Strindberg & Kafka im Wallgraben-Theater: "Eine Art Unplugged-Version"

Christian Heigel

Ein Mensch, der mal Affe war und ein gekränkter Ehemann: beide kommen als "Männer im Käfig" ab morgen auf die Bühne des Freiburger Wallgraben-Theaters. Franz Kafkas "Bericht für eine Akademie" und August Strindbergs "Plädoyer eines Irren", das wird ein Doppelmonolog an einem Abend. Schauspieler Miguel Abrantes Ostrowski und sein Regisseur Tim Lucas sprechen bei fudder über den fast zweistündigen Text-Marathon.



Tim und Miguel, ihr arbeitet jetzt schon zum dritten Mal zusammen. Kafkas „Bericht für eine Akademie“ und Strindbergs „Plädoyer eines Irren“ habt ihr in den vergangenen Jahren schon einzeln aufgeführt, jetzt gibt es beide Stücke zusammen in einer neuen Version. Offenbar liegt euch die gemeinsame Arbeit. Wie kamt ihr eigentlich auf die Idee, euch zusammen zu tun?

Tim: Miguel und ich kennen uns über einen guten Freund. Und irgendwann hat Miguel die Idee gehabt, wollen wir nicht mal was zusammen machen. Ich muss gestehen: Ich hab ihm ja damals gar nicht geglaubt. Ich war neu hier, kam vom Schultheater und hab gedacht: Das kann doch nicht sein, dass der mit mir arbeiten will, der hat doch wirklich schon mit anderen Leuten gearbeitet. Bis zur ersten Probe hab ich nichts gemacht, weil ich gedacht hab, der verarscht mich. Und bei der ersten Probe hab ich dann festgestellt: Der kennt ja echt den Text! Und dann haben wir angefangen mit dem Kafka.

Miguel:
Verbotenerweise sogar. Ich war ja noch am Freiburger Theater engagiert und eigentlich kann man ja nicht woanders arbeiten und die nicht fragen. Aber ich hab gedacht: Wenn ich frage, sagen die sowieso nein. Das war die Endphase unter dem Interimsintendanten Mettin. Tim und ich haben über drei Monate geprobt, sogar heimlich im Stadttheater. Zwei Wochen vor der Premiere haben sie es dann doch gemerkt, weil’s überall Poster und Ankündigungen gab. Da wurde ich dann zum Intendanten bestellt mit einer halben Abmahnung. Und am Ende haben die vom Stadttheater dann neidisch auf unsere Arbeit geguckt, weil es ein ziemlicher Erfolg wurde.

Kafkas „Bericht für eine Akademie“ steht auch in eurem neu konzipierten Theaterabend wieder auf dem Programm. Der Text ist der Monolog eines Affen, der zum Mensch geworden ist, unzählige Male schon auf deutschen Bühnen aufgeführt. Was ist bei eurer Version anders als bei euren Vorgängern?


Tim:
Das Ding ist so oft von Leuten missbraucht worden, die zeigen wollen, wie toll sie Tiere darstellen können. Ich hab Miguel zwar gefragt, ob er erstmal mit mir in den Basler Zoo gehen will und Tierstudien machen. Aber uns war schnell klar, das geht gar nicht. Und ich hab dann zu Miguel gesagt: Wir brauchen kein Affenkostüm, dein Brusthaar-Toupet reicht! Der Affe wird ja eingeladen von einer Akademie, die erfahren will, wie er zum Menschen gedrillt worden ist. Bei uns wird er jeden Abend rumgereicht und muss in einer Varieté-Nummer zeigen, wie toll er jetzt Mensch geworden ist. Und da ist er einfach mächtig angepisst.

Miguel: Vor allem ist der ja mittlerweile auch mehr Mensch als die unten im Zuschauerraum. Das lass ich die Menschen in ein paar Sätzen auch spüren. Mein Affe ist mittlerweile so fit, dass er durch die ganze Welt fliegt und nur noch eingeladen wird von Kerner bis Harald Schmidt. Bei uns artet der Vortrag weiter aus als eigentlich geplant war. Er macht eine Art Endabrechnung und macht danach vielleicht nie wieder so eine Scheiß-Varieténummer.



Der Affe bei Kafka erzählt von seiner Zeit in Gefangenschaft. Das passt natürlich zu eurem Thema „Männer im Käfig“. In Strindbergs „Plädoyer eines Irren“, dem zweiten Teil eures Abends, verarbeitet der Autor eine gescheiterte Beziehung. Sitzt er denn dabei auch im Käfig?


Tim:
Er hat sich selbst in seinem Keller eingeschlossen. Strindberg hatte eine ziemlich obsessive Beziehung zu einer seiner Frauen, Siri von Essen, so eine richtige „Tunnelblick-Beziehung“, also nur die beiden. Die Beziehung war so obsessiv, dass sie auch gewalttätig war. Irgendwann ging sie dann auseinander und Strindberg hat sich in seinem Keller eingeschlossen, um die Beziehung als Roman zu verarbeiten. Das Ding ist eine Qual zu lesen, endlos lang. Wir hatten eine Monologfassung, die wir eigentlich ganz gut fanden. Nur weil das Ganze eben eine Beziehung von Anfang bis Ende beschreibt, ist es auch ziemlich durchschaubar. Wir haben dann einfach unsere Szenen-Stapel genommen und einmal in den Raum geschmissen und geschaut, wie sie wieder zusammen fallen.

Miguel: Jetzt ist das Ganze interessanter, weil man nicht gleich mitkommt als Zuschauer. Man ist irritiert, weil es nicht so plausibel und logisch ist. Es wird alles noch schizophrener und kranker. Und das tut der Sache echt gut.

Tim:
Das hat auch was von dem Tumult, in dem du bist, wenn eine Beziehung vorbei ist. Du gehst die Sachen ja dann auch nicht chronologisch durch, sondern du kaust sie einfach immer und immer wieder durch. Das ist eine Form von Nicht-Loslassen. In unserer Fassung geht Strindberg mit einer Art Poesiealbum in den Keller und spielt die Beziehung immer wieder durch. Da bastelt er sich dann zum Beispiel seine Frau. So wie andere im Keller mit ihrer Modelleisenbahn spielen.

Das Ganze klingt nach einer ziemlich intensiven Arbeit für den Schauspieler, der da fast zwei Stunden lang allein auf der Bühne steht. Muss man dafür so eine richtige Rampensau sein und ziemlich viel von sich einbringen?

Miguel: Im Gegenteil, ich nehme mich eher zurück. Denn wir haben nur eine Chance, wenn die Texte gut kommen. Gut, prinzipiell neige ich schon dazu, noch was dazu zu machen. Ich bin so jemand, der immer gern viel Scheiß drum herum macht, am Liebsten dreißig Requisiten und zwei Kostümwechsel in einer Stunde. Aber Tim sagt dann immer: Nein, lass das so pur und schlicht. Und ganz oft ist auch weniger mehr, gerade hier bei Strindberg und Kafka. Natürlich kann ich auch einen Affen spielen, der sich am Ende den Frack runterreißt und in die Ecke pisst. Das mache ich nicht, eher gibt es so eine Art Unplugged-Version, einfach ein Text und ein Schauspieler. Da steh ich voll dahinter. Die Location kommt uns dabei sehr entgegen: Gerade die Nähe zu den Zuschauern im kleinen Keller-Theater ist sehr reizvoll. Da kann ich ganz anders auf die Leute reagieren. Und ich bin schon sehr gespannt, wie die reagieren werden.



Mehr dazu:

Web: Wallgraben-Theater

Was: Männer im Käfig – ein Theaterabend und zwei Monologe von Franz Kafka und August Strindberg mit: Miguel Abrantes Ostrowski, Regie: Tim Lucas
Wann: Mittwoch, 18. Juni bis Samstag, 21. Juni 2008, jeweils 20 Uhr
Wo: Wallgraben-Theater Freiburg
Tickets: 11,50 Euro , 12,60 Euro, 15,90 Euro, 17 Euro