Studieren im Knast

Meike Riebau

Wie ist es eigentlich, im Knast zu studieren? Die Freiburger JVA bietet ihren fast 800 Gefangenen ein einzigartiges Bildungsangebot. Meike war im Gefängnis und hat mit Häftlingen, Lehrern und Anstaltsleitung über das Studium hinter Gittern gesprochen.



Internet mit einer Seite

Carsten S. fährt konzentriert mit der Maus über den Bildschirm, klickt einmal, zweimal, ein Browserfenster öffnet sich – die Startseite seiner Uni. Zwei Klicks, die für Millionen von Studenten ganz alltäglich sind, die aber für Carsten S. immer noch etwas Besonderes haben. „Es gibt hier erst seit 2003 Internet“, erzählt der schlaksige Informatikstudent. „Hier“, das ist die Justizvollzugsanstalt (JVA) Freiburg.

Internet für Gefangene ist etwas Außergewöhnliches und deshalb ist der Zugang immer noch stark reglementiert: Nur die Seite der FernUniversität Hagen lässt sich öffnen. Die Studenten können zwar E-Mails über eine Uni-Adresse versenden und empfangen – jedoch nur unter Beobachtung. Jede ein- und ausgehende E-Mail wird als Kopie an eine Administratorin geschickt.

Carsten S. ist einer von 18 Studenten, die derzeit in der JVA studieren. „Die meisten studieren Informatik, aber BWL ist groß im Kommen“, so der Leiter der Bildungsabteilung, Reinhard Sprehe.

Mehr noch als "draußen" wird hier wohl das studiert, was eine berufliche Perspektive geben kann. Wenn Informatiker gesucht werden, haben vielleicht auch Vorbestrafte eine Chance, so die Hoffnung.



Zur Prüfung im gepanzerten Bus

Das Bildungsangebot der Freiburger JVA ist einzigartig in Baden-Württemberg. Neben Informatik werden hier noch fünf weitere Studiengänge angeboten: Wirtschaftswissenschaften, Elektrotechnik, Kultur- und Sozialwissenschaften, Mathematik und Rechtswissenschaften, alles in Kooperation mit der FernUni Hagen. Hinzu kommt noch die „normale Schule“ – Hauptschule, Realschule, Berufsoberschule, diverse Sprachkurse – nicht umsonst wird die Freiburger JVA „Bildungszentrum“ genannt.

„Als wir vor mehr als 30 Jahren mit der Bildungsarbeit anfingen, war das alles im Vergleich noch winzig“, berichtet Sprehe. Früher mussten die Häftlinge für mündliche Prüfungen im gepanzerten Bus zum Prüfer gebracht werden.

Prüfung per Webcam

Heute dagegen läuft das Ganze per Videokonferenzschaltung ab: Prüfling und Prüfer sitzen jeweils vor einer Webcam und unterhalten sich. Für kleinere „Tafelanschriebe“, etwa eine mathematische Formel, gibt es eine Art Touchpad, auf dem der Student schnell etwas aufzeichnen kann. „Letzte Woche hat einer der Studenten eine 1,3 in einer mündlichen Prüfung bekommen“, erzählt die Systemadministratorin Annika Kaindl. „Wenn ich da nebendran sitze, fiebere ich natürlich immer mit.“

Hinzugekommen ist mittlerweile auch eine Kooperation mit dem Fernstudienzentrum der TH Karlsruhe. Diese stellt Mentoren bereit, die in den einzelnen Fächern Unterricht geben. Bücher bekommen die Häftlinge aus der Bibliothek der JVA. Sie können sich auch selbst welche kaufen oder bei der FernUni Hagen ausleihen.



Post aus China

Mittlerweile haben fünf Studenten ihr Studium in der JVA abgeschlossen. "Alle haben einen Job bekommen", sagt Sprehe zufrieden.

Ein chinesischer Student hat sich kürzlich per Postkarte aus seiner Heimat gemeldet – er habe Arbeit und in ein geregeltes Leben zurückgefunden. „Das freut einen natürlich“, so Sprehe. „Es hat sich gezeigt, dass die Formel „mehr Bildung gleich geringeres Rückfallpotenzial“ aufgeht."

Es ist wirklich auffallend: Die Informatikstudenten, mit denen wir sprechen, wählen ihr Fach Informatik nicht in erster Linie deshalb, weil sie es besonders spannend finden würden; sondern weil es ihnen gute Jobchancen verspricht.



Paukerei in der Studentenverbindung

Wie etwa für Ahmet U. Der 37-jährige Türke hat sich extra von Karlsruhe nach Freiburg verlegen lassen, um hier studieren zu können. Vorher musste er zuerst Deutsch lernen. „Vor vier Jahren, als ich herkam, konnte ich kein Wort“, sagt Ahmet. Seit Oktober dieses Jahres ist er endlich immatrikulierter Student für Wirtschaftsinformatik.

Während für den Rest der Insassen morgens um 7.30 Uhr die Arbeit beginnt, sitzt er im Unterrichtsraum, der den Charme einer kargen Jugendherberge besitzt, und büffelt. Wenn sich Dozenten einen Traumstudenten schneidern dürften, würde er wahrscheinlich ähnlich aussehen wie Ahmet: 70 bis 80 Prozent seiner Zeit wendet er für sein Studium auf. Sogar auf einen Fernseher in der Zelle hat er verzichtet, um sich besser auf das Studium konzentrieren zu können. Allerdings scheint es nicht allen so zu gehen. Genau wie die Studenten „draußen“ haben auch die JVAler mit der „Aufschieberitis“ zu kämpfen, wie Robert F., ebenfalls Erstsemester, erzählt. Die allerdings hier noch einmal schwerer ins Gewicht fällt.

Teures Studium

Denn nicht jeder wird zum Studium zugelassen. Neben der Hochschulreife entscheiden viele andere Kriterien über die Eignung. Ein Team aus Vollzugsleitung, Lehrern, Sozialarbeitern und Psychologen tritt jährlich zusammen, um über jeden Kandidaten zu urteilen. Auch danach weicht der Druck nicht von den Studenten: Gefangene studieren zu lassen, ist teuer – und wer deshalb nicht pro Semester zwei Klausuren schreibt und besteht, muss wieder zurück an die Arbeit. Montage.

Während des Studiums sind die Gefangenen von der Arbeit freigestellt. „Deshalb gibt es hier auch genau die gleichen Vorurteile gegenüber Studenten wie überall: Wir haben den Ruf, ein bisschen verwöhnt und hochnäsig zu sein“, erzählt Robert F. Das schweiße das Studentengrüppchen natürlich zusammen.

„Dass Freundschaften entstehen, wäre zuviel gesagt“, meint er. „Aber wir haben schon ab und zu eine gemeinsame Kaffeerunde.“ Insgesamt könne man eine JVA in einem gewissen Sinne ja auch mit einem männlichen Studenten- oder Arbeiterwohnheim vergleichen. „Ein wenig wie eine schlagende Verbindung, auch die Zimmergröße ist vergleichbar“, sagt der 37-jährige Master-Student mit einem etwas bitteren Lächeln. „Mit gemütlichem Vor-sich-hin-Studieren hat das Ganze aber trotzdem nichts zu tun“, meint er, „es macht die Haft erträglicher und gibt Perspektive“.



Versöhnung mit der Gesellschaft

Eine Garantie für einen Job nach der Entlassung ist das Studium natürlich nicht. Aber, so Reinhard Sprehe, „darum geht es ja nicht nur.“ Das Studium versöhne wieder mit der Gesellschaft und trage viel zur persönlichen Entwicklung bei. Gerade bei Häftlingen, die etwa nach 15 Jahren mit einem Abschluss in der Tasche entlassen werden, sei es ein Unterschied „wie Tag und Nacht“.