Streikmentalität in Frankreich und Deutschland

Julika Herzog

Neue Bahnstreiks sind in Deutschland bis Ende Januar 2008 unwahrscheinlich. Hartmut Mehdorn (Bahn) und Manfred Schell (Lokführergewerkschaft GDL) haben sich heute in Gesprächen auf Eckpunkte eines Tarifvertrags verständigt. Davon abgesehen haben wir in den vergangenen Wochen einiges über die deutsche Streikmentalität erfahren, und über die französische. Ein Vergleich.



In Deutschland wurde gestreikt. Immer wieder und ohne spektakuläre Effekte. Der Deutsche fühlt sich zwar genervt, aber nicht richtig betroffen. Am eigenen Leben oder am System möchte er deswegen nichts ändern. Es bleibt beim Bahnstreik, anstecken lassen sich die übrigen Deutschen vom revolutionären Gedanken nicht.


Unsere französischen Nachbarn haben eine andere Streikkultur: wenn hier gestreikt wird, dann richtig. So wie in den vergangenen Wochen: Die Lokführer der französischen Bahn SNCF, aber auch die Fahrer der öffentlichen Verkehrsmittel – der Metros und Busse – legten die Arbeit nieder. Der Grund für diesen Aufstand: Präsident Sarkozy möchte ihr vergünstigtes Rentensystem abschaffen. Während die übrigen Franzosen etwa bis zu ihrem 60. Lebensjahr in die Rentenkasse einzahlen, gehen die Bahnführer meist schon mit 50 in den Ruhestand. Dieses Privileg möchten sie natürlich behalten und dafür gehen sie auf die Straße. 60 Prozent der Franzosen distanzieren sich von diesem Streik.



Mittlerweile ist es deswegen auch wieder ruhiger in Paris. Präsident Sarkozys starke Hand greift offenbar. Der historische Riesenstreik von 1995 scheint sich nicht zu wiederholen.

Fragt man den Deutschen nach dem Bahnstreik, antwortet er, er sei genervt. Fragt man ihn aber, ob er selber vom Streik betroffen war, erzählt er wie von einem Abenteuer: "Ich wäre ja fast nicht weggekommen." Im Endeffekt ist er aber doch weggekommen, im schlimmsten Fall mit einer Stunde Verspätung. Und um diese Wartezeit zu überbrücken, steht in deutschen Bahnhöfen extra eingestelltes Servicepersonal, das den Kunden mit Gratiskaffee versorgt. In Frankreich undenkbar. Wenn dort doch mal ein Zug am Tag fährt, prügeln sich die Franzosen quasi um die Plätze.



Ich frage in Paris um 18 Uhr einen Franzosen, der aus der Arbeit kommt, nach seinem Heimweg. Daraufhin erzählt geduldig vom dreistündigen Marsch am Morgen, von der Hoffnung, doch einen Zug zu bekommen und vom bevorstehenden Dreistundenmarsch. Genervt? "So ist er eben, der Streik."

Die Solidarität zwischen Bevölkerung und Streikenden ist ein entscheidender Unterschied zwischen Frankreich und Deutschland. Westlich des Rheins weitet sich der Protest schnell auf andere Bereiche aus. Nicht nur die Bahnführer streiken, sondern mittlerweile auch die Beamten. Auch sie sind gegen Sarkozys Reformpolitik.

Der Bahnstreik könnte in einen Generalstreik münden. Schulen wurden zwischenzeitlich geschlossen, Ämter haben tagelang ihre Arbeit niedergelegt, Studenten fördern ebenso den Aktionismus. Die Unis werden blockiert. Studenten hinter Barrikaden hindern Kommililtonen und Professoren am Betreten der Gebäude. Zwangsferien für alle, ob für oder gegen den Streik.



Würde der deutsche Student den Bahnstreik zum Anlass nehmen, gegen die Reformpolitik der Regierung und soziale Ungerechtigkeit im Allgemeinen zu protestieren? Wann wurde zuletzt eine deutsche Universität von Studenten dicht gemacht? In Deutschland kommt der revolutionäre Gedanke nicht zum Ausdruck. Vielleicht existiert er ja auch gar nicht im französischen Ausmaß.

Aber das ist wahrscheinlich auch gut so: wegen jedem kleinen Grund riesige Demonstrationen und Streiks anzuzetteln – mit Straßenschlachten, in denen sich nicht nur der revolutionäre Student, sondern auch der Lehrer mit Polizisten prügelt – das scheint aus deutscher Sicht kaum denkbar. Für uns ist schon der kleine Bahnstreik abenteuerlich genug.