Street Wars: Das große Wasserlassen

Markus Steidl

Am 18. Mai beginnt in Heidelberg ein Spritzpistolenmassaker. street wars, eine Art urbanes Gotcha, werden die "Feine", wie es im Badnerlied so schön heißt, in nassen Schrecken versetzen. Was vom Feuchtkrieg zu halten ist, notiert im folgenden Markus Steidl.



Montag, 21. Mai. Man kauft sich in einem Obst- und Gemüsegeschäft in der Heidelberger Innenstadt eine Banane und ein Ayran, weil man an seinem freien Tag in einem Park entspannen will. Plötzlich: ein dumpfer Schlag im Rücken, nix Schlimmes. Trotzdem ist klar, was Sache ist: Treffer, niedergeschossen! Nun ja, eigentlich ist man nur etwas nass geworden, der Mörder war mit einer Wasserspritzpistole bewaffnet. Es ist nur ein Spiel.

Das Spiel heißt Street Wars, und im Mai dieses Jahres findet es in Heidelberg statt. Es handelt sich nach Angaben des Heidelberger Veranstalters um ein groß aufgezogenes „Räuber & Gendarm“: Jeder, der sich mit 15 Euro für das feuchte Straßenfest anmeldet, bekommt ein potentielles Opfer aus dem Teilnehmerpool zugeteilt, das mit einer Wasserspritzpistole zu liquidieren ist. Dazu erhält man Foto, E-Mail- und Heimat-Adresse und Handynummer des Nasszumachenden.




Das Spielfeld ist hier unbeschränkt auf das gesamte Gebiet der jeweiligen Stadt ausgedehnt, weswegen die Mitspieler dort auch ihren festen Wohnsitz und Arbeitsplatz oder Studienort etc. haben müssen. Und das sind auch genau die Orte, an denen man sein Opfer nicht überfallen darf. In beiden Fällen wäre man natürlich auch weit davon entfernt, Fragen nach dem Grund für diese Regelung zu stellen.

Schließlich möchte man ja nicht mitten bei der Arbeit an einem mit Hochspannung geladenen Elektromotor plötzlich allseitig vollgespritzt werden und dabei verschmurgeln, oder, in einem weniger schlimmen Theoriefall, Rüffel vom Chef beziehen, weil man keine vernünftigen Ergebnisse mehr liefert, vor lauter Angst, hinter der nächsten Aktenschrankecke auf seinen Inquisitor zu stoßen.

Weiterhin tabu sind Bahnhöfe, öffentliche Gebäude und der ÖPNV. Wer will schon als unschuldiger Beteiligter klitschnass zum Vorstellungsgespräch fahren?



Schafft man es, sein Ziel ausfindig zu machen und aus dem Verkehr zu ziehen, bekommt man die „Jagdkarte“ des Opfers. So geht das dann weiter, bis das Spiel zu Ende ist und man im Idealfall als einziger „Überlebender“ noch in der Stadt herumläuft (oder, was wahrscheinlicher ist, bis man selbst angesprenkelt wird). Sollte - ganz wider Erwarten - mehr als ein Teilnehmer überleben, gibt es ein Finale an einem festgelegten Datum, an dem alle gegen alle Wasser lassen dürfen.

Soweit klingt das alles ja ganz unterhaltsam. Das Problem ist nur, dass auf einem solch unübersichtlichen Spielfeld der erfolgreiche Verlauf von den Spielern selbst abhängt - besser gesagt von ihrer Bereitschaft, ihren „Tod“ auch einzugestehen.



Zusätzlich gibt es zwar Schiedsrichter, die aber nicht überall sein können, weil sich vermutlich eher weniger Leute für ein solches Happening drei Wochen Urlaub nehmen. Obwohl diese Möglichkeit durchaus plausibel erscheint, je länger man über die potentiellen Suchtfaktoren einer solchen Sache nachdenkt.

Erfunden wurde Street Wars vom New Yorker Juristen Franz Aliquo und fand, von ihm und seinen Helfern organisiert, bereits in New York, Vancouver, London und Wien statt. Ein für Köln vorbereitetes Turnier wurde im November 2006 abgesagt. Momentan werden Straßenkriege in Amsterdam und Paris geplant.

Die offizielle Homepage streetwars.net lässt aber keinen Rückschluss darauf zu, ob die Heidelberger Version in irgendeiner Verbindung mit den Spielerfindern steht, da sie schlichtweg nicht aufgeführt wird.



Auf streetwars2007 kann man sich dennoch informieren.

Dort wird die Bezeichnung Street Wars auf eine politisch korrekte Art und Weise in „Nasser Spaß“ umgewandelt, unzweifelhaft ein netterer, wenn auch in keinem Fall den Geheimagentenfaktor transportierender Ausdruck, der eher nach einem langweiligen Großfamiliensonntag des Sommers im Stadtpark erinnert. Aber gut.

Veranstalter in Heidelberg, so das Impressum der Seite, ist der Betreiber des Fun-Fiction-Buchladens, Jan Hartmann. Die Regeln gleichen denen des „Originals“, über das letztes Jahr auf Spiegel Online berichtet wurde. Der Artikel illustriert beispielsweise, wie ein Spieler sich aus dem Bekanntenkreis für die Dauer des Spiels einen Bodyguard rekrutiert.

Street Wars kann vermutlich ganz schön Spaß machen. Es ist sicher eins der Happenings, deren Sinn man erst versteht, wenn man selbst mitgemacht hat. Die Frage ist dann, ob man es wirklich verstehen will, den Suchtfaktor wirklich erleben möchte.



Klar: Hinterher wird man sich die Frage rückwirkend bejahen und ausflippen, wenn ein, Verzeihung, „nasser Spaß“ in die Gegend kommt. Aber möchte man jetzt, dass man später einen neuen Sinn im Leben hat, den man bisher nicht brauchte?

Das ist natürlich übertrieben, sicher ist der Großteil der Teilnehmer nur wegen des Spaßes da.

Aber solche Massenevents ziehen eben erfahrungsgemäß ein unleugbares Maßvoll an Leuten hinter sich her, deren Unterscheidungsschwelle zwischen Realität und Spiel während des Ereignisses zu schwinden droht. Dieses Urteil darf man fällen, auch ohne sich selbst aus der Menge herausnehmen zu können.