Sportbrigade Sparwasser in Schmitz Katze: "Wir haben eine Ader fürs Dreckige und Rotzige"

Bernhard Amelung

Seit rund 15 Jahren legen Mark Fischer und Marc Zoller als Sportbrigade Sparwasser auf. An diesem Samstag spielt das Duo in Schmitz Katze. Ein Gespräch über exotische Auflegeerfahrungen, Rituale vor dem Auflegen und Ostblock-Ästhetik.



Ihr spielt seit rund 15 Jahren zusammen. Sprecht ihr euch beim Auflegen eigentlich noch ab?

Marc Zoller: Wir bringen beide unsere persönliche Musikauswahl mit. Mark legt ja seit Jahren eine steile Solokarriere als Produzent hin und hat jede Menge eigene Tracks dabei.

Mark Fischer: Wir sind wie ein altes Ehepaar. Wir haben uns beide entwickelt, sind aber als Musiker zusammen geblieben. Da braucht es keine oder nur noch wenige Worte. Wir lassen es treiben, wir lassen es laufen. Nur so kann auch eine Dynamik entstehen.

Ihr habt schon so gut wie überall aufgelegt. Was war eure exotischste Auflegeerfahrung?

Mark: Das Festival International Cervantin in Guanajuat in Mexiko hat uns schwer beeindruckt. Das ist ein Kulturfestival, das zwei Wochen dauert und die unterschiedlichsten Kunstformen abbildet. Das gibt es seit vierzig Jahren und hat für Mittel- und Südamerika eine Leuchtturmfunktion. Dort spielten wir 2014.

Die große Konzertbühne, die Platz für ein Symphonieorchester bot, war auch unsere Arbeitsbühne. An deren Ende steht ein Gebäude, das Schauplatz des mexikanischen Unabhängigkeitskriegs war (der Kornspeicher Alhóndiga de Granaditas, die Red.). Dieser Ort ist historisch und emotional stark aufgeladen. Das hat auch auf uns abgefärbt.

Marc: Wir wussten ja nicht, was uns da erwartet. Es war die erste Show von unserer Mexico-Tour. Die Leute hätten uns zwei Techno-DJs auch mit Obst und Gemüse bewerfen können. Doch wir mussten bereits vor unserem Auftritt Autogramme geben und mit den Festivalgästen Selfies machen. Die Leute waren so begeistert.

Mark: Die Stichwörter Berlin und Techno haben genügt.

Würdet ihr auch auf Festivals wie dem Tomorrowland auflegen?

Mark: Um des Wahnsinns willen würde ich mir das schon einmal anschauen. Aber auf einer großen Bühne stehen, zwanzig Meter weg von einem Publikum, völlig disconnected, das würde ich als Dauerzustand nicht ertragen.

Marc: Als Bildungsurlaub könnte man sich das schon einmal geben. Schauen, wie da mit Sponsoring und Kommerz umgegangen wird. Welche Unternehmen alles in der Sponsorenliste stehen. Aber unser Wunschbooking wäre das sicher nicht.

Auf eurer Facebook-Seite zitiert ihr Bertold Brecht. Inwieweit kann elektronische Musik politisch sein?

Marc: Die Musik per se kommt ja ohne Texte daher, ist also erstmal unpolitisch.

Mark: Sie präsentiert zunächst keine Inhalte. Sie ist von den jeweiligen Akteuren abhängig. Sie kann ein Träger von Gemeinsamkeit sein, ein Sammelbecken für Leute aus unterschiedlichen politischen Zusammenhängen.

Marc: Ich sehe die Musik auch kontextabhängig. Techno-Deutschland muss nicht automatisch eine sympathische Veranstaltung sein.

Wie habt ihr überhaupt zur elektronischen Musik gefunden?

Mark: Als Teenager in den Achtzigerjahren war ich überhaupt kein Discogänger. Ich fand die Musik grauenvoll, das Rumgestehe, das gegenseitige Angegucke. Mit Techno kam eine Stilrichtung auf, zu der man sich frei bewegen konnte. Auf Techno konnte man auch etwas machen, wenn man motorisch nicht so begabt war. Das hat mich so motiviert, dass ich mich anfing, mit dieser Musik zu beschäftigen.

Marc: Ich war ursprünglich Teil einer beinharten Punk- und Metal-Community. Alles, wo auch nur im Ansatz ein Synthesizer verwendet wurde, habe ich verachtet. Depeche Mode und so Sachen gingen mal überhaupt nicht. Als dann Techno zu uns auf's Land kam, ekelte ich mich davor.

Wie wurde aus dieser Ablehnung Liebe?

Marc: Über den Umweg HipHop, TripHop und Drum and Bass. Meine Geschwister hörten das. Im Drum and Bass steckte ja auch eine gewisse Punk-Ästhetik, die Härte, das Gnadenlose. Über diesen Umweg habe ich mich der elektronischen Musik geöffnet.

Dann war ich Mitte der Neunzigerjahre zum ersten Mal auf einer Goa-Party. Dort habe ich gemerkt, dass es überhaupt nicht darauf ankommt, wer mit welchen Klamotten und mit welchen Leuten unterwegs war. Es zählte nur, wer im Hier und Jetzt tanzte. Mich hat sehr gepackt, dass alle Dünkel, die man vorher so an sich hatte, keine Rolle mehr spielten.

Wie habt ihr den inneren Punk bis heute bewahrt?

Mark: Ich hatte nie einen. Den kann ich mir also gar nicht bewahren. Ich denke, dass wir auf jeden Fall eine Ader für Dreckiges und Rotziges in der Musik haben. Manche Leute nennen unseren Sound mitunter auch prollig, das möchte ich gar nicht von der Hand weisen. Wir nehmen die Musik nicht mit dem Silberlöffel auf.

Marc: Der Punk in uns lässt uns nicht jeden Quatsch mitmachen. Außerdem haben wir ein ausgeprägtes politisches Bewusstsein. Wir spielen auch gerne auf Solipartys für linksalternative Projekte, legen in kollektiv aufgestellten Läden auf und halten uns vor dem totalen Mainstream bewusst zurück.

Richie Hawtin trinkt Sake, was für ein Ritual habt, bevor ihr in den Club geht?

Marc: Vorweg haben wir keines. Da sind wir entweder spät dran, mit der Technik beschäftigt oder quatschen mit irgendwelchen Leuten.

Mark: Wir haben auch keine besondere Yoga-Übung. Manchmal gehört es dazu, dass wir mit den Veranstaltern essen gehen. Aber da pochen wir auch nicht drauf. Es ist nicht schlimm, wenn das nicht passiert. Und was auf der Speisekarte steht, ist auch ziemlich zweitrangig.

Marc: Nach dem Auftritt fallen wir uns aber meistens in die Arme oder klopfen uns auf die Schulter, wenn es gut gelaufen ist.

Was steht Besonderes auf eurem Stage Rider?

Marc: Jede Menge Wasser. Das ist cool.

Mark: Und Handtücher. Ein Ventilator ist auch gerne gesehen.

Auflegen ist wie Hochleistungssport. Wie haltet ihr euch eigentlich fit?

Mark: In dem wir nicht jedes Wochenende drei bis vier Mal auf zwei verschiedenen Kontinenten auflegen. Außerdem haben wir neben dem ganzen Disco-Gedöns noch ein relativ anders gelagertes Leben.

Marc: Würde sich unser Leben nur ums Auflegen drehen, weiß ich nicht, ob wir so lange fit geblieben wären.

Wie seid ihr eigentlich auf den Namen "Sportbrigade Sparwasser" gekommen?

Mark: Das weiß keiner mehr so genau. Auf jeden Fall hatten wir über das Tanzen, für das unsere Musik steht, einen Bezug zum Sport.

Marc: Wir hatten eine Schwäche für eine gewisse Ostblock-Ästhetik. 2004 nahmen wir einen Mix auf, verwendeten als Cover ein Bild von den Weltfestspielen der Jugend.

Mark: Da ist uns aufgefallen, dass alle diese Sportverbände und Kombinate nach einem sozialistischen Helden benannt waren. Die meisten Ostsportler waren uns aber nicht bekannt, da wir im Westen aufgewachsen sind. Und 'Sportbrigade Weißflog' oder 'Sportbrigade Witt' klang einfach nicht gut.

Marc: Einer von uns kam dann auf den Fußballer Jürgen Sparwasser. Der schoss bei der WM 1974 im Spiel DDR-BRD das Siegtor für die DDR. Das hat ihn zum ostdeutschen Volkshelden gemacht.

Sportbrigade Sparwasser - Live at Kater Blau (Nov. 2015)

Quelle: Soundcloud


Mehr dazu:


Was:
Bassblütentherapie w/ Sportbrigade Sparwasser, Don Kanalie, Martin van Morgen, com.ma
Wann: Samstag, 20. Februar 2016, 23 Uhr
Wo: Schmitz Katze
[Foto: Sportbrigade Sparwasser/Promo]