Stille Nacht statt süß klingenden Glocken: Verschwindet die Musik vom Freiburger Weihnachtsmarkt?

Leah Biebert

Alles so ruhig hier! Das dachte sich unsere Autorin Leah bei einem Besuch auf dem Weihnachtsmarkt. Also hat sie den Markt am vergangenen Adventswochenende noch einmal besucht– immer mit der Frage im Kopf: Warum läuft hier so wenig Musik?

Neulich in Regensburg, erzählt eine junge Freiburgerin, da sei eine live Band auf dem Weihnachtsmarkt gewesen. "Das war echt toll, die Leute haben sogar applaudiert am Ende!" Gerade trinkt sie mit einer Freundin Glühwein auf dem Unterlindenplatz, Dampf steigt aus ihren Bechern empor. "Mir ist erst gar nicht aufgefallen, dass hier keine Musik ist, man hört immer nur dieses Stimmengemurmel."


Ohne die vielen Menschen wäre es still auf dem Freiburger Weihnachtsmarkt. Keine traditionellen Lieder, keine Christmas Classics von Mariah Carey oder Wham!. Vielen Besuchern, die sich an diesem Adventswochenende in der unteren Freiburger Altstadt tummeln, ist die Abwesenheit von Musik schon aufgefallen. "Wir sind auf jeden Fall pro Livemusik!", sprechen sich drei Damen am Glühweinstand für ein offizielles Musikprogramm aus. Kein Akkordeon, aber Bläser oder eine Flöte – wenn von jedem Stand etwas dudelt, sei das ja auch zu viel.

Kaum Musik auf dem Markt – warum?

Warum ist es auf dem Freiburger Weihnachtsmarkt so ruhig? Das Management- und Marketingunternehmen FWTM richtet den Freiburger Weihnachtsmarkt aus. "Er verfügt über kein offizielles musikalisches Begleitprogramm", erklärt deren Referentin für Kommunikation, Annika Reinke. In den Anfangsjahren des Weihnachtsmarktes gab es noch eine Kapelle, die den Rathausplatz bespielte. Heute gibt es abgesehen von dem Chor, der am Eröffnungsabend vor dem Rathaus auftritt, nur noch die Musik bei den Attraktionen Kinderkarussell und Riesenrad.

Das gelb beleuchtete Riesenrad auf dem Kartoffelmarkt dreht sich in atemberaubender Geschwindigkeit. Davor, mit Tischen aus Holzfässern und großem Sonnenschirm, der Glühweinstand der Winzergenossenschaft vom Tuniberg. Und tatsächlich: Elvis Presleys "Here Comes Santa Claus" durchdringt zwar kaum das Stimmengewirr und die Freudenrufe der Kinder, aber hier wird tatsächlich Musik gespielt. Warum läuft bei anderen Ständen keine Musik? "Es ist mittlerweile so, dass bei öffentlichen, kostenfreien Veranstaltungen für ein musikalisches Programm GEMA-Gebühren anfallen, die sich an der Größe der Veranstaltungsfläche orientieren", so Reinke.

Einigen Standbetreibern ist die GEMA-Gebühr zu teuer

Die GEMA vertritt als Verwertungsgesellschaft weltweit die Ansprüche von Komponisten, Textdichtern und Musikverlegern auf Vergütung, wenn deren urheberrechtlich geschützten Musikwerke genutzt werden. Volkslieder allerdings sind urheberrechtsfrei – lediglich für Bearbeitungen kann die GEMA Gebühren verlangen. Einigen Standbetreibern scheint das zu teuer zu sein.

Also weiter auf dem Weihnachtsmarkt auf der Suche nach Musik. Eine Konditorei verkauft in der Franziskanerstraße Nürnberger Elisenlebkuchen. An den Wänden stapeln sich die gefüllten Tüten, auf goldenem Lametta sind Lebkuchenhäuser ausgestellt. Gegenüber spielt ein Mädchen im Grundschulalter Geige, ihr Bruder begleitet sie auf dem Cello: Kommet ihr Hirten. Auf dem Weihnachtsmarkt gibt es zahlreiche Straßenmusiker, die an bestimmten Orten der Veranstaltungsfläche auftreten.

Straßenmusiker sind willkommen

Immer unter der Voraussetzung, dass die Rettungswege freigehalten werden. "Die FWTM und die Beschicker begrüßen diese Straßenmusiker", so Annika Reinke. Und offensichtlich auch die Besucher – im Instrumentenkoffer der beiden Kinder befindet sich schon reichlich Kleingeld. Die Verkäuferin am Glühweineck, ihr Lippenstift ist auf den roten Weihnachtspulli abgestimmt, findet allerdings, dass es dieses Jahr weniger Kinder gebe, die mit ihren Instrumenten für Weihnachtsstimmung sorgen. "Das ist etwas schade." Sie summt eine Melodie nach. Dann widmet sie sich wieder den durstigen Gästen.

Auf dem Rathausplatz vermischt sich der Duft von Räucherstäbchen mit dem frischgemachter Crêpes. Von fern erklingt die Glocke des Karussells, zwei uniformierte Polizisten stehen vor dem Neuen Rathaus. Daneben im Nieselregen eine große Kinderschar, sie singen ein Lied auf Kiswahili. Es sind Schülerinnen und Schüler der Waldorfschule St. Georgen, ihr Lehrer steht vor ihnen und dirigiert.

Ein Kinderchor erfreut die Besucher

Eine kleine Menschentraube sammelt sich um den Chor, die grünen Chormappen leuchten den Zuhörern entgegen. Ein buntes und internationales Repertoire haben die Kinder im Gepäck, aber nach dem südafrikanischen Lied ist erst mal Pause. Gleich geht es weiter zur Schwarzwaldcity. Die Kinder haben nicht mehr so recht Lust, die Zuhörer aber sind begeistert. Viele sprechen den Lehrer an, er lässt ihnen bereitwillig einen Blick in die sauber geführten Chormappen gewähren.

Auch das Personal des Badischen Winzerkellers freut sich über die Straßenmusiker. Für sie sind die Standgebühren schon hoch genug, da möchten sie nicht noch zusätzliche Ausgaben für Musik haben. Auch am Stand der Alten Wache auf dem Unterlindenplatz habe man sich Musik gewünscht, aber wegen der Musikrechte dürfe man nichts abspielen. Die Straßenmusiker machen sich hier leider etwas rar, aber am Glühweinstand weiß man sich zu helfen: Täglich zu Ladenschluss singen die Verkäufer zusammen mit den Besuchern das Glühweinlied.

Der Text wird auf handlichen Zetteln unter den Anwesenden verteilt, es ist eine Bearbeitung des Volksliedes Kein schöner Land in dieser Zeit. So wird es doch noch besinnlich unter der festlich beleuchteten Linde der Freiburger Altstadt. Die Freiburger scheinen dazu keinen Dean Martin zu brauchen, der es aus scheppernden Lautsprechern über ihren Köpfen schneien lässt.

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