Street Art-Künstler Beat: König der Bügelperlen

Manuel Lorenz

Sie kleben an Verkehrsschildern, Fassaden und in scheinbar unerreichbaren Winkeln unserer Stadt: Die Bügelperlenmotive des Freiburger Street Art-Künstlers Beat. Wie er seine Werke an die Wand kriegt und wie lange es dauert, ein Bild aus 8000 Bügelperlen zu bauen:



Beat, am Montag wurde in Freiburg die Anti-Graffiti-Woche ausgerufen. Was hältst du davon?

Beat: Is’ mir egal. Das gehört halt zum Spiel dazu. Passiert, okay … Und ein halbes Jahr später sieht alles wieder aus wie vorher.

Seit wann machst du Graffiti beziehungsweise Street Art?

Mitte der Neunzigerjahre hab' ich mich zum ersten Mal mit Graffiti auseinandergesetzt. Ich hatte das damals auf der Straße gesehen und einen Zeitungsartikel darüber gelesen. Daraufhin bin ich mit dem Fahrrad durch die Stadt gekurvt, habe Fotos geschossen und erst mal zwei Jahre lang im stillen Kämmerlein rumskizziert, bevor ich 1997 endlich eine Dose in die Hand nahm und mein erstes Bild sprühte. Mit Street Art beschäftige ich mich seit circa 2000.

Warum macht man so was eigentlich?

Auf jeden Fall wegen des sogenannten Fame, des Hochgefühls, seinen eigenen Namen, sein eigenes Motiv irgendwo wiederzusehen. Jedem, der seine Sache mehrmals klebt oder sprüht, geht es um den Wiedererkennungseffekt. Wer was anderes behauptet, lügt.

Was ich aber mittlerweile viel wichtiger finde als früher, ist, dass die Umgebung passt. Man sieht einen gewissen Spot und denkt sich: Da könnte jetzt dieses oder jenes Motiv hinpassen. Für diese Umgebung lässt man sich dann was einfallen und platziert es dort. Früher hatte ich ’nen Stapel Plakate im Rucksack, bin nachts losgezogen und habe versucht, auf Masse zu verkleben. Heute habe ich zehn Sachen im Gepäck und brauche zwei Stunden, bis ich eine Stelle gefunden habe, von der ich denke, dass sie cool ist, und wo ich das Motiv dann hinklebe.



Guckst du dir solche Stellen schon tagsüber aus?

Klar. Oft passiert es, dass ich durch die Stadt laufe und versuche, alles aufzusaugen, was im öffentlichen Raum so abgeht. Und sehe: Der Platz, der wäre prädestiniert dafür. Die Bügelperlenfigur mit Krone habe ich zum Beispiel extra für dieses eine Schild auf dem Münsterplatz gefertigt. Da war ich irgendwann mal vorbeigegangen, hatte dieses Schild gesehen und mir gedacht: Warum hat da eigentlich noch nie jemand was rangeklebt? Dann hatte ich mich gefragt, was zum Münsterplatz passt und war auf ’nen Typen mit ’ner Krone gekommen.

Die Sachen aus Bügelperlen sind sehr zeitintensiv, und da ist es mir ultrawichtig, dass sie nicht dort hängen, wo Leute, die sie geil finden, sie einfach ablösen können oder die Stadtreinigung sie allzu schnell kassiert. Deswegen versuche ich die Dinger möglichst hoch zu hängen.

Wie kommt man an solche Stellen ran?

Klettern, sich eine Vorrichtung basteln, mit der man da rankommt oder jemanden dabei haben, der sehr groß ist. Wenn man Plakate klebt, hat man eine Teleskopstange dabei. Damit haben wir’s auch schon ziemlich wild getrieben und mit einer, die sechs Meter lang war, die dritten Etagen irgendwelcher Häuser beklebt.

Geht es dir auch um Kunst?

Ich sehe mich überhaupt nicht als Künstler. Ich bin jemand, der versucht, in möglichst vielen Disziplinen auf der Straße präsent zu sein – sei’s durch Graffiti, sei’s durch Street Art. Wenn jemand innerhalb von zwei Minuten ein gutes Chrome-Bombing an die Hauptverkehrsstraße rotzt, geht’s nicht um Kunst sondern um ganz andere Geschichten.



Kannst du nachvollziehen, dass Leute sich daran stören?

Absolut. Ich versuche immer, abzuschätzen, ob das jetzt eine grobe Sachbeschädigung ist, die ich da mache, oder ob sich jemand daran stört. Ich würde ja auch super angepisst sein, wenn jemand mein Auto total volltaggt. Und wenn jemandem das Gartenhäuschen beschmiert wird oder ein Einfamilienhaus zugebombt wird, find ich das auch nicht cool. Denkmäler und Co sind für mich auch völlig tabu. Ich hab gar kein Verständnis dafür übrig, wenn irgendwelche Kids sich profilieren wollen und da ein großes Tag draufsetzen. Aber wenn ich ’nen Sticker an eine verranzte Hauswand klebe, verstehe ich nicht, wenn sich irgendjemand darüber aufregt.

Insgesamt sind Graffiti und Street Art mittlerweile so allgegenwärtig, dass sie einfach zum Bild einer Stadt dazugehören – egal, ob Leute das geil finden oder nicht. Ohne Graffiti und Street Art gleicht eine Stadt einem Dorf.

Wie steht’s mit dem oft beschworenen Adrenalinkick?

Der ist mir egal. Ich hab sowieso die Erfahrung gemacht: Je dreister man ist, desto entspannter läuft die Sache ab. Wenn man sich einscheißt und nachts mit Hassmaske auf der KaJo steht, um ’nen Sticker auf ein Verkehrsschild zu kleben, wird in aller Regel der erste Passant, der vorbeikommt, die Cops anrufen, und du hast ’nen Riesenstress am Hals. Wenn du das aber samstagmittags um 12 machst, wenn ein Mordstrubel herrscht, merkt das im besten Fall kein Mensch.



Nehmen Außenstehende Graffiti und Street Art unterschiedlich wahr?

Auf jeden Fall. Ich war mal in einer großen deutschen Stadt plakatieren, sonntagmorgens um acht, und die ganze Innenstadt war ratzeleer, weil alle noch am pennen waren. Wir: Eine Mannschaft von fünf, sechs Leuten mit Kleistereimern unterm Arm und Teleskopstangen sowie Plakaten im Gepäck. Auf einmal war die Polizei da, hielt neben uns an und meinte: Aber bitte nicht die frisch renovierten Fassaden.

Wenn an ein und derselben Wand sowohl ein Tag als auch eine Figur zu sehen ist, werden die Leute sich über den Tag ärgern und über die Figur freuen. Street Art stellt seltener als Graffiti den bloßen Namen in den Vordergrund. Die Leute finden die Motive oft süß und können eher was damit anfangen. Street-Art-Künstler stellen auch öfter aus und verkaufen mehr.

Wie bist du eigentlich auf die Bügelperle gekommen? Ist doch irgendwie total girly-mäßig, so was …

Echt? Ich mach das jetzt seit drei Jahren – seit anderthalb Jahren intensiver. Ich besuchte damals zu Weihnachten meine Familie und sah einen Untersetzer für eine Kaffeekanne wieder, den ich mal im Kindergarten gemacht hatte. Und dachte mir: Voll geil, daraus könnte man ja auch Buchstaben oder Figuren bügeln! Und dann hab ich mir einen Satz Bügelperlen und Platten besorgt.

Wie geht das dann: Zeichnest du dir erst einmal eine Skizze?

Nee. Ich perl' einfach drauf los, steck die Dinger auf die Platten, schau, wie’s aussieht, ob’s cool ist oder nicht. Das ist gar nicht so leicht, weil’s funktioniert wie Pixel beim Computer. Wenn man Rundungen machen will, muss man manchmal schon ganz schön lang rumprobieren.

Für eine Sache, die so 5x10 Zentimeter misst, brauche ich eine halbe Stunde, für größere Geschichten, so 50x30 Zentimeter, 8000 Perlen, 12 bis 15 Stunden. Allein das Bügeln dauert da anderthalb Stunden, weil man wahnsinnig aufpassen muss, dass nicht alles zerfällt. Für die Straße mache ich meist Motive im DIN-A5-Format. Dafür brauche ich dann zwei bis drei Stunden und knapp 1100 Perlen.



Wie findest du es, wenn Leute deine Sachen abmachen, um sie sich in ihre WG-Küche zu hängen?

Im Grunde genommen finde ich das total klasse. Weil’s oft Leute sind, die mit der Szene nichts zu tun haben. Es ist mir schon zwei, drei Mal passiert, dass ich auf irgendeiner Party war, die Gastgeber nicht kannte und ich da plötzlich ein Bild von mir hängt.

Andererseits mach ich meine Sachen halt für die Straße, und dann find ich’s doof, wenn jemand so egoistisch ist, und es für sich allein beansprucht. Denn: Einerseits ist es eine Heidenarbeit, so was anzufertigen; und andererseits haben diejenigen, die es eigentlich sehen sollen, dann nichts mehr davon. Ich reagier in solchen Fällen aber nicht aggressiv sondern mit einem Schmunzeln. Und nach einem halben Jahr find ich’s auch voll okay, wenn jemand mein Bild vor Witterung oder Stadtreinigung rettet.

Ultrawichtig ist für mich daher aber, ein Foto zu schießen. Und sobald ich das Foto habe, ist die Geschichte für mich auch ein stückweit abgeschlossen.

Wo gibt's in Freiburg die beste Street Art zu sehen?

Generell ist’s ja so, dass man seine Bilder dort hinhängt, wo die Leute sie sehen. An irgendwelche Industriehütten auf der Haid brauch ich sie also nicht anzubringen – das wäre Vergeudung. Am liebsten mag ich aber die Beat Bar Butzemann – die Street-Art-Ecke im Stühlinger; eine schöne kleine Galerie. Und eigentlich die gesamte Innenstadt.

Die Arbeit welcher Freiburger Street-Art-Künstler schätzt du?

Zum Beispiel die Graffiti-Sachen von TomBrane. In der Unterführung bei der Ganter-Brauerei hat angefangen, sich seine eigene Hall zu machen und konsequent Wände zu bemalen, die nicht so oft bemalt werden, weil sie zu kurz oder zu klein sind. Encore, den ich auch von seiner Person her sehr schätze, macht sehr hochwertige Schablonengraffitis: Sachen mit 15 Schichten – das ist halt schon ’ne Ansage. Nestdafoe rechne ich hoch an, dass er seit Jahren sehr aktiv ist. Außerdem gibt es da diesen Typen, der überall diese Männchen anbringt, die immer perfekt in ihre Umgebung eingepasst sind. Der Typ ist absolut erste Liga.



Verlieren Graffiti und Street Art ihre Kraft, wenn sie in Galerien ausgestellt werden?

Es ist natürlich was völlig anderes, ’nen Banksy auf der Straße oder ’nen Banksy in einer Galerie zu sehen. Ich finde aber, das ist eine notwendige Entwicklung. Diese „Früher war alles besser“-Mentalität kann ich gar nicht haben. Wenn ein Street Artist für das, was er macht, entlohnt wird, gibt ihm das die Möglichkeit, seine ganze Zeit auf seine Erzeugnisse zu verwenden. Und das wirkt sich dann wieder auf die Qualität aus.

Was ich allerdings nicht nachvollziehen kann, ist, wenn Leute vor einer Leinwand mit einem Graffiti stehen und sagen: Oh, krasse Formen, krasse Farben. Und wenn sie dann auf einer Hauswand ’nen Tag sehen, drehen sie völlig durch. Entweder sie akzeptieren Graffiti und Street Art mit all ihren Facetten, oder sie werden halt nie dahinter kommen, was es damit wirklich auf sich hat.

Hast du deine Bilder auch schon ausgestellt?

Ja, schon mehrmals, und ich freu mich immer, wenn sich die Gelegenheit bietet, das wieder zu tun. Ich finde es schön, wenn Leute meine Sachen sehen und man mit ihnen in Kontakt kommt. Am besten ist dabei aber der kommunikative Aspekt. Man lernt jemanden kennen, den man schon immer mal kennenlernen wollte – diese Interaktion, die da passiert.

Und? Schon was verkauft?

Ja. Ich setze meine Preise allerdings sehr hoch an, weil so viel Arbeit dadrinnen steckt, dass es mir leicht fallen muss, die Dinger wegzugeben.

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Foto-Galerie: Beat

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