"Stärke kommt durch die Rennen": Der Freiburger Radprofi Jasha Sütterlin im Interview

Bernhard Amelung

Beim Kampf gegen die Uhr sprechen Radprofis von Flow, wenn sie einen guten Tag haben. Einen solchen hatte der Freiburger Jasha Sütterlin am vergangenen Freitag. Er wurde Zweiter bei den deutschen Meisterschaften im Einzelzeitfahren. Bernhard Amelung hat mit ihm gesprochen über gute Beine, Zeitabstände und große Landesrundfahrten.



Jasha, am Freitag bist du im Zeitfahren bei den deutschen Meisterschaften Zweiter geworden. Wann hast du gemerkt, dass du ein gutes Rennen fährst?

Jasha Sütterlin: Ich habe einen Wattmesser am Rad und orientiere mich während des Rennens an der Wattzahl. Nach der Hälfte der Strecke habe ich gemerkt, dass ich einen guten Tag und gute Beine habe. Über Funk habe ich außerdem erfahren, dass ich die zweitbeste Zeit nach Tony Martin und einen großen Abstand auf die Konkurrenz habe. Ab dann habe ich auch mit einer guten Platzierung im Rennen gerechnet und darauf geachtet, dass ich die Wattzahl einhalte.

Hat dich der Zeitabstand zusätzlich motiviert?


Jasha Sütterlin:
So einfach kann ich das nicht sagen. Wenn ein Fahrer wie Tony Martin 30 Sekunden Vorsprung hat, kann man nicht einfach so angreifen. Er fährt einfach in einer anderen Liga. Um dort mit zu fahren, fehlt mir einfach noch ein wenig.

Was fehlt dir da?

Jasha Sütterlin: Die Rennhärte. Ich bin in diesem Jahr bereits den Giro d’Italia und die Tour de Suisse gefahren. Diese Rundfahrten haben mich sehr stark gemacht, für die deutschen Meisterschaften. Wäre ich diese Rennen nicht gefahren, hätte ich das Meisterschaftsrennen vielleicht auf einem anderen Platz beendet. Die Stärke kommt einfach durch die Rennen.

Wie reagierst du, wenn dir gesagt wird, dass dich ein anderer Fahrer einholt?


Jasha Sütterlin:
Gar nicht. Ich achte darauf, dass ich meinen Rhythmus beibehalten und bis zum Ziel durchziehen kann. Wenn man bei einer kleiner Welle nämlich zu viel Gas gibt, kann man hinten raus richtig einbrechen. Das ist das Risiko nicht wert. Ich mache mich da nicht verrückt. Ich hoffe einfach, dass mein Gegner eingeht.

Beim Zeitfahren spricht man auch vom Flow. Was braucht es, damit dieser bei dir einsetzt?


Jasha Sütterlin:
Das ist abhängig von meiner Tagesform. Als Radprofi hat man einfach gute und schlechte Tage. An schlechten Tagen werde ich vielleicht nur Zehnter. Mit zunehmender Rennerfahrung merke ich inzwischen nach zwei, drei Kilometern, dass ich meine Wattzahl über die Distanz halten und rollen kann. Das hat auch am Freitag super funktioniert.

Was geht dir eigentlich durch den Kopf, wenn du auf die Startrampe rollst?

Jasha Sütterlin: Da geht mir gar nichts durch den Kopf. Ich schalte komplett aus, hole noch einmal kurz Luft und gehe direkt auf die Strecke.

Ab wann hast du gemerkt, dass dir das Zeitfahren als Disziplin liegt?

Jasha Sütterlin: Ich fahre einfach gerne gegen die Uhr. Schon als Juniorfahrer habe ich jede Woche ein Zeitfahrtraining gemacht. Das muss man einfach regelmäßig machen, um an seiner Körperhaltung und Position auf dem Rad zu arbeiten. Dann kann eigentlich nichts schief gehen.

Wieviele Kilometer hast du in diesem Jahr schon im Sattel verbracht?

Jasha Sütterlin: Das wüsste ich auch gerne. Ich bin in diesem Jahr bereits den Giro d’Italia gefahren. Alleine damit komme ich auf über 3500 Kilometer. Ich denke, dass ich rund 13.000 Kilometer Rad gefahren bin. Wahrscheinlich sind es aber mehr.

Mit dem Giro d’Italia bist du in diesem Jahr deine erste große Landesrundfahrt gefahren. Wie war das für dich?

Jasha Sütterlin: Am Anfang des Giro war ich sehr nervös. Mein Team-Kapitän Alejandro Valverde ist ja mit dem Ziel angetreten, diese Rundfahrt zu gewinnen. Das hat den Leistungsdruck im Team von Anfang an hoch gehalten. Nach zwei, drei Tagen hat sich meine Nervosität allerdings gelegt und ich war im Tagesrhythmus drin. Frühstücken, Sachen packen, in den Bus, das Rennen fahren, Duschen, Abendessen, Massage. Und dann wieder von vorne.

Was war dein persönliches Highlight beim Giro?

Jasha Sütterlin: Das Einzelzeitfahren auf der neunten Etappe. Eigentlich sollte ich mich an diesem Tag etwas ausruhen und lockerer fahren, damit ich in den Bergen eine gute Arbeit für unseren Kapitän leisten kann. Aber nach drei, vier Kilometern habe ich gemerkt, dass ich einen guten Tag habe. Ab dann habe ich geschaut, dass ich meinen Rhythmus halten kann. Am Ende kam der 14. Platz dabei heraus.

Du hast damit auch deinen Kapitän abgehängt.

Jasha Sütterlin: Das ist eben der Flow, der sich einstellt. Wenn man ins Zeitfahren geht, hat man einfach einen anderen Kopf.

Gute Zeitfahrer wie Fabian Cancellara sind auch gute Klassiker-Fahrer. Liegen dir auch die großen Eintagesrennen?

Jasha Sütterlin: Eigentlich mag ich die Klassiker sehr. Paris-Roubaix, die Flandern-Rundfahrt und Gent-Wevelgem sind tolle Rennen. Ich war auch immer top vorbereitet. Aber es lief nie so, wie ich mir das vorgestellt habe. Bei einem so großen Eintagesrennen muss einfach alles stimmen. Ein kleiner Fehler, und man liegt an einem Anstieg schon fünf, sechs Positionen zurück. Da ist dann eigentlich alles vorbei. Wenn dann noch Defekte und Stürze dazu kommen, hat man keine Chance mehr auf eine gute Platzierung. Ich will da aber im kommenden Jahr wieder Vollgas geben und angreifen.

Wie sieht denn nun dein weiterer Saisonverlauf aus?

Jasha Sütterlin: In dieser und in der nächsten Woche habe ich frei. Da muss ich es einfach jeden Tag locker rollen lassen. Danach steht die Europameisterschaft an, die ich in diesem Jahr noch fahren kann und darf. Da ist nur die Frage, ob ich dieses Rennen fahren will, denn ich bin auch für die Weltmeisterschaften in Qatar nominiert. Einzelzeit- und Mannschaftszeitfahren werden meine absoluten Saisonhöhepunkte sein.

Für die Tour de France bist du nicht nominiert. Welche großen Rennen wirst du in diesem Jahr noch fahren?

Jasha Sütterlin: Ich denke, der Giro d’Italia reicht in diesem Jahr als große Landesrundfahrt. Man nimmt sonst dem Körper zu viele Reserven weg. Nach der Tour de France beginnt für viele Fahrer, die jetzt pausieren, die zweite Saisonhälfte mit kleineren Landesrundfahrten und Eintagesrennen. Welche Rennen ich fahre, bestimmt allerdings auch mein Team.


(Jasha Sütterlin, Tony Martin, Nils Politt)



Zur Person

Jasha Sütterlin, am 4. November 1992 in Freiburg geboren, ist ein deutscher Radprofi. Seit 2014 fährt er für das spanische Movistar Team, das eine Lizenz für die UCI World Tour, die höchste Profiliga im Straßenradsport, hat. Von 2004 bios 2009 fuhr er für den Radsportverein Achkarren, 2010 für das Team Rothaus Baden. 2010 holte er Silber bei den Weltmeisterschaften der Junioren im Einzelzeitfahren, 2012 und 2013 wurde er Deutscher Meister im Einzelzeitfahren (U23). Mit seinem Team Movistar holte er bei den Weltmeisterschaften 2015 Bronze im Mannschaftszeitfahren.

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[Fotos: dpa/Movistar]