Stellt sie an die Wand!

Lorenz Bockisch

Es war ein tödlicher Tag. Die Stadt Chicago war in diesen Jahren sowieso dafür bekannt, einen sehr hohen Bleigehalt in der Luft zu haben. Doch in dieser dezenten Garage am Valentinstag des Jahres 1929 ging es gleich sechs Gangstern (und einem Mechaniker) an den Kragen, die nur einen Fehler gemacht hatten: Sie waren nicht auf der Seite von Al Capone.

Eigentlich waren sie in diese Garage bestellt worden, um eine Whiskeylieferung entgegen zu nehmen – in diesen Zeiten der Prohibition für Mafia und Konsorten eine lohnende Ware. Doch statt dessen kamen zwei schwarze Wagen herein gefahren, zwei Polizisten und zwei Mann in Zivil stiegen aus, nahmen ihre Maschinenpistolen heraus und ließen die sieben Männer an der Wand Aufstellung nehmen. Eine kräftige Salve – und die Gangster von Boss Bugs Moran lagen am Boden.


Wem diese Geschichte aus irgendeinem Filmbekannt vorkommt, irrt nicht. Nur waren bei dem echten Ereignis nicht zwei Musiker hinter den Autos versteckt, die dann in Frauenkleidern und einem angeschossenen Kontrabass die Flucht antreten mussten.

Diesen Valentinstag überlebte keiner der sieben; der einzige, der noch ins Krankenhaus kam und befragt werden konnte, sagte: „I'm not gonna talk – nobody shot me!“ Gefasst wurden die Mörder, die nur als Polizisten verkleidet waren, wahrscheinlich nie – jedenfalls nicht wegen dieses Verbrechens. Und auch ihre Zugehörigkeit zu Al Capones Leuten konnte nie wirklich bewiesen werden.

Es gab nur zwei Zeugen: Einen Deutschen Schäferhund, der außer Heulen nichts von sich gab, und die Mauer. Letztere wurde nach dem Abriss der Garage 1967 von einem Kanadier gekauft und Stein für Stein nach Kanada gebracht, um dort in einer 20er-Jahre-Themen-Bar als Dekoration zu dienen: Hinter einer Plexiglasscheibe auf dem Herrenklo.