Stalking-Fall vor dem Amtsgericht: Sekretärin schickt 214 Droh-Mails an den Ex-Chef

Robert Hotop

Wie viele beleidigende E-Mails mit handfesten Drohungen muss man schreiben, um dafür bestraft zu werden? 51 E-Mails reichen nach Ansicht von Richterin Dr. Brigitta Stückrath nicht unbedingt, jedenfalls dann nicht, wenn der Rechtsfrieden auch ohne Bestrafung der Angeklagten wiederhergestellt werden kann.



Am Donnerstagmorgen um Viertel nach Neun eröffnete die Richterin im Saal VI des Amtsgerichts Freiburg die Verhandlung gegen die 49-jährige Sekretärin. Vorgeworfen wurde ihr von Staatsanwältin Monika Butscher, in der Zeit zwischen Dezember 2009 und Februar 2010 an ihren ehemaligen Arbeitgeber, eine Freiburger Anwaltspraxis, weit über 50 E-Mails geschrieben zu haben. Darin bezeichnete sie einen Rechtsanwalt der Kanzlei unter anderem als "widerwärtiges grausames Arschloch" und als "ekelhaften störrischen Esel", wodurch dieser “ganz erheblich in seiner Lebensgestaltung gestört” worden sei.


Auch vor handfesten Drohungen schreckte die eher unscheinbare Sekretärin mit Brille, dezent geblümter Bluse, schwarzen Leggins und hochhackigen Schuhen nicht zurück: So hieß es in einer Mail, sie werde “nicht aufgeben, auch wenn Sie es schaffen, mich in die Psychiatrie zu bringen, andere Menschen, die richtig kaputt sind, werden mich nicht vergessen”.

Tatsächlich blieb es nicht bei den 50 E-Mails, die Gegenstand dieses Verfahrens waren: Insgesamt 214 mal, “drei- bis viermal am Tag”, habe sie auf Senden geklickt, räumte die Stalkerin freimütig, aber keineswegs reumütig, ein. Und es blieb nicht bei dem einen Adressaten, auch eine Freiburger Schule, die der Sohn der Angeklagten besuchte, bekam ungebeten elektronische Post von der empörten Endvierzigerin.

Von Beginn der Verhandlung an bemühten sich Staatsanwältin, Richterin und der - von der Angeklagten vergeblich abgelehnte - Pflichtverteidiger Roland Beckert mit vereinten Kräften um eine Einstellung des Verfahrens gegen die Zusicherung der arbeitslosen Schreibkraft, ab sofort keinen Kontakt mehr zu dem betroffenen Rechtsanwalt aufzunehmen und auch nicht mit dessen Familienangehörigen oder Freunden. Damit stießen die Juristen allerdings bei der resoluten Angeklagten, die sich nach wie vor im Recht sieht, zunächst auf taube Ohren: Schließlich habe der angeschriebene Rechtsanwalt ihre “berufliche Existenz durch die Kündigung in eine gnadenlose Sackgasse” geführt, und überhaupt hätte er die an die Kanzlei und nicht an ihn privat gerichteten E-Mails ja nicht öffnen müssen. Und setzte noch einen oben drauf: “Ich habe auch heute Morgen noch eine E-Mail geschrieben!”

Außerdem verlangte sie - vergeblich - die Aushändigung der E-Mails, schließlich besitze sie das Urheberrecht und schreibe gerade ein Buch, Titel: “Im Namen des Volkes”. “Dann ab heute 10 Uhr keine Emails mehr”, schlug Richterin Stückrath vor und forderte die Frau dringend auf, sich mit ihrem Pflichtverteidiger zur Beratung zurückzuziehen, was diese jedoch ablehnte, so dass die Beratung öffentlich im Gerichtssaal stattfand.

Doch erst als Richterin Stückrath andeutete, im Raum stünde auch eine mögliche Freiheitsstrafe, war die Angeklagte mit der Abgabe der geforderten Unterlassungserklärung vor Gericht einverstanden. Das Verfahren wurde nach § 153a II StPO eingestellt - vorläufig.

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