Sternwaldwiese: Idyll oder Sündenpfuhl?

Aljoscha Harmsen

Das Bild der Sternwaldwiese, einst Inbegriff Wiehremer Hang-Out-Bürgerlichkeit, hat Risse bekommen: In der Nacht zum ersten Juni fand hier eine Massenschlägerei unter Jugendlichen statt, Anwohner beobachten steigende Gewaltbereitschaft, Vermüllung und Saufgelage auf der und um die "Sterni". Ist es wirklich so schlimm? Eine Reportage.



Von weitem ist nichts zu hören. Keine Trommeln, nur vereinzelt Stimmen. Dennoch ist einiges los auf der Sternwaldwiese: Etwa 150 bis 200 Menschen stehen und sitzen an Lagerfeuern am Rande der Wiese, manche spielen Fußball, andere Volleyball; bislang sind nirgends Zeichen eines Saufgelages oder einer Schlägerei zu sehen, auch keine Müllberge.


Dafür ist es um 21 Uhr vielleicht zu früh. Vielleicht ist die Massenschlägerei (drei Verletzte) auf der Sternwaldwiese am 31. Mai aber auch ein Zerrbild der hiesigen Realität. Jugendliche aus dem Stadtteil Vauban sollen vor drei Wochen die Protagonisten der wilden Klopferei gewesen sein. Normalität oder Ausnahme?

"Wir sind hergekommen, um Kontakte zu knüpfen", sagt Stephan. Der 23-Jährige ist zum ersten Mal hier und will zum Wintersemester Physiotherapie studieren. "Die Wiese ist eher dafür bekannt, dass man hier gut grillen und Leute kennen lernen kann", sagt sein Nachbar Gidon, "aber wenn nicht viel los ist, gibt es Gruppen, die sich arg betrinken."



Wenige Minuten dauert es, bis sich die Runde größer wird. "Bist du Journalist? Magst du ein Bier?", ruft jemand aus einer anderen Gruppe hinter uns, schon sitzen wir zu viert zusammen. "Ich hatte während eines Pflegepraktikums einen Patienten", erinnert sich Stephan, "der meinte, die Sternwaldwiese sei früher besser gewesen, aber heute vermüllt und gefährlicher. Aber ich sehe nichts davon. "

Einige Meter weiter sitzt eine mädchenstarke Gruppe um ein Feuer herum. "Wir feiern für eine Freundin ein Abschiedsfest, von Schlägereien habe ich nichts gehört", sagt eine 21-jährige Studentin. Ihren Namen will sie nicht sagen. "Das Tolle ist, dass es kein Geld kostet, hier etwas zu unternehmen. Die Stimmung ist friedlich und die Leute offen." Auch in dieser Gruppe keine Spur von Gewaltbereitschaft.



"In den letzten drei Jahren ist es schlimmer geworden", sagt ein anderer Stephan (48). Seit acht Jahren kommt der Wiehremer regelmäßig mit seiner Familie hierher. Heute spielt er Fußball mit Leuten, die er gerade kennengelernt hat. "Manchmal musste ich Scherben wegräumen, damit die Kinder spielen konnten. Besonders morgens beim Joggen sieht man manchmal viel Müll." Aggressive Stimmung gebe es aber nur am Wochenende. "Wir haben schon erlebt, dass zwei Gruppen sich gezofft haben, aber das wurde immer relativ schnell geschlichtet."

Für ihn aber kein Grund, nicht mehr herzukommen. "Wo hat man sonst eine solch offene Gesellschaft? Hier kann ich Fußball mit Fremden spielen, treffe internationales Publikum und lerne leicht neue Leute kennen." Seit fünf Jahren feiert er auf der Sternwaldwiese Geburtstage mit seiner Familie.



"Ich glaube, den Jugendlichen, die hier randalieren, fehlt einfach Kreativität. Die finden es toll, Mülleimer umzuschmeißen und lassen sich einfach gehen." Vor allem fehlt Stephan Kritikfähigkeit bei den Jüngeren. "Sie fühlen sich sofort angegriffen, wenn man ihnen sagt: räumt bitte eure Flaschen weg." Während er spricht, ist das Team der Männer 1:3 in Unterzahl und die Frauen übernehmen die Führung. Am Ende gewinnen die Frauen mit 8:5.

Das Spiel war intensiv", sagt Marco (35, rechts im unteren Bild), ebenfalls Familienvater. "Die Jungs waren brutal, die halten einen fest", beschwert sich seine neunjährige Tochter Margaox (2.v.r.). "Ich war alleine gegen drei", sagt Marco. "Du sagst, du spielst wie ein Ass", erwidert seine Tochter. Darauf weiß Marco nichts mehr zu sagen.



In der Schule hat Margaox von einem Mitschüler mitbekommen, dass es vor ein paar Wochen eine Schlägerei gegeben haben soll. "Da waren ein paar Jungs, die gekämpft und sich ganz brutal auf den Boden geschmissen haben. Aber worum es ging, weiß ich auch nicht." Ihre Mutter Stephanie (38) zeigt sich unbeeindruckt davon. "Ich mag die Stimmung hier, es riecht gut, wenn die Leute grillen und  manchmal gibt es Konzerte. Aber das ist weniger geworden." Lange werden sie nicht mehr bleiben. Bis 22 Uhr, vielleicht bis 22.30 Uhr.



Für den 33-jährigen Volker und seine Freunde geht es um 22 Uhr erst richtig los. Sie feiern seinen Junggesellenabschied. Sie sind die erste Gruppe, die mehr als eine Kiste Bier dabei hat. "Ich finde nicht, dass sich etwas verändert hat. Es ist eher ruhiger geworden", findet Uli (32). "Der Platz ist super, das einzige Problem ist die Toilettensituation", sagt Gerhard (33). "Hochziehen und runterschlucken", ruft einer von hinten.

"Vielleicht gehen wir noch in die Stadt", sagt Uli. Entschieden ist noch nichts, nur, dass es noch lange gehen wird. "Die Innenstadt ist nicht zu vergleichen mit der Sternwaldwiese. Das hier ist eine Mischung aus abends weggehen und Schwimmbad." Uli erklärt den ungewöhnlichen Vergleich: "Du kannst dich hier sonnen, Frisbee spielen, Bier trinken, bist in einem öffentlichen Bereich und wirst nicht vertrieben, kannst Grillen und Bier trinken - fehlt nur noch der See." Nun ja, von einem Bad im Deicheleweiher nebenan würden wir jedenfalls abraten.



Nach dem Gespräch nimmt sich Gerhard ein inzwischen verkohltes Stück Fleisch und kaut ein bisschen dran. Auch diese Gruppe ist völlig harmlos.

Keine der Gruppen hat sich bis 23 Uhr mit einer anderen geschlagen. An diesem Samstag bot die Sternwaldwiese keinen Aufreger, sondern eine familiäre, offene Atmosphäre. Vielleicht stimmen manche der Vorwürfe, auch wenn sie heute nicht bestätigt wurden. Meiden muss man die Sternwaldwiese deswegen sicherlich nicht.