Studenten in der Psychokrise

Stefan Lederer

600 Studierende besuchen jährlich die psychotherapeutische Studentenberatung in Freiburg. Ihre Gründe sind meist Selbstzweifel, Anpassungsdruck und die Last der Konkurrenz. Spielt bei den Problemen auch die wachsende Community-Bildung (StudiVZ) eine Rolle? fudder hat nachgefragt.



Entstehung

Die Psychotherapeutische Studentenberatung gibt es bereits seit 40 Jahren, am 29. und 30. Mai feiert sie ihr Jubiläum. Studentenvertretung und AStA waren damals stark an der Gründung beteiligt. Psychotherapie fiel zu dieser Zeit noch nicht in die gesetzlichen Leistungen der Krankenkassen, umso notwendiger war eine Anlaufstelle, die möglichst unkompliziert und unbürokratisch Hilfe ermöglichte.



Schnell und unbürokratisch weiterzuhelfen ist auch heute noch das zentrale Anliegen, sagt Dr. Albert Fersching. Der Psychoanalytiker arbeitet seit 26 Jahren in der Beratungsstelle und hat vor elf Jahren ihre Leitung übernommen. Wie alle Mitarbeiter ist er daneben auch noch selbstständig tätig und führt eine eigene Praxis. Mit ihm sind noch zwei weitere Psychologen und ein Arzt hier tätig.

Zuspruch

Im Jahr nehmen ungefähr 600 Studierende das Beratungsangebot in Anspruch, dazu kommen viele unangemeldete Besucher in die offenen Sprechstunde, die jeden Mittwoch stattfindet. Meist kommen die Hilfesuchenden von selbst, manchmal erfolgt die Kontaktaufnahme auch über Mitstudenten, Partner oder sogar Lehrende.

Im Verlauf des ersten Gesprächs wird oft schon deutlich, ob es sich um eine kurzfristig lösbare Krise handelt oder um etwas Schwerwiegendes. Bei letzterem hilft die Beratungsstelle, einen Therapeuten oder eine Klinik zu finden. Ein Fünftel aller Hilfesuchenden wird weitervermittelt.

Natürlich besteht, wie bei jedem psychotherapeutischen Gespräch, absolute Schweigepflicht der Mitarbeiter.

Häufige Probleme

Während des Studiums sind viele Menschen krisenanfällig, sagt Fersching.
„Man beginnt das eigene Leben zu organisieren, muss lernen sich zu profilieren und zu präsentieren und sieht sich bei vielen Fächern gegenüber seinen Mitstudenten in einem Spannungsverhältnis zwischen Konkurrenz einerseits und Kooperation andererseits. In dieser Zeit kommt noch einmal sehr viel in Bewegung und wird in Frage gestellt. Es ist ganz klar eine Phase der Identitätsfindung.“

Bei den Problemen macht er unterschiedliche Bereiche aus. Häufig betreffen sie das Studium. Es geht um Lernschwierigkeiten, Konzentrationsschwäche und Blockaden. Daneben suchen auch viele Studenten Rat in Beziehungs- oder Partnerschaftsproblemen. Den dritten Teil machen Selbstwertkrisen aus, Depressionen und psychosomatische Erkrankungen. Psychiatrische Störungen sind bedeutend seltener, kommen aber ebenfalls vor.

Neue Entwicklungen

„Der Schwerpunkt hat sich in den letzten Jahren von den Beziehungsproblemen auf die selbstwertbezogenen Probleme verlagert,“ sagt Dr. Fersching. „Viele erleben Selbstzweifel und Ohnmachtsgefühle.“ Er führt das unter anderem auf gesellschaftliche Veränderungen zurück. Vor dem Hintergrund der Globalisierung nehmen Anpassungs- und Flexibilitätsdruck immer mehr zu. Im Studium tritt die Zweckmäßigkeit an erste Stelle. Dadurch gehen die Spielräume für die Persönlichkeitsentwicklung während des Studierens zurück.

Die zunehmend zu beobachtende Community-Bildung von Studenten im Internet, wie etwa auf StudiVZ, sieht er eher positiv. Damit entstehen neue Vernetzungsmöglichkeiten. Der Kontakt untereinander wird erleichtert, wobei das nicht die realen Begegnungen mit anderen ersetzen sollte.



Beratungsablauf 

Anmelden kann man sich von Montag bis Freitag zwischen 9 und 12 Uhr, telefonisch oder per E-Mail. Die Beratungsgespräche dauern zwischen 40 und 50 Minuten und finden ganztägig statt.

„Es ist keine Schande, eine Beratung in Anspruch zu nehmen, sondern ein Zeichen von Eigenverantwortung,“ betont Fersching. „Krisen sind natürlich und kommen vor. Gerade auch während des Studienlebens.“

Mehr dazu:

  • Wann: Offene Sprechstunde am Mittwoch von 13 Uhr bis 14 Uhr
  • Wo: Schreiberstrasse 12, 79098 Freiburg