Stefan Reisinger: Vom Selbstzweifel zur Gelassenheit

David Weigend

Der Stürmer Stefan Reisinger, 28, ist dieser Tage ein begehrter Gesprächspartner, da er sich vom unscheinbaren Neuzugang zur erhofften Verstärkung entwickelt hat. Dass er nicht immer so selbstsicher wie heute aufgetreten ist, hat er uns unter anderem erzählt.



Stefan, du bist am Sonntag bei „Sport im Dritten“ zu Gast gewesen. Wie läuft so ein Fernsehauftritt eigentlich organisatorisch ab?

Ein Fahrer des SWR holte mich ab, und brachte mich nach Stuttgart. Es war mein erster Auftritt in dieser Sendung. Bevor ich ins Studio kam, musste ich in die Maske. Beim Interview herrschte eine nette Atmosphäre. Mit der Frage nach meiner Arbeit als Bankkaufmann in Fürth habe ich allerdings nicht gerechnet.

Wollt ihr nicht eine Bankfiliale am Dreisamstadion eröffnen? Also du und Julian Schuster?

(lacht)

Du kommst aus Essenbach, einem Dorf bei Landshut. Steht da nicht auch ein Atomkraftwerk?

Ja, das Kernkraftwerk Isar. Den Kühlturm konnte ich bei klarer Sicht von meinem Kinderzimmer aus sehen. Das Werk gab es schon, als ich geboren wurde. Ob es bei der Planung Proteste gab, wie hier in Wyhl, weiß ich gar nicht.

Aus was für einer Familie kommst du?

Ich habe zwei ältere Brüder. Der eine ist Lehrer, der andere Ingenieur für Maschinenbau. Mein Vater war Oberamtsrat im Landwirtschaftsministerium in München.

Du hast beim SV Essenbach mit Fußball begonnen. Welche Momente aus dieser Zeit sind dir in Erinnerung geblieben?

Es gab Spiele, die wir 15:0 gewonnen haben, 13 Tore davon gingen auf meine Rechnung. Einmal habe ich auch alle 11 Treffer bei einem 11:0 erzielt. Wir waren der kleine Dorfverein, der die größeren Stadtvereine ärgerte. Spielvereinigung Landshut, FC Ergolding, die haben von uns auf die Mütze gekriegt. War schon eine schöne Zeit, damals. Ich habe einige Pokale im Schrank stehen, die mich daran erinnern.

Als D-Jugendlicher bist du zur Spielvereinigung Landshut gekommen und hast dort zehn Jahre lang gespielt. Immer als Stürmer?

Ja. Es gab für mich nie eine andere Position. Ich war immer an vorderster Front. Was anderes konnte ich mir nicht vorstellen. Irgendwie liegt mir das im Blut. Nenn’ es Torinstinkt.

Mit 18, als A-Jugendlicher, kamst du bereits in die erste Mannschaft. Wie groß war da die Umstellung?

Groß. Da standen mir dann plötzlich die ausgewachsenen, robusten Verteidiger gegenüber, was meiner Entwicklung aber sehr gut tat. Ich lernte, mich durchzusetzen. Wir spielten in der Oberliga, das Niveau war recht hoch. Die dritte Liga gab’s damals ja noch nicht.



Einige deiner Kollegen, siehe Freiburger Fußballschule, schaffen schon als 18- oder 20-Jährige den Sprung zu den Profis. Du hast jahrelang in Landshut und später bei den Fürther Amateuren weitergekickt…

…und nebenher in der Bank gearbeitet.

Fühlst du dich als Nachzügler?

Ich bin tatsächlich relativ spät zum Profisport gekommen. Anders als andere, die schon in jungen Jahren in Sportinternaten sind und dort jeden Tag trainieren. Ich trainierte oft nur ein, zwei Mal in der Woche, machte hauptsächlich meine Ausbildung in der Bank. Viele meiner Landshuter Kollegen sind damals zu Bayern gewechselt oder zu 60. Ich absolvierte damals übrigens bei den 60ern auch zwei Probetrainings. Aber das passte dort irgendwie nicht. Mir wäre die Fahrerei zu stressig gewesen und ich weiß auch gar nicht, ob sie mich genommen hätten.

2005 hat dich der TSV 1860 München dann doch verpflichtet.

Ja, der Transfer war mit großen Erwartungen und einer recht hohen Ablöse verbunden. Aber ich fühlte mich dort überhaupt nicht wohl. Dementsprechend schlecht spielte ich. Ich war jung und hatte mich zu stark unter Druck gesetzt. Mental war ich in einer schlechten Verfassung. Ich zweifelte an mir. Mein Selbstvertrauen war am Boden. Es war eine Erleichterung, als ich zurück nach Fürth konnte. Und es hat ein Dreivierteljahr gedauert, bis ich aus diesem Tief wieder rauskam. Meine Familie half mir dabei und sicherlich spielte auch das Alter und damit die Reife eine Rolle.



Dass der Druck von außen und von innen bei Fußballprofis zu Leid oder gar Krankheit führen kann, wurde im Zusammenhang mit Robert Enke in den vergangenen Wochen stark thematisiert.

Jeder Fußballprofi macht die Erfahrung, dass viel Druck auf ihn einwirkt. Ein Außenstehender denkt: „Der hat ein schönes Leben, fährt ein dickes Auto, verdient viel Geld.“ Aber glaub’ mir, du kriegst in diesem Job nichts geschenkt. Der Konkurrenzkampf ist hart. Zu viele Fehler kannst du dir nicht leisten. Schnell bekommst du ein gewisses Image, das die Medien dann auch gern breittreten.

Siehe Sebastian Deisler.

Zum Beispiel. Für mich war damals aber entscheidend, dass ich 60 gleich wieder verließ und einen Schlussstrich unter dieses Kapitel gemacht habe. In Fürth, das war dann ein richtiger Neustart, obwohl ich ja zum zweiten Mal dort anfing. Die Erfolgserlebnisse kamen wieder. Der damalige Trainer Benno Möhlmann half mir dabei, die Spur wiederzufinden. Du merkst es dann an deinem Standing bei den Fans, wenn du wieder so weit bist.

Was kann ein Trainer da eigentlich helfen? Das Toreschießen kann er dir doch nicht abnehmen.

Nein. Aber er kann in dir einen bestimmten Denkprozess anstoßen. In meinem Fall war das: „Suche die Fehler nicht bei den anderen, sondern bei dir selbst. Bei dir musst du anfangen!“ Ich war ein Grübler, der sich stets zu lange mit dem Negativen beschäftigt hat. Ich lernte, positiv zu denken. Und ich trainierte mehr und härter. Irgendwann wurde ich dafür belohnt.



Beim Sportclub hat es auch eine Weile gedauert, bis du für deinen Einsatz im Training belohnt wurdest.

Ist das nicht normal? Es ist doch klar, dass der Trainer der Aufstiegself Vertrauen schenkt. Aber ich habe die Geduld nicht verloren und mich weiterhin im Training empfohlen.

Damals bei 60 hat es nicht funktioniert. Warum klappt es nun in Freiburg?

Ich bin heute gefestigter, weil ich das lebe, von dem ich immer geträumt habe: in der Ersten Liga zu spielen. Und ich mache alles dafür, mit der Mannschaft diese Klasse zu halten. Tore schießen, Tore vorbereiten, egal. Eigentlich ist das ja ein Widerspruch: obwohl der Druck noch viel höher ist als damals in München, bin ich entspannter. Aber es ist so.

Letzte Frage: deine letzte Begegnung mit Achim Stocker?

Herr Stocker ging mit seinem Hund Gassi und kam zum Trainingsgelände. Wir gaben uns die Hand, er erkundigte sich kurz, wie es mir ginge. Eine angenehme Begegnung, das war es.

Mehr dazu:

Was: VfL Wolfsburg gegen SC Freiburg
Wann: Samstag, 5. Dezember 2009, 15.30 Uhr
Wo: Wolfsburg, Volkswagen-Arena