Splashdiving im Westbad: Wenn's weh tut

Julika Herzog, Joana Jäschke & Philipp von Ditfurth

"Cannonball", "Potato" und "Smallcat" – Arschbombe ist nicht gleich Arschbombe. Am Wochenende wurde in Freiburg die Vorausscheidung für die Arschbomben-Weltmeisterschaft ausgetragen. Im Westbad traten 17 Athleten gegeneinander an – nur 9 dürfen im Sommer zur WM nach Nürnberg fahren. Für fudder hat sich Arschbomben- Anfänger und Freiburg-Neuling Stefan Elies vom Turm gestürzt – und dafür Blutergüsse und unfreiwillige Darmspülungen riskiert.



30 Grad, 90 Prozent Luftfeuchtigkeit, es riecht nach Chlor.

Stefan schaut in die Tiefe. „Wenn’s weh tut, tut’s halt weh!“.

Er zieht die Augenbrauen hoch, bis sie unter seinen ins Gesicht gestrubbelten Haaren verschwinden und presst seine Lippen fest aufeinander. Unter ihm grell-blaue Wellen, manchmal schimmert das Muster der Fliesen durch, ein Schwimmer krault mit schnellen Zügen an den Beckenrand.

„Ste-fan, Ste-fan“ hallt es durch die Schwimmhalle. Er schaut hastig über die rechte Schulter nach oben, von wo aus ihn zehn Jungs in gelb-schwarzen Badehosen anfeuern. Dann nimmt er Anlauf und springt. Mit den Händen rudert er in der Luft.

Platsch!

Platsch! Zuerst schlagen die Füße auf das Wasser, eine kleine Fontäne schnellt nach oben.



Der erste offizielle Sprung für heute: eine einfache Arschbombe. „Saubere Durchschnittsleistung“, dröhnt es aus den Lautsprechern. Die Wettkampfrichter halten ihre Täfelchen hoch: 5, 5,5, 6 und 5 Punkte.

Vor einer Stunde stand Stefan zum ersten Mal auf dem Brett – der 27-jährige Student ist neu in Freiburg und will hier auch was Neues ausprobieren, „nur so zum Spaß und weil ich hier noch nichts zu tun habe.“ Deshalb ist er jetzt einer von 17 Athleten, die sich um einen Platz in der deutschen Nationalmannschaft vom Sprungturm stürzen; um dabei zu sein, bei der Arschbombenweltmeisterschaft 2008.

Die Arschbombe ist nämlich eine Sportart – und heißt heute Splashdiving. Seit 2004 treten jedes Jahr im Sommer einige Verrückte gegeneinander an, um sich den Weltmeistertitel der Arschbomber zu holen. Wer vom 15. bis 17. August bei der WM in Nürnberg dabei sein will, musste sich an diesem Wochenende im Freiburger Westbad beweisen.

Stefan, der aus Rostock kommt, geht es weniger ums gewinnen. „Hauptsache, ich komme da heil wieder runter, das ist mir wichtiger als ein cooler Sprung,“ sagt er extrem gelassen mit norddeutschem Einschlag.

Trainings-Session mit Medaillenträger

Zwei Stunden zuvor: Stefan klettert zum ersten Mal in seinem Leben auf den 10-Meter-Turm. Hinter ihm Jan Hempel. Kleiner durchtrainierter Körper, viele Haare, davon wenige auf dem Kopf und Dauerlächeln. Der Arschbombentrainer aus „Dräsden“ will Stefan für den Wettbewerb fitmachen. Mit zwei olympischen Medaillen im Turmspringen weiß er wovon er redet, er ist immerhin schon über 280.000 Mal vom 10-Meter-Brett gesprungen.

 

Die zwei Männer starren in die Tiefe. Stefan krallt die Hände in seine eng anliegende Badeshorts und macht einen Schritt zurück. Dann geht’s wieder runter auf fünf Meter. „So bescheißen wir uns selbst“ sagt Jan Hempel. „Wenn man erstmal ein paar Minuten von zehn Metern nach unten schaut, kommen einem fünf Meter auf einmal gar nicht mehr so hoch vor.“ Auch bei Stefan wirkt der Trick, er springt sofort – aber nur eine einfache Kerze. „Das machen bei uns schon die Fünf- bis Siebenjähringen“ beurteilt Jan Stefans ersten Sprungversuch.

In diesem Moment rast ein „Cannonball“ vorbei: ein zusammengerollter Körper mit dem Arsch voran. Es knallt gewaltig und das Wasser spritzt bis hoch ans Fünf-Meter-Brett. So sieht die perfekte, klassische Arschbombe aus, nur verschärft aus zehn Metern Höhe. „Eigentlich habe ich ja Höhenangst“ sagt Stefan. Der nächste Knall schallt nach oben– im Minutentakt fliegt die Konkurrenz vorbei.



„Cannonballs“, „Small Cats“, „Potatos“ und „Braunis“: Arschbombe ist eben nicht gleich Arschbombe.

Dreizehn offizielle Sprünge gibt es. Eins haben sie alle gemeinsam: Beim Aufprall tut’s mächtig weh und danach zieren blaue Flecken von der Ferse bis zum Oberschenkel die Springerbeine. Bei den wilden Verrenkungen, Schrauben und Salti seiner Mitstreiter wird Stefan mulmig zumute. Er macht ja eigentlich nur zum Spaß mit und hat nicht mit so einer professionellen Truppe gerechnet. Aber jetzt gibt es kein zurück mehr, Jan ist in seinem Element und schickt Stefan gleich ein zweites Mal nach unten – auf dem kürzesten Weg – „nur so lernt man es.“ Einer, der es schon kann, schlägt neben ihm im Becken auf. „Kleiner Tipp: Mach erstmal nen Chair, der ist ganz einfach– wie wenn du zuhause auf dem Klo sitzt“ sagt Ron, der schon letztes Jahr bei der Arschbomben-WM für Deutschland angetreten ist.

„Aber Arschbacken anspannen, sonst bekommst du beim Aufprall ne Darmspülung verpasst“ schiebt er noch hinterher.



Mit Darmspülungen und anderen unangenehmen Begleiterscheinungen hat der kleine, drahtige Typ mit der Zahnlücke schon Erfahrung: Er springt schon seit seinem achten Lebensjahr, an die blauen Flecken hat er sich schon gewöhnt: „Das ist dann so, als ob die Freundin einen ohrfeigt, es brennt kurz, dann hört’s auch wieder auf.“



Wettkampf in maximal zwei Badehosen

„Badehosen-Test“ schallt es aus dem Lautsprecher – das Training ist vorbei, der Wettkampf beginnt. Damit es gerecht zugeht, darf jeder Athlet nur maximal zwei Badehosen tragen – Kontrolle durch die Jury. Die Jungs sammeln sich auf dem riesigen, grauen Betonkoloss und segeln einer nach dem anderen in den Abgrund. Jeder führt drei Sprünge seiner Wahl vor – dabei zählen Kreativität und Technik.

Die Wettkampfrichter werten hart. Neben Jan Hempel sitzen noch drei andere Männer in blauen Campingstühlen – alles Experten des Extremsports „Arschbombe aus zehn Metern“ – Splashdiving.

„Kann ich meinen Sprung noch ändern?“ Stefan wippt von einem Fuß auf den anderen. Nach kurzer Beratung mit der Jury steht er zum wieder auf dem Sprungturm – allerdings nur auf drei Metern – die zehn überlässt er lieber den Profis.



Splash! Das war ein Brett, der beliebteste, aber schmerzhafteste Sprung. Mit Beinen parallel zur Wasseroberfläche klatscht er auf, er klettert aus dem Becken mit schmerzverzerrtem Gesicht.

„Ich weiß genau wo es weh tut: am Sack“ sagt Christian „Elvis“ Guth, der amtierende Arschbomben-Weltmeister. Aus einer Turnerfamilie stammend ist Elvis schon mit 5 Jahren zum ersten Mal vom Zehner gehüpft. Mittlerweile hat er sogar einen Sprung aus 36 Metern von einem Hubschrauber ins Meer hinter sich, immer auf der Suche nach dem nächsten Adrenalinkick. Den Spitznamen Elvis hat er sich durch seine Technik verdient: Beim Federn auf dem Sprungbrett schwingt er die Hüften wie der King of Rock’n’Roll himself.

Als Weltmeister ist Elvis automatisch für die Nationalmannschaft qualifiziert, die vier Wettkampfrunden – neben dem Springen ist auch Teamgeist und Ausdauer gefragt – kann er von der Tribüne kommentieren.

Höh-er, Höh-er!

„Und, Hose noch ganz?“ rauscht Oliver Schill vorbei und haut Stefan auf den Hintern. Dann ist er schon wieder weg. Der Klippenspringer hat Splashdiving erfunden und die Arschbombe somit international zum Sport gemacht, mit Wettkämpfen, WM und Sponsoren. An der WM nehmen Teams aus Australien, England, Österreich, der Schweiz, Türkei, Holland, Nigeria und den Philippinen teil. „Wir leben den olympischen Gedanken: bei uns darf jeder starten, wenn er sich traut.“

Die Springer trauen sich einiges: dreifache Saltos aus 10 Metern mit Landung auf den ausgestreckten Beinen, dazu gehört Mut. Mit 50 Studenkilometern rasen sie in 1,4 Sekunden auf die Wasserwand zu. Bei so einer Beschleunigung kann nicht einmal ein Porsche mithalten.

Von der Tribüne und aus dem Schwimmerbecken feuern Kinder, Erwachsene und angereiste Fans die Athleten an.

Stefan zieht sich die Hose noch mal hoch und setzt den Fuß auf die erste Stufe der Treppe zum 3 Meter Brett. „Höh-er, höh-er“ rufen das Publikum und die anderen Athleten. Stefan zieht die Schultern hoch, dreht sich um und wirft einen Blick zu Jan, seinem Trainer, der ihm zunickt.



Er macht sich an den Aufstieg – bis auf siebeneinhalb Meter. Er nimmt Anlauf, drückt sich vom Betonbrett ab, umklammert mit beiden Armen das angezogene Knie und taucht unter. „Tat komischerweise nicht mal so weh wie das „Brett“ vom Dreier.“

Der Wettkampf geht weiter, jetzt geht es um Ausdauer. Die Arschbomber müssen 15 vorgegebene Sprünge schnell nacheinander absolvieren. Die erste Truppe Athleten legt los. Kaum sind sie unten aus dem Wasser geklettert, hechten sie schon wieder die Leiter hoch: Sprünge wie am Fließband. Mit jedem Durchgang wird der Aufstieg langsamer.

„Ein dreifacher Salto in die Kartoffel“, schreit der Moderator ins Mikro. Stefan lässt sich in einen Klappstuhl fallen. „Das war’s für mich, sonst müsst ihr mich nachher zusammenflicken. Ich probiere es erstmal mit dem Seepferdchen."



„Bombing Bounce“
nennt sich das Seepferdchen für Splashdiver. Für das erste Niveau müssen fünf verschiedene Arschbomben vom Beckenrand richtig ausgeführt werden. „Ha, ist ja easy“. Die Prüfung nimmt Jan ab und überreicht Stefan 10 Minuten später stolz den Aufnäher für die Badehose. Der tröstet auch über die blauen Beine hinweg.

Stefan schmeißt sich sein blaues Handtuch über und geht Richtung Dusche. „Ich glaube, die Rückfahrt auf dem Fahrrad wird hart heute“ sagt er noch, während er mit gequältem Gesichtsausdruck breitbeinig davon schlappt.

Mehr dazu:

fudder.de: Audio-Galerie: Arschbomben im Westbadhttp://fudder.de titel="">



Foto-Galerie: Philipp von Dittfurth

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