Stress im Bachelor: Alles Lüge?

Fabienne Hurst

Bachelor-Studierende klagen oft über zu viel Stress und zu wenig Zeit. Eine neue Studie will beweisen, dass Studierende längst nicht so viel zu tun haben, wie behauptet - 23 Stunden pro Woche sollen es nur sein. Was Freiburger Studierende dazu sagen und wie man sein Zeitmanagement verbessern kann:

Als in der Freiburger Innenstadt gelbe Bildungsstreik-Transparente durch die Luft wirbelten, war Tobias Hein nicht dabei. „Ich hatte einfach keine Zeit“, sagt der VWL-Student. Welche Ironie. Denn einer der Hauptkritikpunkte an der Bologna-Reform ist der volle Stundenplan - Hobby-Killer und Zerstörer sozialer Beziehungen.


„Stimmt nicht ganz“, sagt der Hamburger Forscher Prof. Dr. Rolf Schulmeister. Er ist Leiter des Projekts „ZEITlast“, in dem er das Zeitmanagement von Studierenden in Bachelor- und Masterstudiengängen untersucht. Seine Studie hat ein verblüffendes Ergebnis erzielt: Gerade einmal 23 Stunden wenden die Studierenden pro Woche für ihr Studium auf. „Wir waren ziemlich überrascht“, sagt Schulmeister.

In der methodisch bisher einmaligen Erhebung wurde der Zeitaufwand der Studierenden fünf Monate lang erfasst. 403 Probanden aus 14 Studiengängen registrierten in Web-Tagebüchern alle Stunden, die sie für ihr Studium aufwendeten. Selbst Gespräche mit Kommilitonen, die Minuten im Copy-Shop und das Bücherausleihen in der Bibliothek zählten dazu.

„Bologna ist eine Katastrophe“

Reformbefürworter ziehen einen optimistischen Schluss aus den Erkenntnissen: Nichts wird so heiß gegessen wie gekocht. Auch die Bildungs-Bolognese nicht. Doch nehme das Ergebnis Bologna-Kritikern keinesfalls den Wind aus den Segeln, so Schulmeister. Im Gegenteil.

„Was da gemacht worden ist, halte ich für eine Katastrophe. Denn die Lehrstruktur wurde beibehalten. Es werden immer noch acht bis zehn Fächer parallel unterrichtet statt in Blöcken. Ein Studium, das auf acht Semester angelegt wurde und bis auf 14 Semester verlängerbar war, wird nun in 6 Semestern studiert.“

Dass die Studenten weniger Zeit dafür aufbringen als erwartet, liege an den herabgesetzten Anforderungen, vermutet der Forscher. „Durch Multiple-Choice-Tests werden zum Beispiel nur zwei Fähigkeiten gefördert: so schnell und so aufwandsfrei wie möglich auswendig zu lernen. Das kann doch nicht Ziel der universitären Lehre sein.“ Schulmeister versteht seine Studie nicht als Schlag gegen jammernde Studenten. Seine Ergebnisse sollen zeigen, was Bologna falsch gemacht hat.

Das richtige Zeitmanagement

Julia Bayer (Bild links)studiert im sechsten Semester an der Fakultät für Forstwissenschaft. „Ich hatte ein recht entspanntes Studium, aber nur, weil ich mir meine Zeit eingeteilt habe“ sagt die 23-Jährige. „Ich konnte trotz der vielen Aufgaben für die Uni meinen Hobbies nachgehen, mich bei einer Naturschutz AG engagieren, meinen Jagdschein machen.“ An der reinen Stundenzahl könne man den Stressfaktor aber nicht ablesen.

Claudia von Schultzendorff, Zeitspar-Trainerin aus Freiburg, sieht im richtigen Zeitmanagement die größte Herausforderung für die Studierenden der neuen Abschlüsse. „Während des Semesters einen Nebenjob zu haben wird schwierig, weil es sich fast immer um Kurse mit Anwesenheitspflicht handelt. Es ist nicht mehr möglich, Stoff selbst nachzuarbeiten. Oft finden Kurse und Klausuren auch noch in den Ferien statt.“

Viele Studierende fühlen sich zu sehr an einen Zeitplan gebunden. „Wir haben fast nur Pflichtfächer, alles ist wie in der Schule“, klagt Rosa Dafonte, 42 (Bild rechts), die letztes Jahr ihr Abitur nachgeholt hat und jetzt im zweiten Semester Psychologie studiert. „Der Druck, der auf einem lastet, ist einfach enorm. Vor allem, weil von Anfang an alle Noten zählen.“ Einen Masterplatz gibt es nur mit einer Note ab 2,5. Und den wollen die meisten. „Das Paradoxe daran ist: Wir lernen ja in Biopsychologie, was mit unserem Körper in Stresssituationen passiert. Aber wir selbst können ihn nicht abbauen.“ Rolf Schulmeister versteht diese Klage nur teilweise. „Es wird auch viel Zeit verdödelt,“ findet der Bildungsforscher. „Pausen werden nicht richtig genutzt, Stundenpläne sind ja oft richtige Flickenteppiche. In den zwei Stunden zwischen den Veranstaltungen geht man dann nicht in die Bibliothek, sondern auf Facebook oder ins Café.“ Oft werde die Zeit auch nur auf die Vorlesungszeit berechnet. Nicht auf das ganze Semester, das auch die vorlesungsfreie Zeit beinhaltet.






Fester Zeitplan als Chance

Zeitspartrainerin Claudia von Schultzendorff gibt auch Einzelcoachings in Unternehmen. „In den letzten Jahren habe ich einen klaren Wandel bemerkt. Man sitzt nicht mehr nur da und macht eine Aufgabe. Heute ist alles projektorientiert. Ist ein Projekt abgeschlossen, zack, zack, kommt das nächste“, sagt die studierte Betriebswirtin, die sich auf Wirtschaftspsychologie spezialisiert hat.

So gesehen bereitet der Bachelor vielleicht besser auf die Arbeitswelt vor, weil man sich von Anfang an mit einem effizienten Zeitmanagement befassen muss. „Man darf nicht vergessen, dass sich viele Magister- und Diplomstudierende verloren haben in der ganzen Offenheit und Freiheit. Das hängt ganz vom Typ ab, vielen tut ein geregelter Zeitplan auch gut.“

5 Tipps von der Zeitspartrainerin:

 
  • Kontinuierlich arbeiten: „Sagen Sie sich nie wieder: Hätte ich doch von Anfang an gearbeitet. Tun Sie es wirklich.“
  • To-Do-Listen schreiben: „Es wichtig, sich für einen Tag erreichbare Ziele zu setzen. Am Abend schaut man dann, was man alles abhaken kann und was man eventuell am nächsten Tag noch erledigen muss.“
  • Freizeit einplanen: Man sollte immer daran denken, sich als Person nicht zu vergessen. Am besten plant man gezielt Zeit ein, in der man nichts für die Uni macht. Eis essen, Freunde treffen, ins Kino gehen. Ganz wichtig ist dabei, dass man diese freie Zeit dann auch genießt. Belohnen Sie sich mit einem Film, einer Stunde Nichtstun, einem Eis.“
  • Mit Puffern arbeiten: „Hetzen Sie nicht von Termin zu Termin – das nimmt Ihnen die Energie und generiert Stress. Und vor allem: Mensch bleiben, nicht nur nach Methode leben!“
  • Die Internetfalle umgehen: "Begrenzen Sie Ihre Surfzeit. Facebook, fudder und Emailprogramm darf und muss man nutzen – aber bitte nicht neben dem Lernen. Nehmen Sie sich vor, 30 Minuten zu surfen und gehen Sie dann zurück an die Arbeit.“
 

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