interaktiv angelegt. Es gibt einen virtuellen Seminarraum, Sprechstunden mit den Tutoren oder Chats – Sie können mit den anderen Studierenden oder Dozenten in Kontakt treten. Das wird auch intensiv genutzt.

Wenn Online-Studieren so prima funktioniert, warum sind dann Präsenzphasen überhaupt nötig?

Das ist zum einen wichtig für den direkten Kontakt mit Mitstudierenden und den Lehrenden. Sie agieren ja auch virtuell ganz anders, wenn sie die Menschen schon mal real getroffen haben. Zum anderen beinhalten alle unsere Studiengänge Praxisanteile, die gemeinsam vor Ort gelernt werden. Die Voraussetzungen hier an der Uni sind dafür ja auch phantastisch, warum sollen wir das nicht nutzen? Im Studiengang Photovoltaics können die Studierenden zum Beispiel im Labor selber etwas austüfteln und bauen, im Studiengang Palliative Care wird ihnen die Kommunikation mit Schwerkranken und ihren Angehörigen  mit Hilfe von Rollenspielen oder Übungen mit Schauspielpatienten näher gebracht.

Was ist der Vorteil eines Online-Studiengangs gegenüber der klassischen Variante?

Die Flexibilität. Berufstätige können ortsunabhängig studieren, im Prinzip können Sie ja in irgendeinem kleinen Dorf sitzen und von dort aus lernen. Auch für Studierende mit Kind ist das praktisch. Und Sie sind nicht nur orts-, sondern auch zeitunabhängig und können zum Beispiel in Randzeiten lernen. Auf dem Weg zur Arbeit zum Beispiel. Oder, wenn Ihnen das liegt, dann eben zwischen elf und zwei Uhr nachts. Diese Möglichkeiten haben Sie in der herkömmlichen Form des Studiums nicht.

Und der Nachteil?

Da sehe ich keinen. Für die weiterbildenden Studiengänge ist diese Form ideal.

Was macht einen guten Online-Studiengang aus?

Er ist didaktisch schlüssig aufgebaut, die Dozenten sind fachlich kompetent und es gibt ein gutes Betreuungskonzept. Inhaltlich sollte der Transfer zur Berufspraxis der Studierenden möglich sein, zum Beispiel über entsprechende thematische Übungsaufgaben. Wichtig ist zudem die Anrechnungspraxis, also die Kompetenzen mit Leistungspunkten einfließen zu lassen, die jemand durch andere passende Abschlüsse oder Weiterbildungen mitbringt. Die Lernplattform muss zu 100 Prozent stabil laufen, Abstürze wären für die Studierenden frustrierend. Deshalb arbeiten wir eng mit der Servicestelle E-Learning zusammen.

Was genau meint „gutes Betreuungskonzept“?

Das bedeutet keine Kontrolle, sondern Unterstützung. Dazu gehört natürlich zuallererst die zuverlässige Erreichbarkeit der Tutoren. Die sind zudem alle nicht nur Experten ihres Fachs, sondern auch als Teletutoren ausgebildet. Dazu gehört nicht nur, dass sie die Studierenden bei ihren Lernaktivitäten unterstützen sowie inhaltlich beraten können, sondern auch eine psychologische Schulung, so dass sie ihnen zum Beispiel aus  Motivationstiefs heraushelfen können.

Momentan gibt es sieben Online-Master-Studiengänge an der Universität  Freiburg. Kommen da noch mehr hinzu?

Denkbar ist einiges. Aber die Studiengänge sind noch relativ frisch, einige sind ja erst 2010 gestartet. Einen neuen Studiengang aufzubauen, kostet nicht nur Zeit, sondern auch jede Menge Geld. Momentan sind wir dabei, ein Angebot zu entwickeln, das mit kürzeren Online-Weiterbildungsangeboten unterhalb der Studiengangsebene ansetzt.

Online-Studium

Insgesamt sieben berufsbegleitende Online-Studiengänge bietet die Uni Freiburg zurzeit an: Intelligente Eingebettete Mikrosysteme, Parodontologie, Estate Planning, Photovoltaics (englischsprachig), Physikalisch-Technische Medizin, Taxation und Palliative Care.

Der Studiengang Physikalisch-Technische Medizin – namentlich Professor Josef Guttmann und sein Team – erhielt unlängst den deutschen Weiterbildungspreis des Hauses der Technik in Essen. Voraussetzungen für eine Bewerbung für einen der Online-Studiengänge  sind ein abgeschlossenes Erststudium sowie ein bis zwei Jahre Berufserfahrung. Die Kosten für die drei bis acht Semester dauernden Studiengänge liegen bei 10000 bis 29000 Euro.

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[Bild 1: Robert Kneschke/Fotolia; Bild 2: Michael Bamberger]