Stromrebellen à la française: Ökostrom aus Labaroche

Anne-Sophie Legge & Imke Plesch

Für umweltfreundliche Energieerzeugung sind die Franzosen nicht unbedingt bekannt. Die Bürger des kleinen elsässischen Bergdorfs Labaroche in der Nähe von Colmar machen mit einem kollektiven Solarprojekt jedoch einen Anfang.



Ein wenig wächsern blickt der französische Staatspräsident Sarkozy aus seinem Bilderrahmen im Rathausflur herab. Vielleicht, um seine Landsleute selbst hier im Bergdorf Labaroche, fern der Hauptstadt, daran zu erinnern, dass der politische Takt in Paris angegeben wird.


Und doch schlägt hier eine kleine Bürgerinitiative für erneuerbare Energien ungewohnte Wege ein, die vielleicht auch bald nach Paris führen werden. An einem sonnigen Januarmorgen machen wir uns aus Freiburg auf, um in diesem abgelegenen elsässischen Dorf die Anfänge einer von Bürgern getragenen ökologischen Revolution zu suchen. Auf dem Dach des Holzmuseums von Labaroche (Foto unten) ist vor zwei Jahren eine Photovoltaik-Anlage installiert worden – zunächst auch in Frankreich nichts gänzlich Neues mehr, für öko-verwöhnte Freiburger schon gar nicht. Doch das Besondere an Labaroche ist die Bürgerbeteiligung – zu 30 % wurde die Anlage von Bürgern des Ortes finanziert. In 15 Jahren werden diese ihr Geld wiederhaben, denn bis dahin erhalten sie jährlich Erträge aus der Einspeisung des Solarstroms ins nationale Netz.



Bei der Ankunft am Holzmuseum ist es still. Kein Mensch auf der Straße – nur die von Kindern geschnitzten Holzfiguren blicken uns an und der Weihnachtsschmuck weht noch immer im Wind. Wirklich dezent sieht sie aus, diese Photovoltaik-Anlage, die sich über die Hälfte des Museumsdaches erstreckt. Kaum zu glauben, dass mancher eine Verschandelung des Ortsbildes befürchtete, als vor einigen Jahren die Idee einer Solaranlage aufkam. Dass die Anlage verhältnismäßig klein blieb, lag nicht zuletzt an unzureichenden Finanzmitteln – die Banken hatten für die Energiepioniere zunächst nur ein müdes Lächeln übrig. So entstand die Idee einer Bürgerbeteiligung.

Auch der Bürgermeister, der uns in seinem kleinen Rathaus an der Dorfstraße empfängt, hat die Solaranlage mitfinanziert. „Wir erhoffen uns vor allem mehr Touristen für das Holzmuseum“, erklärt er uns. In Frankreich stellt eine Solaranlage noch eine echte Attraktion dar. Dass die Entwicklung in Labaroche noch ganz am Anfang steht, wird uns auch dadurch deutlich, dass es kaum möglich ist, mit Verantwortlichen der Bürgerinitiative in Kontakt zu treten. „Versuchen Sie es mal im Nachbardorf“, rät der Bürgermeister. „Dort arbeitet die Vereinspräsidentin im örtlichen Finanzamt.“

Zum Abschied zeichnet er uns noch den Weg zu einem Dorfbewohner auf, der sich mit Solarstrom seinen Lebensunterhalt verdient. Doch dieser französische Stromrebell ist nicht zu finden: Zwischen Eseln und Hühnern tasten wir uns auf unbefestigten Feldwegen voran und sind froh, als wir bei Einbruch der Dämmerung wieder eine asphaltierte Straße unter die Räder unseres Autos bekommen.

Auch wenn die Türen schon verriegelt sind, brennt noch Licht im Finanzamt des Nachbardorfes La Poutroie. Carine Mosnier-Janoux öffnet uns auf unser Klopfen hin erstaunt das Fenster und ist erfreut, als wir sie nach der Geschichte der Solaranlage fragen. Ein Student der Ingenieurswissenschaften war es, der vor einigen Jahren in ihr Büro spazierte, um sich für seine Diplomarbeit über die steuerlichen Rahmenbedingungen beim Bau einer örtlichen Solaranlage zu erkundigen. Aus der theoretischen Überlegung wurde schließlich ein konkretes Projekt – heute ist Mosnier-Janoux die Vorsitzende des Vereins „Citoyens de la Weiss“.

Viele Hürden hat sie überwinden müssen, bis die Anlage gebaut werden konnte. Vor allem die 200 Bürger sind es, die mit ihren Anteilen im Wert von je 100 Euro dem Projekt den nötigen Antrieb gegeben haben. Später konnte sie neben der Gemeinde auch die Region und die EU überzeugen, die erneuerbaren Energien mitzufinanzieren.



Für Deutsche ist lediglich erstaunlich, dass sich die Bürger von Labaroche in ihrem Projekt nicht gegen die Atomkraft wenden. „Wir sind ein apolitischer Verein," sagt Carine Mosnier-Janoux. „Es gibt zwar auch Atomgegner in unseren Reihen, aber die meisten Mitglieder haben an der Energiepolitik des Staates nichts auszusetzen.“ Nachhaltige Energiegewinnung und der Gedanke, den kommenden Generationen ein erhöhtes Umweltbewusstsein zu vermitteln, stehen im Vordergrund der Initiative. „Unser nächstes Projekt ist eine Windanlage. Und dann wollen wir das Experiment von Labaroche in anderen Teilen Frankreichs wiederholen.“

Dabei rechnet der Verein mit einigen bürokratischen Schwierigkeiten, da das Elsass in rechtlicher Hinsicht aufgrund seiner langjährigen Zugehörigkeit zum Deutschen Reich noch immer einen Sonderstatus hat. Doch sind diese Formalitäten erst einmal erledigt, können die Bürger anderer Städte Frankreichs bald Öko-Anteile für ihre Kinder oder Enkelkinder kaufen. Einzige Bedingung: Als Investition in die Zukunft gedacht darf der Kleine seine Anteile nicht vor seinem 18. Geburtstag verkaufen.

Infografik: So kommt die Sonne in die Steckdose

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Grafik: Stéphanie Goutte

Mehr dazu:

GoogleMap: Labaroche