Studi-Accessoires (1): Das Palituch

Rebecca Schnell

Regelmäßig stellt Rebecca ein studentisches Accessoire und seine Geschichte vor. Diesmal das so genannte Palästinensertuch.



Geschichte

Das Palästinensertuch heißt eigentlich Kufiya und war ursprünglich ein von Männern getragenes Kopftuch in der arabischen Welt. Es handelt sich um ein quadratisches, weißes Baumwolltuch mit einem gleichmäßig gewürfelten Muster, meist einfarbig schwarz oder rot gewebt.

Primär diente es der Landbevölkerung als Schutz gegen die erbarmungslose Sonne Arabiens. Der Großmufti von Jerusalem erklärte das Tuch während des arabischen Aufstands in den dreißiger Jahren zum politischen Symbol des Kampfs gegen den Westen und Israel. Gefoltert oder getötet wurden diejenigen, die sich dem allgemeinen Zwang nicht beugen wollten und weiterhin europäische Hüte spazierentrugen.

Unter der Führung Jassir Arafat bemächtigten sich die palästinensischen Studenten in den 1960ern dieses Symbols, um so ihre Verbundenheit mit dem einfachen Volk auszudrücken. In den 1970er und 80er Jahren fand das Palituch dann Einzug in die linke Szene der BRD. Angeblich machten sich damals Mitglieder des Palästina-Komitees – eines Sprosses des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds – nach Palästina auf, um sich vor Ort die PLO und deren Kampfmethoden anzuschauen. Für die sonnenempfindlichen deutschen Häupter kam das PLO-Tuch gerade recht.

Und weil sie so stolz waren, endlich zu den coolen Antiimperialisten à la Arafat zu zählen, behielten sie das Tuch nach der Abreise einfach auf. Von da an machte der Bommelschal steile Karriere als politisches Symbol. Zunächst bezeugte er Solidarität für die PLO-Bewegung, später dann wurde er zur Anti-Haltung schlechthin: gegen das Establishment, gegen die USA, gegen den Imperialismus. Das Palituch erwies sich als ungemein praktisch: Nicht nur hielt es warm, es diente auch zur Vermummung gegen die Polizei und tauchte deswegen nicht nur bei den Friedensbewegungen auf, sondern auch bei Aktionen wie den Protesten gegen die Startbahn West oder den Kämpfen um besetzte, leerstehende Häuser. Dass das Palituch auch ein Symbol gegen den Staat Israel ist, war wohl wenigen bewusst.



Was es heute bedeutet und wer es trägt

Heutzutage ist es als modisches Accessoire irgendwie alternativer Studenten beinahe vollständig entkoppelt von seinen politischen Ursprüngen. Seine Blütezeit hat das Tüchlein, wie es scheint, bereits hinter sich.

Aufgrund seiner vielseitigen Verwendungsmöglichkeiten– als Schal, als Tisch- oder Picknickdecke oder ganz authentisch um den Kopf gewickelt – erfreut sich das Palituch dennoch einer zähen Popularität, namentlich bei Studenten der Ethnologie, Anthropologie und Indologie. Leider befinden sie sich in schlechter Gesellschaft: Auch Neonazis tragen das Tuch, um ihrem Antisemitismus Ausdruck zu verleihen.

Wo man es kaufen kann

Bei bananaboot.de, ebay und Co.; in alternativen und punkigen Läden.

Das nächste Mal: Der American Apparel Schal