Studi-Typologie: Kleines Handbuch für die Artenvielfalt auf dem Campus

Karo Schrey & Martin Jost

Du kennst das Gefühl: Auf dem Campus laufen eine Menge erstaunlich aussehender Studenten rum. Nur die Kommilitonen aus deinem Fach scheinen normal zu sein. Was verraten uns Studienfächer über Persönlichkeiten und umgekehrt? Kann man an Oberflächlichkeiten ablesen, was der andere studiert? – Kann man! Eine kleine Typenkunde:

Juristen



Rechtsanwälten gehört die Welt. Jura-Studenten gehört sie bald, deshalb benehmen sie sich schon mal so. Juristen wissen, dass es vielleicht nicht für jedes Problem eine Lösung gibt, aber zumindest eine Gesetzeslücke. Einen Millionär in der Familie haben, einen Arzt im Freundeskreis und einen Klempner als Nachbar ist Silber wert. Einen Rechtsanwalt kennen Gold. Drum stell dich gut mit Juristen. In ihrer Nähe sein ist ohnehin schön: Sie sehen blendend aus und weil sie so viel pauken müssen, wissen sie das „Feiern“ in „Feierabend“ wirklich zu schätzen.


Einstiegsfrage für Smalltalk: „Ab welcher Umschlagfarbe muss ich einen Vollstreckungsbescheid ernstnehmen?“

Mediziner

Medizinstudenten sind in der Regel patent und verantwortungsbewusst, ernsthaft und sachlich. Spätestens nach dem ersten Semester machen sie den erwachsensten Eindruck von allen Studenten. Das kommt daher, dass sie in der Mutter aller berufsorientierten Studiengänge nur mit Ernst und Eifer bestehen..

Erkennbar an: Grotesk dicken Büchern, Augenringen + Energy Drinks.

Smalltalk starten mit: „Ich hab da eine braune nässende Stelle unter meiner Brustwarze. Kann ich dir die mal zeigen?“  

Molekularmediziner

Die gute Ambition, Menschen zu helfen verbinden Molekularmediziner mit der Einsicht, dass sie nicht gut mit Menschen können. Mit dem Mikroskop schaffen sie endlich Krebs und Erbkrankheiten aus der Welt. Sie sind praktisch eine Kreuzung aus Arzt und Nerd. Weltscheu, aber Menschenfreunde.

Erkennbar an: Dem Makrovirus, das sie Gassi führen.

Smalltalk starten mit: „Erklär mir noch mal, warum Rotwein gut gegen Krebs ist.“

VWL-er


Studenten der Volkswirtschaftslehre sehen auf eine Art niedlich aus. In dem Sinne, in dem Fünfjährige, die man für Familienfeste in Anzüge steckt, niedlich aussehen. Babyfaces im Businessdress. Die meisten VWL-er hatten vor dem Abitur schon eine Firma. Im Gegensatz zu Juristen studieren sie nicht, um sich später mal den After-Work-Lifestyle verdingen zu können, sondern weil sie ihre Arbeit lieben. Mit Genuss verbeißen sie sich in Fragen des Streamlinings und der Marktoptimierung. Hätten sie statt zu studieren schon auf den Brücken der großen Weltkonzerne gestanden, hätte es die riesige Wirtschaftskrise nie gegeben.

Smalltalk starten mit: „Was ist ein Leerverkauf?

Politikwissenschaftler

Politikstudenten und Alt-68-er geben sich modisch nix. T-Shirt in die Hose gesteckt plus Sakko. Die Jungs tragen Drei-Tage-Bart. Im Auftreten sind Politikwissenschaftler verwegen und extrovertiert. Das Prädikat „politisch unkorrekt“ ist für sie wie das Bundesverdienstkreuz. Neben Historikern sind sie die einzigen, die die ganze Zeit Hitlerwitze machen dürfen. Vor allem nach dem Seminar beim Weißbier mit dem Dozenten, den sie duzen.

Smalltalk starten mit: „Die da oben machen doch eh was sie wollen.“

Musikwissenschaftler

Musikwissenschaftler sind große Träumer, die Augen fest an die Wolken geheftet. Zwischen den Fingern zerbröselt die Selbstgedrehte, während sie versuchen, sich in den Disziplinen Schlafzimmerblick, Alltagsphilosophie und von der Welt angeekelt sein Bob Dylan anzunähern. Ihr Studium ist kein Musikstudium und doch wird gerade ihr akademisches Allwissen ihnen ermöglichen, Musik für die Ewigkeit zu komponieren.

Immer dabei: Offene Flasche Inspiration und die Partitur für eine Bach-Fuge mit eigenen Verbesserungen.

Smalltalk starten mit: „Warum ist die «Zauberflöte» jetzt eigentlich keine Oper?“

Romanistinnen



Romanistinnen sind sinnlich und liebenswürdig, haben immer eine Kanne Kräutertee aus den Anden dabei und werden selten über 1,45 m groß. Die Studentinnen der romanischen Sprachen sind so überwiegend weiblich, dass sie ihre Fachschaftsparty grundsätzlich gemeinsam mit den Physikern feiern – das deutlichste Eingeständnis, dass Studipartys der Paarung dienen.

Smalltalk starten mit: „Hola, ¿qué tal?“

Chemiker, Physiker, Biologen & Co.



Hast du dich mal gefragt: Wenn ich wie Robinson Crusoe auf einer einsamen Insel strande, könnte ich dann alles Lebenswichtige aus meinem Alltag nachbauen? Fernrohr, iPad, Penicillin? Wahrscheinlich nicht. Nerds haben diese Welt gebaut und zwar nicht, indem sie an der Sonne gesessen haben oder auf Partys gegangen sind. Folglich sind sie eher hell im Gesicht und du triffst sie meistens in der Instituts-Mensa, über eine Gruppenarbeit gebeugt. Frag sie, ob du ihnen einen Kaffee mitbringen kannst. Behandle sie wie Helden, denn wir haben die Welt von den Nerds nur geborgt.

Smalltalk starten mit: „Erst das Wasser oder erst die Säure?

Forstwissenschaftler

Forstwissenschaften sind ein Weg, den Hippie-Lifestyle zum Beruf zu machen: Ökologie, Nachhaltigkeit, Umwelt – jedes dieser Worte hat ein Forstwissenschaftler in seinem Leben öfter benutzt als „Mama“. Dabei schläft er nicht nur im Wald und raucht Selbstangebautes, sondern absolviert ein anspruchsvolles Querschnittsstudium und wird von uns allen am ehesten mal die Welt retten.

Erkennbar an: Dicke Socken quellen aus den Wander-Boots; Surferhaare, Outdoorhemd, Hippie-Bus, Försterhut und Schießgewehr.

Smalltalk starten mit: „Sprechen Bäume wirklich so langsam wie in «Herr der Ringe»?“

Sportstudenten


Und das soll eine Wissenschaft sein? Wie auch immer. Sportstudis sind leicht zu erkennen an ihrer durchtrainierten Figur sowie ihrem unkomplizierten und Selbtszweifel-freien Umgang mit allem Körperlichen. Als einzige Population mit genug Glückshormonen und ohne Komplexe sind sie aufgeschlossen und ausgeglichen. Um nicht zu sagen naturbreit. Sportstudenten trifft man meistens auf einer Slackline nahe einem Grill.

Smalltalk starten mit: „Was ist ein Abseits?“

Historiker

Das ist leicht zu merken: Historiker sehen historisch aus. Viele scheinen die Anziehsachen ihrer 50 Jahre älteren Geschwister aufzutragen. Unterm Arm haben sie Bücher, und zwar die staubige Sorte. Denn auch Dünkel gegenüber den flüchtigen neuen Medien gehört für sie zum Habitus. Darüber hinaus lässt sich wenig über Historiker verallgemeinern, man hat nämlich garantiert immer den Falschen vor sich. Fachsimpeln über die französische Revolution? „Mit mir nicht!“, sagt der Althistoriker. Und auch die Mittelalter-, und Medizinhistoriker werden abwinken: „Nicht mein Gebiet.“

Smalltalk starten mit: „Was wäre, wenn die Russen den kalten Krieg gewonnen hätten?“  

Psychologen

Ja, sie sehen alles. Auch das, was du im hintersten Winkel deiner Seele zu verstecken suchst. Ihr liebstes Hobby: Analysieren. Gerade nach dem dritten Bier können sie ihre Meinung über dein Verhältnis zu deiner Mutti nicht länger für sich behalten. Das wird dann besser, wenn sie in einer Therapieausbildung gelernt haben, dass Psychologie vor allem Zuhören und Fresse halten ist. Aber diese Ausbildung müssen sie sich erstmal leisten können.

Erkennbar an: Der Chaiselongue. Natürlich, die Couch ist immer dabei. Für eine spontane Sitzung.

Smalltalk starten mit: „Ich habe heute geträumt, dass du mir ein Bier kaufst. Was bedeutet das?“

Gender Studies


Gender ist ein Schmarotzerfach ohne eigene Veranstaltungen. Die Genders besuchen alle möglichen fremden Seminare, gehen dann in eine Arbeitsgruppe über Waldnutzung in der griechischen Antike und bestehen darauf, „den Genderaspekt“ herauszuarbeiten. Der/die GenderaspektIn ist meistens irgendwas mit zu wenig Frauen in der Geschichtsschreibung. Aber das ist auch keine Lösung, denn Frauen sind nur eine Erfindung des heteronormativen Mainstreams. Oder so.

Erkennbar an: Zuspätkommen. Genders kommen zu jeder Seminarsitzung immer zehn Minuten zu spät. Das ist vielleicht Auflehnung gegen den chrononormativen Machoscheiß.

Smalltalk starten mit: „Ist mit Emanzipation nicht langsam mal wieder gut?“  

PH-Studenten

Studentinnen und Studenten der Pädagogischen Hochschule müssen sich auch liebevoll P-Hasen bzw. P-Hirsche nennen lassen. Sie machen sich nichts vor. Nein, sie werden nicht vielleicht in die Forschung gehen – PH-ler werden Lehrer. Ansonsten sind sie fächerübergreifend leicht an Äußerlichkeiten zu erkennen. Da wären die Lehrerledertasche und der Lehrerkalender, die sie schon benutzen. Das Auftreten eher zurückhaltend bis konservativ – abgesehen vom einen oder anderen Rastazopf. PH-ler sind selbstbewusst, was ihre Karriere angeht (Lehrer braucht es ja immer) und idealistisch (sie werden ja später tagein, tagaus Kinder zu Menschen machen).

Smalltalk starten mit: „Fandest du Schule nicht auch ätzend?“  

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[Illustrationen: Karo Schrey]