St. Pauli vs SCF im Kupferdächle

Clemens Geißler

Das Kupferdächle in Haslach ist ein Hort der Bodenständigkeit. Hier gibt's noch Toast Hawaii, Herrengedeck und ein Herz für Tiere. Auch die SC-Fans im Ralf Kohl-Alter aufwärts treffen sich an der Carl-Kistner-Straße zum Fußballschauen. Auch wir waren am Freitag zu Gast, beim Auswärtssieg des SCF gegen Sankt Pauli.



Freiburg-Haslach, ein Freitag im April, kurz vor sechs. Es ist sonnig und mild, die Vögel zwitschern. Idyllisch, am Rande einer Schrebergartenanlage, liegt die Kirche Sankt Michael. Die Gemeinde weist auf Veranstaltungen hin: „Mystik der Musik“ und ein ökumenisches Fußballturnier anlässlich des hundertjährigen Gemeindejubiläums. Kaum etwas regt sich in diesem verschlafenen Winkel.




Gut besucht ist dagegen die Kneipe an der Ecke Carl-Kistner- und Gutleutstraße. Sucht man einen Ort namens „Kupferdächle“, bleibt der Blick jedoch zunächst unweigerlich in der Haartracht einer SPD-Kandidatin für den Gemeinderat hängen. Doch unsere Herberge ist größer und vermutlich auch verrauchter.



Ein ausladender Holztresen reicht in leichtem Bogen vom Eingang bis fast an die Hintertür. Glücksautomaten bimmeln in frohlockenden Klängen. Entlang der Bar sitzen stark dreißig überwiegend männliche Besucher, von etwa vierzig aufwärts. Die Trendfrisur ist eindeutig die Halbglatze. Den Spritzer Joop Nightflight hätte ich mir sparen können.

Das Arrangement des kleinen Treffs ist urig und einladend. An nahezu jedem Platz steht ein Pils, an manchem gesellt sich noch ein Schnapsglas zu Marlboroschachtel und VW-Schlüssel. Das einzige Wasser hier ist offenbar das in Banovics Knie.



Vom Spiel bekommen wir von unserem Platz nicht alles mit, weil die Leinwand von zwei Holzpfosten und der Fernseher von einer ebenso unnützen wie verstaubten Lampe teilweise verdeckt werden. Auch der Ton könnte lauter sein. Es reicht aber, um zu sehen, dass der Sportclub einen ziemlichen Stuss zusammenspielt.

Ein erstes Mal kehrt Stimmung im „Kupferdächle“ ein, als Abdessadki einen Paulianer umreißt und danach von Meggle zu einem herzhaften Beißkampf eingeladen wird. Die Szene findet auch bald ihr Pendant im Lokal, nämlich als „Dächle“-Haushund Tinka, eine Mischung aus englischer Bulldogge und Boxer, und ein schwarzer Vierbeiner sich lauthals ankläffen.



Doch immerhin sind letztere dann ruhig, wohingegen in Hamburg der Kräuterbuttermann weiter kräftig provoziert, so dass Abdessadki wegen Platzverweis-Gefahr ausgewechselt wird, Dutt plötzlich ebenfalls ungewohnt hitzig debattiert und Co-Trainer Buric sogar noch auf der Tribüne landet. Leider bleibt das in Halbzeit eins das einzige Betätigungsfeld des Sportclubs und so lautet das richtige Fazit eines Stammgastes: „So kannsch kei Spiel gwinne!“

Die Halbzeitgespräche drehen sich um Kurzarbeit, Zwangsurlaub und Wohnungsverlust. Im Biergarten brennen auch tagsüber die Partyglühbirnen.

Blumenbatterien trennen die wenigen Außentische von ein paar Stellplätzen. Einige Gäste hindert das nicht daran, mit dem Wagen quasi direkt in die Kneipe hineinzufahren.



Die Stimmung ist trotz des schlechten Spiels gut. Der Service ist  freundlich und unaufdringlich. Jeder kennt hier jeden und mit den zugänglichen Gästen kommt man leicht ins Gespräch: Reinhard ist 55 und arbeitet als Sicherheitsmann bei der Deutschen Bank. Er wohnt in der Badenweilerstraße in Weingarten. Am Wochenende ist der gebürtige Freiburger so gut wie immer hier.



„Ich schaue mir hier immer Fußball an“, meint er und nimmt einen Schluck Mirabellenschnaps, den er aus bauchigen Gläsern zum Pils trinkt. „Am Samstag komme ich um 12, gehe dazwischen wieder heim und bleibe dann bis 0.05 Uhr, wenn die letzte Bahn fährt. Wenn es einmal länger dauert, fahre ich halt für sechs Euro mit dem Taxi.“ Er schwärmt vom vergangenen Sommer: „Während der EM waren wir jeden Tag hier. Es war rappelvoll, man hat kaum einen Platz gefunden. Wir haben immer gegrillt und es gab Würstle und Steak für zwei Euro. Es war toll, eine super Stimmung.“ Die Umsitzenden nicken bestätigend.

Für heute hat der Hertha-Fan ein Unentschieden getippt. Da auch ich ein 1:1 auf dem Zettel habe, wünschen wir uns für die zweite Halbzeit ein Sportclub-Tor und stoßen an. In Minute 50 allerdings liegt der Ball bereits zum vierten Mal hinter Pouplin im Netz. Zum Glück wurden drei Treffer nicht anerkannt.



Butschers Ausgleich kommt in etwa so überraschend wie die Erkenntnis, dass die Bitburger-Tulpe irgendwie so schmeckt, als würde man grade im Hopfenfeld verdroschen. Aber beides weckt die Emotionen von uns Zuschauern: „Los, komm jetzt!“ „Jetz schwimme se wieder da hinte.“ „Hau de Balle weg, do! Mann, do!“

Pünktlich zum Schlussakkord erscheint ein Maurergeselle in der Hintertür. Für einen kurzen Moment betritt er in Hausschuhen und hochgekrempelten Jogginghosen die Wirtschaft. Aus seinem Wanderrucksack schauen Einkäufe heraus, in der Hand trägt er eine Tüte Kartoffelchips. Er verschwindet genau so schnell, wie er gekommen ist und es scheint, als habe niemand von ihm Notiz genommen.



So verpasst er Rodionovs Pass auf Idrissou und die völlig unverdiente Führung für den Sportclub. Jubel brandet auf. Man lacht und ist glücklich. Damit hat hier keiner mehr gerechnet: „Wer solche Spiele gewinnt, steigt auf“, sagt einer schmunzelnd. Recht hat er. Treffender drückt es nur noch der Slogan auf dem SPD-Plakat aus: „Freiburg kann’s besser“. Zum dramatischen Finale wird nochmal richtig mitgefiebert: „Weg!“, „Schluss!“, „Pfeif jetzt des Ding ab!“ Dann ist es rum und man hat wieder Zeit für neue Bestellungen.

„Dieter, willsch noch ä Pils?“ – „Natürlich“. Zum Sound von Meat Loaf werden zwar keine Fleischklopse geordert, dafür geht es verbal ans Eingemachte. Mit mittlerweile leicht heiserem Timbre brüllt man sich nun mancherorts die neuesten Gerüchte aus der Nachbarschaft ans erhitzte Hirn. Andere rauchen einfach nur eine Zigarette und trinken ihr Bier. Bei alledem bleibt auch für sachliche Themen noch Raum: Der Name der Kneipe komme von den kupfernen Dach über dem Eingang – irgendwie naheliegend.



Das Rätsel um die vergoldeten Stangen um jeden Tisch und den Tresen (Für Regenschirme? Als Halt für Betrunkene? Zur Zierde?) müssen wir dagegen mit nach Hause nehmen. Aber auch für dessen Auflösung hat das „Kupferdächle“ einen Trost parat, in Gestalt von Reinhard bzw. seinem T-Shirt: „Alkohol tötet langsam. Wir haben also viel Zeit!“

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