Streik-Beobachtungen: Mein Tag ohne Bus und Bahn

fudder-Redaktion

Der Warnstreik im öffentlichen Dienst hat den Nahverkehr in Freiburg lahmgelegt. fudder-Autoren und fudder-Leser mit Beobachtungen, Notizen und Anmerkungen zum Tag ohne Bus und Bahn.



Hannah Allgeier

„Ich wohne direkt an der Linie 1 und höre jeden Morgen die vorbeifahrenden Straßenbahnen. Doch heute Stille... Um zehn Uhr laufe ich an den Kiosk an der Endhaltestelle. Keinen Bahnen, keine Busse und vor allem keine Menschen. Sonst tummeln sich hier wartende Schüler, Studenten und andere Fahrgäste.



Die Damen im Kiosk ziehen lange Gesichter:“Heute geht gar nichts. Wir haben bestimmt Einbußen von 60 Prozent,“ erzählt mir Besitzerin Angela Schiel.

Beim Verlassen des Kiosk stößt mich beinahe ein hektisch rennender Taxifahrer um. Ich höre nur noch die ersten Worte, die er an Angela Schiel richtet:“Total verrückt heute. Ich mache das Geschäft meines Lebens.“ Grinsend laufe ich mit meiner Zeitung in der Hand nach Hause. Des einen Leid, des anderen Freud."



Till Westermayer

"Weil die „die Verdi“ (Laufband) die VAG bestreikt, kommt meine Tochter nicht aus dem Wald raus. Sie geht in den Waldkindergarten, da fährt eh keine Straßenbahn hin. Trotzdem ist sie vom Streik betroffen. Denn es gibt eine Ausnahme: jeden Donnerstag ist Ausflugstag im Waldkindergarten. Da fahren die Kinder dann mit der Straßenbahn vom Rieselfeld in die Innenstadt oder in andere Stadtteile. Oder sogar, wie für heute geplant, bis zum Bahnhof und weiter mit dem Zug zum Schlittenfahren nach Hinterzarten – das geht mit dem öffentlichen Nahverkehr ganz problemlos. Wenn er denn nicht bestreikt wird.

So gibt’s heute statt Schlittenfahren für meine Tochter nur eine Rieselfeld- und Waldwanderung. Und wir, die Eltern? Insgesamt betrachtet bringt so einen Streik unsere fein abgestimmte „alltägliche Lebensführung“, wie es schön soziologisch heißt, schon ein bisschen durcheinander. Die Fahrräder sind nach dem Winter noch nicht wieder ganz einsatztauglich, also haben wir die Erledigungen in der Stadt auf morgen verschoben und – ganz flexibel – dafür die akademische Arbeit mit nach Hause genommen."

David Weigend


"Der Streik der Freiburger Bus- und Bahnfahrer tangiert mich nicht. Ich bin noch nie mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit gefahren. Velopower, da gibts kein Vertun. Ich könnte es mir ohnehin nicht vorstellen, mich morgens in die überfüllte Linie 1 zu quetschen und den Tag damit zu beginnen, mir Schulkinder-Dialoge anzuhören á la 'Eh, der Benni stinkt ausm Maul' 'Hasch was gsagt, du Wixer!' 'Eh du Huresohn, was hasch du für schwule Klingelton' und so weiter.



Mein heutiger Weg zur Arbeit verlief also genauso wie sonst auch. Toll: Kein Glatteis mehr wie in den vergangenen Wochen, wobei das auch kein Problem war. Sehr angenehm: Keine trantütige Straßenbahn ab Schwabentor, keine nervenaufreibenden Überholmanöver der selben im Nadelöhr Salzstraße.

Und keine Vollbremsung am Bert, da dieser Ort heute ein Hort des Friedens ist und nicht wie sonst ein Ameisenhaufen von gestressten VAG-Kunden, die blindlings aus der Bahn stolpern, um, den Blick zum Boden gesenkt, quer über den Platz zu tapern. Von mir aus könnten die VAGler gern weiterstreiken."

Lorenz Bockisch

"Einen sonnigeren Tag hätte sich Ver-Punkt-di nicht aussuchen können. Der Bertoldsbrunnen ist verwaister als an einem Sonntag, nur ab und zu kommt ein Radler vorbei. Auffällig ist, dass der Altersdurchschnitt der Passanten deutlich geringer ist als sonst – die vormittags einkaufenden Rentner sind wohl auf Bus und Bahn angewiesen.

Im Sedanviertel, auf dem Weg zu einem Café, möchte ich rufen: 'Du bist so 90er!' Ein etwa 35-jähriger Mantelträger hat seinen silbernen Tretroller aus dem Keller geholt und schwingt sich über die Fußwege. Heute sind Old-School-Fortbewegungsmittel wieder in – wie die Kerze bei Stromausfall."



Carolin Buchheim

"Beim Zähneputzen genieße ich vom Badezimmer aus an jedem Arbeitsmorgen den Ausblick auf eine Straba-Haltestelle der Linie 5. Dort stehen sonst jeden Morgen zur gleichen Zeit die gleichen Leuten (die Frau mit den leuchtend roten Haaren, der Junge mit der puffigen Winterjacke), so wie ich zur gleichen Zeit am Fenster stehe und Zähne putzend heruntergucke. Heute nicht, schließlich kommt ja auch keine Straba.

Und das typische Straba-Rauschen,  das den Tag in meiner Wohnung begleitet, fehlt. "Sechs bis neun Grad und blauer Himmel. Beinahe Vorfrühling im Breisgau", verspricht derweil der Wettermann im Radio. In der Infosendung danach wird erklärt, warum heute gestreikt wird. Ein Busfahrer aus Stuttgart kommt zu Wort. Er verdient 1700 Euro Netto.

Später hole ich mein geliebtes Fahrrad aus dem Keller, zum ersten Mal seit November. Die Reifen haben noch genug Luft, und auf der üblichen Strecke Richtung Innenstadt merke ich: das passt heute alles. Und in der Luft ein winzigkleiner Hauch von Vorfrühling."



Julia Weber

"Nachdem ich Mami beauftragt hatte, mir heute  ein dickes Vesper einzupacken –vielleicht musste ich da draußen ums nackte Überleben kämpfen, man weiss ja nie – wackelte ich zu meiner Bushaltestelle. Die der SBG –Symbadisch, Braktisch, Gut. Per Zufallsmodus switchte mein iPod zu „I've got the power“ von Snap und ich hatte das gute Gefühl, dass das heute mein Tag wird.

Keine 10 Minuten später wusste ich: Er wird es nicht – Akku leer! Lieber Gott, warum hasst du mich so sehr?! Da ich zuvor im Bus mit Händen und Füßen um einen der letzten Fensterplätze gekämpft hatte, konnte ich so meine Nase gegen die Scheibe drücken und beobachtete das Geschehen auf den Straßen. Stau. Wer hätte das gedacht?!

Ich wandte meine Aufmerksamkeit wieder dem Innenleben dieses viel zu kleinen und natürlich total überfüllten Busses zu und beobachtete eine Dame mittleren Alters, die wohl total aus der Fassung gebracht worden war von diesem ganzen Chaos und ständig –während sie sich um 180° drehte- dem jungen Herrn neben ihr den Rucksack um die Ohren schlug. So konnte ich mir die Zeit vertreiben und mich ein wenig amüsieren, bis wir endlich am Bahnhof angekommen waren.



Wie eine geschlossene Herde hatten wir „um-die-S-Bahn-betrogenen-Fußgänger“ uns zusammengeschlossen und trieben Richtung Stadtmitte. Toll, so ein Gemeinschaftsgefühl. Unweigerlich musste ich an Ice Age denken und kichern.

Als der Rudelführer abbog und die Herde verließ, wurde auch ich schmerzhaft daran erinnert, dass ich eigentlich auch schon längst in der Agentur sein sollte. Schnell noch den Interview-Kerlen mit der riesigen Kamera von BadenFm ausgewichen (ich hatte nämlich eine Rudolph-the-red-nosed-reindeer-Nase und wollte so auf keinen Fall den Menschen vorm Fernseher in Erinnerung bleiben!) und man glaubt es kaum, aber ja, ich kam an. Und zwar mit nur (!) 40-minütiger Verspätung.

Ich freu' mich jetzt schon auf den Heimweg…"