Street Art: Kreativ zwischen Straße und Galerie

Manuel Lorenz

Von Berlin nach Südbaden, von der Laterne auf die Leinwand: für gute Street Art braucht es keinen Großstadt, wie die vielen großen und kleinen Kunstwerke Freiburger Street-Art-Künstler beweisen. Manuel verschafft Euch nicht nur Straßenkunst-Grundlagenwissen sondern auch Einblick in die südbadische Szene.

 

Er nennt sich Dust, ist Mitte zwanzig, Künstler und Freiburger. Man würde seine Bilder allerdings eher auf dem Kreativ-Spielplatz Deutschlands erwarten – im Berliner Osten. Denn Street Art, das klingt alles andere als badisch. Dabei geht es nicht um unleserliche Graffiti-Buchstabensuppe. Street Art will verstanden werden, den Spießbürger zum Nachdenken anregen und dem Passanten ein Lächeln entlocken. Illegal ist die öffentliche Kunst natürlich trotzdem – und doch schaffen einige Künstler den Sprung in Galerien.


In Deutschland ist Street Art mit wenigen Ausnahmen eine geradezu exklusive Berliner Angelegenheit. Dort, in den Bezirken Friedrichshain, Mitte und Kreuzberg, sind seit der Jahrtausendwende neben den altbewährten Schablonenbildern insbesondere sogenannte Paste-ups zu sehen – auf Papier gefertigte, ausgeschnittene Motive, die mit Hilfe von Kleister auf verschiedenste Oberflächen geklebt werden.

Daneben: computerspielinspirierte Kachelmosaike, freakige Installationen und verfremdeter Sperrmüll à la Marcel Duchamp. Unmöglich, die Vielfalt einer Kunst zu beschreiben, die sich das „anything goes“ – alles ist möglich – der Postmoderne auf die Fahne geschrieben hat. Mindestens genauso müßig ist es, herausfinden zu wollen, wer hinter Pseudonymen wie 56K, Tower und Karl Toon steckt.



Am Beispiel des Freiburgers Dust (eins seiner Werke oben) wird klar: Oftmals sind es ausgebildete Grafikdesigner und ehemalige Graffiti-Aktivisten. Als Sohn eines Bildhauers war Dust aber schon früh auch mit Kunst im Allgemeinen in Berührung gekommen. Vielleicht liegt es daran, dass ihm die die bunte Welt der Graffiti-Buchstaben bald grau erschien: „Im Prinzip geht’s bei Graffiti  mehr um grafische Lösungen als um Kunst. Das war mir irgendwann zu wenig“, sagt Dust.

Auch wenn er dem Sprühlack treu geblieben ist, verwendet er ihn  experimenteller als zuvor, gebraucht außerdem Acryl und bedient sich Pinsel und anderer Hilfsmittel. Das Ergebnis: eine Melange aus absolutem Surrealismus, Action Painting und abstrakter Figuration.

Bei einer Kunst, die vornehmlich im illegitimen Rahmen entsteht, ist die Anonymität natürlich erstes Überlebensgebot. Seit Jahren versuchen Detektive zum Beispiel vergeblich, die Identität des Bristoler Street-Art-Fürsten Bansky ans Tageslicht zu bringen. Ob der von der Mail on Sunday im Sommer 2008 identifizierte Robin Gunningham tatsächlich Banksy ist, ist unklar.

Auch die Wahlberlinerin Xoooox verbirgt sich hartnäckig hinter ihrem ausgefallenen Alias. Sie verfremdet H&M zu HIV, manipuliert Logos von Luxusmarken wie Chanel, Hermès und Breitling und lässt geheimnisvolle Models auf den Wänden Londons, Mailands und New Yorks marschieren.

Dass ihre Werke aber so viel Anerkennung finden, dass sie mittlerweile neben Andy Warhol versteigert werden, zeigt auch die Spannung, in der sich Street Art momentan befindet. Einerseits kämpfen jene Künstler gegen die Quasi-Allgegenwart des Kommerzes, diskutieren politische und gesellschaftsrelevante Themen und versuchen, die Gestaltung ihres eigenen Lebens(-raumes) weitestgehend in die Hand zu nehmen. Andererseits müssen ja auch sie ihre Rechnungen bezahlen. Und so wird der reiche Junganwalt, der sich ein paar Quadratmeter Rebellion über sein Rolf-Benz-Sofa hängen will, schnell vom Gegner zum Komplizen. Ein Zeichen für diese Spannung ist auch, dass sich viele Street-Art-Künstler selbst dann noch hinter Pseudonymen verstecken, wenn ihre Bilder schon in Galerien hängen. Viele von ihnen möchten auch dann nicht aufhören, auf der Straße aktiv zu sein und schützen ihre Anonymität.

Dem Vorwurf, dass seine Leinwandkunst fernab von Illegalität und Straße wohl nur noch bedingt als Street Art bezeichnet werden kann, begegnet Dust mit badischer Gelassenheit: „Ich mache mir nicht viel aus derartigen Etiketten. Meist werde ich sowieso eher im Bereich der Contemporary Art oder New Art eingeordnet.“ Aus Freiburg braucht der international gefragte Künstler derzeit keine Konkurrenz zu fürchten. Wie die Ausstellung „Hang Em High“ im Grünhof kürzlich gezeigt hat, gibt es hier zwar eine beschauliche, aktive Street-Art-Szene; meist gelingt es indes noch nicht, die im Kontext der Straße entwickelte Kraft auf der Leinwand beizubehalten.

Neben Dust sticht in Südbaden natürlich noch der weltweit anerkannte Offenburger Heimat-Sprayer Stefan Strumbel hervor, dessen popartige Kuckucksuhren es mittlerweile in die Wohnzimmer prominenter Kunstsammler wie Karl Lagerfeld und Hubert Burda geschafft haben.



In Weil am Rhein trifft Street Art auf Street Fashion: das kultige Modelabel Carhartt stellt dort in seiner eigenen Galerie auf über 300 Quadratmetern zeitgenössische urbane Kunst jeglicher Couleur zur Schau und präsentiert europäische Größen wie Nychos (A), Dense (F) und Etnik (I). Auch die Sprühkopf-Fotografien („Captured“) des Haltingers Leckomio sind hier schon ausgestellt worden. Außerdem wäre da noch die Freiburger Galerie Springmann, welche vor kurzem die Graffiti-Legenden Loomit, Dare und Won in den Breisgau geholt hat.

Dass das Fehlen großstädtischer Bewegtheit in der südbadischen Geruhsamkeit nicht zwangsläufig als Nachteil ausgelegt werden muss, verdeutlicht allen voran Dust. Seine Inspiration bezieht der passionierte Mountainbiker nämlich gerade aus der Natur. Deren Bedrohung durch den Menschen ist zentrale Thematik seines Schaffens. Auf seinen Bildern sehnen sich traurige Teddybären nach Erlösung und düstere Szenarien warnen vor der Verwirklichung des Cyberpunk.

Bleibt zu hoffen, dass Galeristen wie Henrik Springmann bald auch die hiesige Street Art zu schätzen lernen. Dust tritt nämlich den Beweis an, dass auch 800 Kilometer südwestlich von Berlin die Gegenwart verstanden und umgesetzt wird.



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