Sportrait: Moritz Milatz, MTB

Hannah Allgaier

Moritz Milatz, 26-jähriger Mountainbikefahrer aus der Wiehre, hat das erreicht, wovon viele Sportler träumen: die Teilnahme bei den olympischen Spielen. Im großen fudder-Interview berichtet er von seiner überraschenden Nachnominierung, vom erstaunlich öden Alltag im olympischen Dorf und vom Moment, als er im Wettkampf in Peking einen Platten bekam.



Zur Person

Name: Moritz Milatz Alter: 26 Wohnort: Freiburg Verein: Multivan-Merida-Team Werdegang:
  • 1996 Beginn Leistungssport unter Trainer Rolf Luxenburger
  • 1998/99 Erste Medallien beim Laufen/ Badische Meisterschaften
  • 2001 Durchbruch auf internationaler Ebene bei der Leichtathletik
  • Kontakt zum Freiburger ON TOUR MTB-Team und Angebot Teamsponsoring für 2003
  • 2002 Abitur und danach Zivildienst an der Uni-Klinik in Freiburg
  • 2003 Erste Saison als Lizenzfahrer für das ON TOUR Team
  • 2004 Erste Auftritte als Gastfahrer beim Merida-Biking-Team
  • 2005 Erste Saison beim Multivan-Merida-Biking-Team
  • 2007 Saison im Deutschen Meistertrikot
  • 2008 9. Platz bei XCO-WM in Italien
  • 2008, Juni Nachnominierung für Olympia
  • 2008, 23. August 16. Platz bei den Olympischen Spielen in Peking



Moritz, bei den Olympischen Spielen in Peking solltest du ursprünglich gar nicht starten. Warum wurdest du nachnominiert?

Es gibt für jedes Land eine begrenzte Zahl an Startplätzen. Die deutschen Männer hatten drei. Früher war es eigentlich immer so, dass jemand, der die Quali nicht geschafft hatte, auch keine Chance hatte, nominiert zu werden. Meine beste Platzierung bei den Qualifikationsrennen war gerade mal der 23. Rang, völlig unzureichend. Dann kamen aber die Weltmeisterschaften am 23. Juni. Hier fuhr ich von Platz 44 auf den neunten Rang – das beste Ergenbis von  uns allen in dieser Saison.

Wie hast du erfahren, dass du doch für Olympia nominiert bist?

Das war am Dienstag vor den Deutschen Meisterschaften. Ich war mit meinem Trainer Rolf Luxenburger gerade auf der DM-Strecke in St. Märgen unterwegs. Er sagte: "Sie haben noch nie einen mitgenommen, der die Quali nicht hat. Dann werden sie auch dich nicht mitnehmen."

Wie motivierend.

Ich kam vom Training heim und hab mich noch ein bisschen mit Rolf unterhalten. Plötzlich klingelte das Telefon und ein mir bekannter Reporter sagte, dass ich nominiert sei. Ich konnte das gar nicht glauben und rief sofort meinen Bundestrainer an. Der wusste auch von nichts. Ich war total verwirrt und hab im Internet nachgeschaut. Da stand, dass ich nachnominiert sei. Solange ich noch keine Bestätigung hatte, glaubte ich es aber nicht. Kurz darauf hat dann nochmal mein Bundestrainer angerufen und bestätigt, dass ich nach Peking reisen darf.

Warst du arg überrumpelt?

Ich habe mich natürlich riesig gefreut und zuerst mal allerhand Leute angerufen. Das war Wahnsinn. Ich war so nervös. Hatte auch die Tage davor immer ein gutes Gefühl im Bauch.



Wie hast du dich auf die Olympischen Spiele vorbereitet? Mit einem Last Minute Training?

Nach der WM war für mich die Saison eigentlich schon gelaufen. Hab mich schon auf meinen Urlaub gefreut. Außerdem wollte ich noch zwei Rennen in Kanada fahren. Als ich dann mitbekam, dass ich nach Peking fliegen soll, hab ich noch am selben Tag Kanada abgesagt. Mit Rolf Luxenburger fuhr ich für zwei Wochen ins Trainingslager. Erstmal aus allem Trubel raus und Ruhe.

Du hast dann eine Woche im Olympischen Dorf gewohnt. Wie war das für dich?

Das ist wirklich der Hammer. Schon am Flughafen von Peking gab es einen Extra-Ausgang für Sportler. Bei mir dauerte es allerdings ewig mit dem Visum, weil ich es erst so spät beantragen konnte. Das war ein bisschen nervig.
Im Dorf war ich dann total überwältigt: eine kleine Stadt mit 16 000 Menschen.

Gab es Pekingente?

Die habe ich wirklich jeden Tag gegessen. Am Schluss hing sie mir zum Hals raus. Im Dorf gibt es ein riesiges Essenszelt, in dem man 24 Stunden mit Nahrung versorgt wird. Dort gab es alles, auch Burger. Aber vor dem Rennen konnte ich das alles nicht genießen. Da schaut man dann eher nach was Gesundem.

Dein Tagesablauf im Dorf?

Wir sind immer relativ spät ins Bett gegangen und haben lange geschlafen. Das hat sich aus der Zeitumstellung ergeben, außerdem war das Rennen erst um 15 Uhr.

Erstmal haben wir etwa zwei Stunden lang gefrühstückt. Dann ging es auf die Strecke zum Training. Dann Mittagessen, dann  Erholung. Zwei, drei Tage war das wirklich klasse, aber irgendwann konnte ich das alles nicht mehr sehen. Jeden Tag das Gleiche. Die gleichen Menschen, das gleiche Essen und die gleiche Rennstrecke. Ich war froh, als ich am Sonntag wieder abreisen konnte. Länger hätte ich es wahrscheinlich nicht ausgehalten.



Keine Zerstreuung im Dorf? Kontakt mit Sportstars? Hast du Michael Phelps gesehen?

Den würde ich wahrscheinlich gar nicht erkennen. Ich hab mal die Basketballer getroffen und mit denen ein bisschen geredet. Aber von den Spielen allgemein habe ich im Grunde nichts mitbekommen. Ich glaube, da erlebt man vor dem Fernseher in Deutschland wesentlich mehr. Zum Fernsehen hatten wir übrigens überhaupt keine Zeit. Und die Sportstätten waren ja übers ganze Land verteilt. Man hat immer nur gesehen, wenn Sportler von Wettkämpfen kamen, aber wusste dann auch nicht, wie die abgeschnitten haben. Es war schade, dass das alles ein bisschen verloren ging.

Wie kamst du mit der Hitze zurecht?

Ich habe es mir schlimmer vorgestellt. Wir waren ja extra vorher in Japan, um uns an das Klima zu gewöhnen. Es war immer so um die 32 Grad warm. In Peking war die Luft recht angenehm und nicht so schlecht, wie alle sagten. Aber es kann sein, dass das zu Beginn der Spiele schlimmer war. Die ganzen Kraftwerke waren an unserem Renntag schon zwei Wochen lang ausgeschaltet.

Konntet ihr die Wettkampfstrecke schon vorher testen?

Ja. Die Strecke war richtig schwierig. Es waren ein paar Abfahren drinnen, da ist mir am Anfang ganz schlecht geworden. Wir mussten acht Runden fahren, eine davon war etwa vier Kilometer lang. Da verteilen sich die 50 Fahrer natürlich schnell.

Wie bist du das Rennen angegangen?

Mir war klar, dass man sich auf dieser Strecke leicht übernehmen kann. Auf einer normalen Strecke hat man eigentlich immer Zeit, sich zu erholen. Aber hier ging das überhaupt nicht. Es war ein ständiges Auf und Ab. Viele sind am Anfang zu schnell gemacht und sind während des Rennens eingegangen.



Kanntest du die anderen Starter?

Ja, eigentlich alle. Die Atmosphäre war gigantisch, ausverkauftes Stadion, Superstimmung. Alle waren total nervös. Ich bin in der Nacht davor ständig aufgewacht und habe mich im Bett herumgewälzt. Überall waren Kameras und ich wusste, dass Menschen auf der ganzen Welt zuschauen. Vor dem Start war ich eigentlich nicht mehr so nervös. Das war dann Routine. Aber als wir in den Reihen standen und ich wusste, dass es jede Sekunde los geht, habe ich mir innerlich selber nochmal ziemlichen Druck gemacht. Die erste Runde bin ich komplett mit Gänsehaut gefahren. Die anstrengende Strecke habe ich in diesem Moment überhaupt nicht gemerkt. Ich hatte die ganze Zeit das große Wort "Olympia" im Hinterkopf.

In der dritten Runde hast du dich bis zum elften Platz vorgekämpft. Dann kam der Schock.

Ja. Während einer Abfahrt habe ich am Hinterrad einen Platten bekommen. Ich hab nur die anderen Fahrer gesehen, die einfach an mir vorbeigedüst sind. Das war sehr bitter. Ich war plötzlich auf dem 25. Platz. Zuerst ging gar nichts mehr. Durch diese Panne habe ich bestimmt drei Minuten verloren. Ich musste bis zur nächsten Mechanikerstation schieben, dort wurde mir ein neues Rad dranmontiert. Mein Rhythmus war kaputt und ich brauchte zwei Runden, bis ich wieder richtig fahren konnte. Die letzte Runde lief dann wieder. Da habe ich nochmal viele überholt. Am Schluss wurde ich Sechzehnter.

Wie war die Zieleinfahrt?

Es war ein ganz komisches Gefühl. Als ich durchs Ziel fuhr, ist erstmal eine Last von mir gefallen. Wenn man sechs Wochen an nichts anderes denkt als an dieses blöde Rennen, das gerade mal zwei Stunden dauert, ist man erstmal froh, ins Ziel zu kommen. Nachdem ich mich erholt hatte, bin ich zu McDonalds gegangen und habe mir auch Süßigkeiten reingezogen.



Hmm.

Doch plötzlich fehlt was. Immer hat man dieses Rennen im Hinterkopf und dann ist es vorbei. Man arbeitet solange daraufhin. Dieses Gefühl kann man gar nicht richtig beschreiben.

Habt ihr abends gefeiert?

Ja, ein bisschen im Deutschen Haus. Da waren dann auch die Hockeymänner, die an diesem Tag Olympiasieger wurden. Da war dann schon gute Stimmung. Ich war zwar ziemlich fertig, aber die gute Laune hat angesteckt.

Warst du enttäuscht?

Ein wenig. Aber eher froh darüber, dass es vorbei war. Ich habe mich schon auf Australien gefreut. Da bin ich gleich am nächsten Tag hingeflogen. Von der schwülen Hitze in Peking ins schöne Australien, wo es nachts nur fünf Grad hat. Das hat gut getan.

Hast du nach dieser ganzen Plattengeschichte überhaupt noch Bock auf Olympia 2012 in London?

Ich bin jetzt 26 Jahre alt und mit 30 hat man sein bestes Rennalter. Da werde ich dann nochmal richtig angreifen.

Mehr dazu: