Spiel des Lebens - Das WM-Tagebuch (2)

Rudi Raschke

Gestern, beim WM-Eröffnungsspiel in München gegen Costa Rica, musste ich (Foto oben: 2.v.r.) an Alfred Hitchcock denken. Die WM startete für mich nach einem alten Lehrsatz von ihm: Mit einem Erdbeben, jetzt muss sie sich nur noch steigern. Zuletzt war ich bei der Fahrt zu einem Stadion vor zwölf Jahren so aufgeregt, als es mit dem SCF zur Abstiegsvermeidung nach Duisburg ging.



Alle Befürchtungen, dass eine Horde Anzugträger die Münchner Arena zur Eröffnung einnimmt, haben sich gottseidank zerstreut. Jeder, der ein Ticket hatte, versuchte sich im Fan-Styling - zu sehen gab es den Mix Deutschland-Trikot mit Bayern-Tracht, Irokesen-Perücken in schwarz-rot-gold und natürlich die obskursten Namensaufdrucke auf dem Adler-Dress. Aber gestern war alles erlaubt. Am schlimmsten sah noch die Schiri-Truppe aus, die neongelb wie drei lebensgroße Textmarker über den Platz fegte. Selbst Stevie Wonder hätte sie von meinem Platz unterm Dach erkannt, wenn er im Stadion gewesen wäre.


Statt ihn traf man andere Promis auf den Rängen, die ebenso unerwartet kamen: Ok, der Hacklschorsch gehört dazu, aber Speedkoch Tim Mälzer und Historienfitti Guido Knopp? Nun ja. In den zwei Reihen unter mir feierte ein mittelständisches Unternehmen mit Einheitskappen. Der Chef sah aus wie ein rotgesichtiger Engländer aus der WM-Elf von 1966. Für sein Bemühen um Biernachschub und gute Trinksprüche wurde er fortlaufend geherzt. Keine Ahnung, wie die 30 Betriebsausflügler an Karten kamen, aber ein Stimmungsloch stellten sie jedenfalls nicht dar.

Die Eröffnungsfeier war ein seltsamer Mix aus Laptop, Lederhose und Turnfest. Man hätte sie auch "André Hellers Rache" nennen können. Ein für mich erstaunlich rührender Moment war die deutsche Hymne: Klinsi funktionierte sie mit seiner gesamten Truppe zu einer Art "Pfeifen im finsteren Walde" um, alle lagen sich jetzt schon so ängstlich an den Armen, wie man es frühestens vom Elferschießen im Halbfinale gewohnt ist. Aber angenehm bescheiden.

Den Grund, warum ich gestern so laut wie noch nie mit Deutschland leiden würde, lieferte mir bereits am Frühstückstisch ausgerechnet Uli Fuchs. Als Journalist ist er so etwas wie der Chefideologe des Freiburger Projekts. In der Tageszeitung taz pries er eine Hinwendung der Nationalelf zum Konzeptfußball, die früher undenkbar gewesen wäre. Ich habe also in der Münchner Arena mit der Bundesausgabe unseres Finkevili gezittert.

Für beste Stimmung nach dem Abpfiff sorgten übrigens die "Tifosi Freiburg" (links): Sechs Vollverkleidete, die nicht nur die boarischen Durchsagen der U-Bahn-Fahrerin mit Zugabewünschen feierten. Gemeinsam sangen wir "Ohne Freiburg wär hier gar nichts los" und "Freiburg ist die schönste Stadt der Welt" Eingeborene und übrige Nicht-Breisgauer im Waggon raunten müde was von "Zweiter Liga"

Und originell fiel auch die Glückwunsch-SMS meines walisischen Kumpels Martin Jones nach Abpfiff aus. Er pries die deutsche "Monty Python-Defence". Keine Ahnung aber vielleicht ist Arne Friedrich ja wirklich beim "Ministerium für komische Gangarten" der britischen Komiker angestellt. Mal sehen: Heute startet die internationale Konkurrenz. Und damit mein erster Spieltag auf der heimischen Analyse-Couch.

[Der gebürtige Freiburger Rudi Raschke ist der Autor unseres WM-Tagebuch-Blogs, das wir in den kommenden vier Wochen auf fudder führen werden. Er lebt in München und arbeitet als Redakteur des Playboy]