"Stillstand ist nicht so meins": Sängerin Liv im Interview

Bernhard Amelung

Liv, Tochter einer Norwegerin und eines Deutschen, verbindet auf ihrem Album "Build My Own World" Singer-Songwriter-Pop und Folk mit Jazz. An diesem Mittwoch macht sie im Rahmen ihrer Album-Tour Station im Jazzhaus Freiburg. Ein Gespräch über Heimat, Einsamkeit und New York.



Du bist in Tübingen geboren, hast norwegische Wurzeln und hast in Karlsruhe und New York studiert. Wo ist deine Heimat?

Liv: Ich kann das nicht auf einen Ort begrenzen. Norwegen ist für mich allerdings unglaublich wichtig. Ich muss mehrmals im Jahr dorthin reisen, um mit meinen Wurzeln zu connecten. Mit New York verbindet mich eine große Liebe. Ich fühle mich von dieser Stadt wahnsinnig angezogen. Trotzdem habe ich mich nach meinem Studium entschieden, wieder nach Deutschland zurück zu kehren. Deshalb fühle ich mich immer noch so, als ob mich eine große Liebe verlassen hat.

Das heißt, du könntest überall auf der Welt leben?

Ja, absolut. Ich brauche allerdings ein paar Dinge, um mich an einem Ort heimisch zu fühlen. Dazu gehören meine Gitarre, meine Geige und ein soziales Umfeld. Ich brauche Menschen um mich herum, die mir ein Gefühl von Heimat vermitteln. Ich könnte nicht in eine Stadt ziehen, in der ich gar niemanden kenne.

Trotzdem bist du 2008 nach New York gezogen, eine Stadt, in der man sich schnell einsam fühlen kann.

Ich kannte ja einige Musiker, die bereits in New York lebten. Die haben mich ermutigt, den Sprung über den großen Teich zu wagen. Als ich ankam, haben mich die Lautstärke, das Gewusel der vielen Menschen und der Rhythmus der Stadt überwältigt. Doch mein Gefühl war immer, dass ich es schaffe, in New York anzukommen.

Ab wann hast du dich angekommen gefühlt?

Das hat sehr lange gedauert. Man braucht Zeit, um sich an das Tempo New Yorks zu gewöhnen. Doch die Extreme dieser Stadt haben mich irgendwie beruhigt. Manchmal habe ich einfach nur Musik gehört und bin den Broadway hoch und runter gelaufen. Das Gewusel um mich herum hat mich ruhig gestellt und in einen Zustand hoher Kreativität versetzt.

Das erinnert an Julius, die Hauptfigur in Teju Coles Roman "Open City", der stundenlang in New York spazieren geht.

Beim Laufen habe ich mich unglaublich frei gefühlt. Das waren Wahnsinnsmomente. Danach habe ich viele Tage oft nur mit meiner Gitarre verbracht. Ich habe Melodien komponiert und Songs geschrieben.

Viele deiner Songs klingen ruhig, bisweilen sehr melancholisch. Bist du denn ein ruhiger Mensch?

Die Ruhe zieht mich an. In meiner Kindheit habe ich die Sommer immer in Norwegen verbracht. Wir lebten an einem See, in einer Hütte ohne Strom. So sehr ich mich in New York wohl gefühlt habe, so sehr liebe ich es auch, wenn sich um mich herum gar nichts bewegt. Gleichzeitig suche ich immer auch eine Bewegung in der Musik. Stillstand ist nicht so meins. Power und Melancholie sollten sich abwechseln.

Du hast Geige, Klavier und Jazzgesang studiert. Was ist deine musikalische Heimat?

Ich habe klassische Geige studiert, habe mich aber stets für improvisierte und experimentelle Musik interessiert. Ich habe Jazzgesang studiert, bin jetzt aber beim Songwriting gelandet. Dazu kommen noch Einflüsse aus skandinavischen Volksmusiken. Ich habe keine Lust, mich um musikalische Regeln zu kümmern. In meiner Musik möchte ich mich so frei wie möglich fühlen und mir meine eigene Welt aufbauen.

Muss man so auch den Titel deines Debütalbums verstehen?

Ich möchte möglichst viel selbst gestalten. Als Musikerin möchte ich mich so wenig wie möglich von außen beeinflussen lassen. Dafür steht “Build My Own World”.

In diese Platte hast du viele Einflüsse gepackt...

...das gehört zu mir. Ich fühle mich wohl mit klassischem Songwriting. Ich setze mich gerne hin, schreibe einen Song und begleite mich dazu auf der Gitarre. Solche Skizzen dürfen sehr einfach klingen. Dann wieder habe ich einen symphonischen Klang im Kopf, den ich gerne umsetzen möchte.

Wie muss man sich das vorstellen?

In diesem Sommer bin ich mit einem kleinen Orchester aufgetreten. Wir waren zu neunt auf der Bühne. Das hat den Songs eine Weite und Tiefe verliehen. Ich finde es spannend, wenn einfache Songs verschiedene Ebenen bekommen. Außerdem kann ich so meine Kenntnisse als Arrangeurin einsetzen. Auch das fühlt sich für mich wie ein Zuhause an.

Liv - Nordic Coastline


Quelle:
YouTube


Mehr dazu:

Was: Liv
Wann: Mittwoch, 21. Oktober, 20 Uhr
Wo: Jazzhaus

[Foto: Promo]