Sprachunterricht in Second Life

Christoph Müller-Stoffels

Die Sprachlehrerin Nergiz Kern, 38, hat lange Zeit in Freiburg gelebt. Inzwischen gibt sie auch Englischunterricht in Second Life. Christoph hat sie dort in ihrem Freiluftklassenzimmer getroffen und sie gefragt, wie das funktioniert.



Zur Person

Nergiz Kern ist Sprachlehrerin. Im vergangenen Jahr erhielt sie in Cambridge das Diploma in English Language Teaching to Adults (DELTA). Sie bietet Sprachkurse für Erwachsene an, die sie entweder ganz klassisch, über das Internet oder in Second Life durchführt. Die 38-Jährige wurde in der Türkei geboren und lebte 28 Jahre lang in Deutschland. Inzwischen ist sie mit ihrer Familie wieder in der Türkei.

Nergiz, wie kamst du darauf, in Second Life (SL) Englischkurse anzubieten?

Ich hatte im August mein einjähriges Jubiläum in SL. Ich bin keine Spielerin und lege Wert darauf, zwischen virtuellen 3D-Welten und Spielen zu unterscheiden. Allerdings war ich alleine hier und wusste nicht viel mit SL anzufangen, so dass ich mich erst mal wieder daraus zurückgezogen habe.

Was brachte die Wende?

Anfang des Jahres besuchte ich einen sechswöchigen Onlinekurs für Lehrer von Electronic Village Online (EVO). Thema waren Web 2.0-Tools, ein kurzer Ausflug zu SL war auch dabei. Dadurch habe ich erst verstanden, was hier alles möglich ist.

Und wen hast du dann unterrichtet?

Meine Schüler kamen aus Qatar, Saudi Arabien, der Türkei, Deutschland, Frankreich, Indien und Ägypten. Der Kurs lief sechs Wochen und war kostenlos. Dafür mussten die Schüler jedes Mal einen Fragebogen ausfüllen.

Wie bist du mit den Schülern in Kontakt gekommen?

Es gibt hier in SL Werbetafeln mit Infos über Lehrer. So haben mich einige gefunden. Andere sind über die Suchfunktion gegangen. Ich habe eine Gruppe gegründet: EDURIZON.COM Learning English in SL. Außerdem habe ich mit Islamonline.net zusammengearbeitet, die viele Mitglieder und eine große Insel haben. Die hatten sowieso vor, Kurse anzubieten, so dass meiner eine Art Pilotprojekt wurde.



Wo fand der Unterricht statt? Auf deren Insel?

An verschiedenen Orten, je nach Thema. Aber ich brauchte einen Ort, wo ich Objekte erzeugen durfte. Ich wollte zum Beispiel eine Projektionsleinwand verwenden und Realia erzeugen, zu denen die Schüler dann eine Geschichte erfinden mussten. Wir haben auch zusammen gebaut, um die Namen der Objekte zu lernen. Das ist das schöne an SL, man lernt nicht aus dem Buch oder muss sich damit begnügen, sich die Dinge nur vorzustellen.

Wo siehst du neben diesen Möglichkeiten die großen Unterschiede zum Unterricht im richtigen Leben?

SL ist für mich nur ein Werkzeug von vielen. Es ist kein Allheilmittel. Es kommt immer darauf an, was meine Schüler möchten und brauchen und auch, was ich tun möchte. Danach wähle ich das Werkzeug aus.

Die großen Vorteile von SL sehe ich im Fernunterricht. Es gibt den Schülern und Lehrern das Gefühl, präsent zu sein. Das haben alle meine Schüler bestätigt. Klassischer Online-Unterricht, wie es früher war, ist nicht für jeden geeignet und man ist einsam.

Aber auch der Online-Unterricht verändert sich, oder?

Das stimmt. Heute ist der Online-Unterricht fast schon wie Face-to-Face. Hier in SL ist es aber noch mal besser. Allerdings wird es immer Schüler geben, die nichts von SL halten oder nur schwer damit zurechtkommen. Das muss man respektieren.

Ein weiterer Vorteil ist die Art, wie man hier Rollenspiele machen kann, die für den Sprachunterricht sehr wichtig sind. Im Klassenzimmer ist es nicht immer leicht, die Szene aufzubauen und sich vorzustellen, dass man in einem Hotel oder einem Restaurant ist. Hier kann ich mit meinen Schülern in ein Restaurant gehen, wo wir uns die entsprechenden Kostüme anziehen und uns viel besser in die Rolle hineinversetzen können. Außerdem sind viele Schüler weniger schüchtern, weil sie ja nicht wirklich vor der Klasse stehen müssen. Das trifft vor allem auf Erwachsene zu.

Nutzt du auch die Möglichkeiten, die sich daraus ergeben, dass hier viele Menschen unterwegs sind, die Englisch, Französisch oder Spanisch als Muttersprache haben?

Natürlich. Bisher haben wir ja nur vom Unterricht gesprochen, aber SL eignet sich auch wunderbar zum Üben. Nicht jeder hat die Möglichkeit, für ein paar Wochen oder Monate in ein zum Beispiel englischsprachiges Land zu reisen. Aber in SL finden sich immer Menschen, mit denen man sich unterhalten kann, entweder per Textchat oder Voicechat. Hier kann man vieles ausprobieren, auch bevor man wirklich in das Land geht.



Welche Schwachstellen haben das Lernen und die Lehre in SL?

Da ist zum einen die technische Seite, denn das Programm versagt immer noch viel zu häufig und der Ton funktioniert nicht immer einwandfrei. Außerdem ist es schwierig für Anfänger, weil der Lehrer hier mehr durch Sprache erklären muss und Gestik und Mimik sehr reduziert sind. Es kann auch sein, dass Schüler einfach lieber Grammatik pauken, auch wenn man ihnen noch so oft erklärt, dass es effektivere Wege gibt.

Wie lange dauern deine Kurse und was kosten sie?

Die Dauer können die Schüler selbst bestimmen, auch die Häufigkeit. Die Kosten hängen davon ab, ob es allgemeines Englisch oder Geschäftsenglisch ist, wie viele Teilnehmer dabei sind und so weiter, wie bei Face-to-Face-Kursen. Aber Online- und SL-Kurse sind in der Regel günstiger, weil da die Anfahrt wegfällt. Außerdem gelten die Preise nicht nur für die Unterrichtszeit hier. Ich bin die ganze Woche "da", helfe bei Fragen, lese Blogeinträge, höre mir die Sprachaufnahmen an und hinterlasse Kommentare.

Was können "klassische" Lehrer von dir lernen?

Hier findet zum Beispiel viel weniger Frontalunterricht statt. Man lernt viel über Projektarbeit. Man lernt nicht die Sprache, indem man über die Sprache spricht, sondern indem man sie benutzt.



Allerdings ist Second Life ja nur für Erwachsene gemacht. Für die jüngeren User gibt es Teen SL.

Das stimmt und stellt sicherlich auch einen Nachteil dar. Lehrer können sich via Screening-Verfahren auch für das Teen Grid anmelden und bekommen das Label "approved adult", aber ich halte nicht viel von Teen SL. Im RL gibt es auch kein Teen Grid. Es wäre sinnvoller, den Jugendlichen zu helfen, mit den neuen Medien richtig umzugehen. Wenn wir das nicht tun, ziehen sie alleine los, unkontrolliert.

Wie werden sich die Möglichkeiten der Bildung in SL weiterentwickeln?

Ich denke, in SL steckt noch viel Potenzial. Diese Welt lebt schon länger, als es viele für möglich gehalten haben. Sie öffnet sich und es wird Verbindungen zu anderen 3D-Welten geben, wie etwa OpenSim. Schon jetzt sind über 200 Universitäten in SL tätig, sogar manche Kurse werden hier angeboten. Auch wenn es SL nicht immer geben wird, schätzen viele Experten, dass sehr bald das gesamte Internet dreidimensional und jeder einen Avatar haben wird, so wie heute fast jeder eine E-Mail-Adresse hat. Alle, die das Internet nutzen, in der Schule oder für die Arbeit, werden sich also an virtuelle Welten gewöhnen müssen.

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