Sportrait (12): Ramin Farhatyar, Karate

Minh Duc Nguyen

Im Sportrait stellen wir talentierte Nachwuchsathleten vor. Der Freiburger Ramin Farhatyar (26) ist vor drei Wochen Vizeweltmeister im Karate geworden. Es war sein erstes großes Turnier.



Mit drei Jahren hat alles angefangen: Ramins Eltern steckten den Knirps in die Karateschule, weil seine älteren Geschwister dort ebenfalls trainierten. Mit 14 Jahren entschied sich Ramin, Kampfsport professionell zu betreiben. Seit 2001 trainiert er um die 70 Kinder. Auf seine erste Weltmeisterschaft in Huelva, Spanien, hat sich der 26-Jährige ein Jahr lang vorbereitet. Die WM fand vor drei Wochen statt. Mehr als 1500 Sportler aus über 36 Ländern nahmen an ihr teil, Ramin trat für die Deutsche Nationalmannschaft an.


Im Finalkampf verlor er gegen seinen brasilianischen Gegner. Für ihn jedoch kein Grund, den Kopf hängen zu lassen. Im Gegenteil: er sieht die Niederlage als Zusatzmotivation für die Weltmeisterschaft 2010.

Sportliche Erfolge:
  • 2007 Deutscher Hochschulvizemeister Kumite
  • 2009 Landesmeister Kumite Baden Württemberg- WKA
  • 2009 Internationaler Deutscher Meister Kumite-WKA
  • 2009 Deutscher Meister -Kumite-WKA
  • 2009 Vize-Weltmeister Kumite bis 70 kg - WKA

Ramin, wie würdest du dich in einem Satz beschreiben?

Ich bin ein ruhiger und zurückhaltender Mensch, der gern lacht und mit Kindern zusammenarbeitet. Deswegen bin ich auch Kampfsportlehrer geworden.

Du machst Karate. Was ist das genau?

Karate hat mittlerweile nichts mehr mit dem zu tun, wie man es von früher kennt. Wir zerschlagen keine Bretter oder Ähnliches. Karate ist inzwischen mehr Sport als Kampf. In erster Linie geht es um Koordination und Motorik, vor allem im Jugendbereich. Erst ganz am Ende kommt die Selbstverteidigung. Sie ist zum Nebeneffekt dieser Sportart geworden.

Dein schönstes sportliches Erlebnis?

Die Weltmeisterschaft in Huelva vor drei Wochen. Der Finalkampf gegen Flavio Ferreira war das beste sportliche Erlebnis, das ich bisher hatte. Zumal das meine erste Weltmeisterschaft war. Die ganze Mannschaft feuerte mich an. Ich verlor zwar, aber Flavio hat sich den Sieg auch verdient. Er hat einfach die Nerven behalten.

Dein besonderes Talent?

Wenn du von klein an immer draußen rumgehüpft und geklettert bist, entwickelst du eine gewisse Feinmotorik. Wenn du diese körperlichen Grundvoraussetzungen hast, dann bist du für fast jede Sportart geeignet. In meinem Fall spielt der Kampfgeist dazu eine große Rolle: Denn es ist wichtig, schmerzvolle Niederlagen in Motivation umzuwandeln. Und das, denke ich, kann ich ganz gut.



Deine Schwächen? 

Schokolade. Ich liebe Schokolade. Außerdem jogge ich nicht gern, obwohl ich das eigentlich müsste. Dafür mache ich mehrere Kurzstrecken hintereinander.

Wie sieht dein Alltag aus?

Momentan trainiere ich zuerst die Kleinen drei Mal in der Woche, danach absolviere ich mein eigenes Training. Vor Wettkämpfen muss ich täglich trainieren. Allerdings nicht mehr als zwei Stunden pro Tag. Mehr würde dem Körper nur schaden. Ansonsten mache ich ein Praktikum bei einem Fotografen, da ich selbst sehr gerne fotografiere.

Musst du vor Wettkämpfen auf dein Gewicht achten?

Nicht mehr. Früher, als ich noch in der Klasse bis 65 Kilo gekämpft habe, musste ich oft ein bis anderthalb Kilo abnehmen. Seitdem ich in der Klasse bis 70 Kilo bin, habe ich immer ein Kilo Luft nach oben und komme damit recht gut klar.

Wie sieht dein Training aus?

Das Training ist in zwei Kategorien aufgeteilt: einmal Ausdauer und Kraft, einmal Technik. Wenn ich kurz vorm Wettkampf stehe, trainiere ich viel Technik: wie reagiere ich, wenn er mich frontal angreift? Wie bekomme ich ihn in die Ecke, damit er die Tipps von seinem Trainer nicht hören kann? Ansonsten machen wir viel für die Ausdauer. Das funktioniert besonders gut, wenn ich in der Mitte stehe und die anderen drei oder vier Trainingspartner mich nacheinander angreifen.

Wie wichtig ist dir dein Sport?

Sehr wichtig. Ich bin damit aufgewachsen und könnte mir etwas anderes nicht vorstellen. Ich betreibe zwar auch andere Sportarten gern, aber Karate ist für mich immer wieder ein Ausgleich zum Alltag. Wenn ich Stress habe, dann ist der Sport für mich wie ein Ventil. Ich denke, jeder sollte so ein Ausgleichsventil haben.



Kannst du dir vorstellen, andere Sportarten auszuüben?

Ja klar. Ich war bis 2002 in einem Inline-Showteam, das den Weltrekord im Inline-Hochspringen 1999 aufgestellt und drei Jahre lang verteidigt hat. Dazu gehört Anlaufspringen, Rampenspringen, vorwärts, rückwärts, Salto oder über Feuer springen. Ansonsten laufe ich gern Parcour.

Und deine Familie steht hinter dir?

Fast. Meine Mutter macht sich immer Sorgen, wenn ich auf Wettkämpfe gehe. Wenn ich aber mit einem Pokal nach Hause komme, dann freut sie sich und stellt ihn in eine eigens dafür eingerichtete Ecke.

Stößt du manchmal auf negative Einstellungen gegenüber Karate?

Gar nicht. Ich habe eher das Gefühl, dass Menschen, die Kampfsport machen, ausgeglichener sind.

Gibt es Neider?

Auch nicht. Die meisten finden toll, dass ich das mache. Auch wenn sie selber das nicht machen, weil sie sagen, sie seien zu alt dafür. Was eigentlich nicht stimmt. Jeder kann Karate machen. Es kommt lediglich auf die Intensität an. Es gibt viele Sportler, die erst mit zwanzig oder später angefangen haben und erfolgreich sind. Weil sie diese Reife mitbringen, die im Sport auch eine wichtige Rolle spielt.

Warst du schon einmal ernsthaft verletzt?

Nein. Aber kleine Verletzungen wie Leistenzerrung, Gehirnerschütterung oder leichte Knieprobleme, die hat man nach einem Wettkampf manchmal.

Kannst du vom Sport leben?

Nein. Im Karate gibt es keine Preisgelder. Man kann zwar durch Sponsoren finanziell unterstützt werden, aber wie beim Profiboxen ist es bei uns nicht.

Findest du das nicht ungerecht?

Klar. Aber in Deutschland hat Karate nicht den Status wie in Italien oder Iran. Bei der Weltmeisterschaft hat mir ein iranischer Teilnehmer erzählt, dass er sehr stark unterstützt wird von verschiedenen Verbänden und Sponsoren.

Fühlst du dich sicherer, weil du Kampfsportler bist?

Es ist nicht so, dass ich Karate gemacht habe, um jemanden zu beschützen oder gar einzuschüchtern. Ich habe bis jetzt eine einzige Rangelei miterlebt, bei der ein paar Typen Stress machen wollten. Ich bin hingegangen und habe gesagt: "Hey Jungs, ich gebe uns eine Runde Bier aus, dann können wir in Ruhe über alles reden." Am Ende waren alle wieder gut drauf.

Was motiviert dich?

Auszuprobieren, wie lange ich mich auf diesem Niveau halten kann.

Hast du manchmal Angst vor Wettkämpfen?

Früher war ich viel nervöser. Mittlerweile nicht mehr. Ich bin aufgeregt, aber positiv. Das ist vielmehr Vorfreude denn Angst. Weil ich wissen möchte, wie gut er ist, was er kann und so weiter.

Wovon träumst du?

Dass ich gesund bleibe. Und natürlich vom Gewinn der nächsten Weltmeisterschaft. Darauf arbeite ich hin.

[Fotos: Ramin Farhatyar]

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